Wuthering Heights: Ist das Romantik, oder kann das weg?
- Emilia Gottermann

- vor 4 Tagen
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Warum der neue Wuthering Heights-Film mehr über uns erzählt als über Emily Brontë
Im Kino wird geweint. Als das Licht wieder angeht, sitzen einige Zuschauende noch still in ihren Sitzen und wischen sich über die Augen. Dabei hat der Film keine besonders glückliche Liebesgeschichte erzählt, streng genommen gar keine. Warum die neue „Wuthering Heights“-Verfilmung von Emerald Fennel eine Geschichte über Sehnsucht erzählt und was dabei aus Emily Brontës Original verloren geht.
25.03.2026
von Emilia Gottermann

Heathcliff manipuliert, droht, benutzt Menschen für seine Rache. Catherine entscheidet sich für ein anderes Leben, ohne sich wirklich von ihrem alten lösen zu können. Am Ende bleibt vor allem eines zurück: eine Sehnsucht, die niemand erfüllen kann. Trotzdem gilt die Beziehung von Catherine Earnshaw und Heathcliff aus Emily Brontës Wuthering Heights bis heute als eine der großen Liebestragödien der Literaturgeschichte. Auch die neue Verfilmung erzählt von Liebe, allerdings mehr über Sehnsucht und Yearning. Yearning beschreibt ein starkes Verlangen nach etwas, das man nicht haben oder nur schwer bekommen kann, also genau diese Art dauerhafter Sehnsucht nach erfüllter Liebe.
Intensität um jeden Preis?
Im Roman von Emily Brontë (1847) entwickelt sich die Verbindung zwischen Catherine und Heathcliff langsamer. Als Heathcliff ins Haus der Earnshaws kommt, reagieren diese irritiert, weil seine Herkunft und Hautfarbe ihnen fremd erscheinen. Die Nähe zwischen den beiden entsteht aus Ausgrenzung und geteiltem Trauma, nicht aus sofortiger romantischer Anziehung. Der Film verkürzt diese Entwicklung deutlich. Die Beziehung wirkt unmittelbarer, fast schicksalhaft. Catherine und Heathcliff scheinen sich von Anfang an zu erkennen. Oder wie Catherine ihre Verbindung beschreibt: „Woraus auch immer unsere Seelen gemacht sein mögen, seine und meine sind gleich […]“. (Emily Brontë, 1847)
Damit verschiebt sich aber auch der Ursprung ihrer Verbindung. Was im Roman langsam wächst, erscheint im Film eher wie emotionale Vorbestimmung. Auch der Blick auf Heathcliff verändert sich. Im Roman richtet sich sein Racheplan zunächst gegen Catherines großen Bruder, der ihn jahrelang aus rassistischen und klassistischen Motiven misshandelt. Im Film wird Heathcliffs Wut stärker emotional motiviert, enger mit Catherine verbunden. Er wirkt weniger wie ein berechnender Rächer als ein verletzter Liebender. Dabei wirft außerdem das Casting von Jacob Elordi als Heathcliff Fragen auf. So entsteht im Film eine romantische Lesart, in der die Verbindung weniger über Fürsorge als über Intensität funktioniert.
"Emotionale Eskalation, Schmerz und Eifersucht erscheinen nicht als Warnsignale, sondern als Beweise für Bedeutung, Leidenschaft und Tiefe."
Warum wirkt diese Beziehung trotzdem so romantisch? Weil ihre Beziehung eine Fantasie bedient, die tief in romantischen Erzählungen verankert ist, von Romeo und Julia bis zu modernen Liebesdramen: für jemanden so wichtig zu sein, dass selbst Leid bedeutungsvoll erscheint. In dieser Logik wird Nähe nicht über Stabilität definiert, sondern über emotionale Radikalität: Wer leidet, liebt tiefer. Emotionale Eskalation, Schmerz und Eifersucht erscheinen nicht als Warnsignale, sondern als Beweise für Bedeutung, Leidenschaft und Tiefe.
Was bedeutet das für unser Verständnis von Romantik? Wenn Intensität wichtiger erscheint als Fürsorge, verschiebt sich auch, was als „große Liebe“ verstanden wird: Liebe wird nicht mehr daran gemessen, ob sie trägt, sondern daran, wie stark sie empfunden wird, unabhängig von Gesundheit oder Dynamik der Beziehung. Am Ende stirbt Catherine, und Heathcliff bittet sie: „Sei immer bei mir, nimm irgendeine Gestalt an, treibe mich in den Wahnsinn, nur lass mich nicht allein in diesem Abgrund zurück, in dem ich dich nicht finden kann! […] Ich kann nicht leben ohne mein Leben! Ich kann nicht leben ohne meine Seele!“
Liebe, Lust und Leid?
Die Beziehung scheint über eine Form emotionaler Verschmelzung zu funktionieren, die kaum Raum für ein eigenes Leben lässt. Eine Dynamik, die man heute als Co-Abhängigkeit bezeichnen würde.
In der Psychologie bezeichnet Co-Abhängigkeit ein Beziehungsmuster, in dem eine Person emotional stark von einer anderen abhängig wird. Psycholog*innen sprechen auch von Trauma-Bonding, einer Bindung, die durch wiederholte Zyklen von Gewalt und Versöhnung entsteht.
Der Film inszeniert diese Dynamik als romantische Intensität. Genau darin liegt die anhaltende Faszination von Wuthering Heights. Die Geschichte berührt nicht, weil sie zeigt, wie Liebe gelingt, sondern weil sie von einer Sehnsucht erzählt, die größer erscheint als das Leben selbst.
Problematisch wird diese Lesart, wenn der Ursprung dieser Tragödie aus dem Blick gerät. Brontës Roman ist nicht nur eine Geschichte über obsessive Leidenschaft, sondern auch über sozialen Ausschluss, Rassismus, Klassismus und die daraus entstehende Gewalt. Heathcliffs Rache ist nicht nur das Resultat einer unerfüllten Liebe, sondern auch das Ergebnis jahrelanger Demütigung. Dass eine moderne Verfilmung diese Aspekte zugunsten romantischer Intensität verschiebt, überrascht kaum. Adaptionen verändern ihre Stoffe immer auch für die emotionale Logik ihrer Zeit. Sie folgen damit einer Erzählweise, in der Gefühle im Zentrum stehen und gesellschaftliche Ursachen in den Hintergrund treten. Dies nicht zuletzt, weil individuelle Emotionen leichter zugänglich wirken als strukturelle Ungleichheit und komplexe Machtverhältnisse und sich leichter als zeitlose Liebesgeschichte erzählen lassen. Gerade deshalb erzählt der neue Wuthering Heights-Film weniger über Emily Brontë als über unsere eigene Vorstellung davon, wie Liebe sich anfühlen soll.

Emilia Gottermann studiert Journalistik und arbeitet als Social Media Managerin. Neben dem Lesen und chronischem Online-Sein hostet sie einen Podcast, in dem sie popkulturelle Ereignisse einordnet und hinterfragt.



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