Nur ein Swipe in die Fremdbestimmung: Wie wir durch Social Media und KI verlernen selbstständig zu denken
- Leonie-Luna Kranacher

- vor 4 Tagen
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Aktualisiert: vor 4 Tagen
Mehr Reichweite für Vernunft?
„Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“– und vielleicht auch selbst nach neuen Sport-Leggings zu recherchieren, bevor du blind den Anweisungen einer Online-Persönlichkeit folgst. Das, was Philosoph Immanuel Kant 1784 formuliert, ist heute aktueller denn je. Es sind schließlich deine neuen Sport-Leggings und bisher konntest du dir selbst auch vertrauen, ein Kaufurteil zu fällen. Autorin Leonie‑Luna Kranacher darüber, warum Kants Aufruf zum eigenständigen Denken gerade in den sozialen Medien so wichtig ist.
04.03.2026
von Leonie-Luna Kranacher

Noch bevor der Tag als solcher wahrgenommen wird, öffnet sich wie von selbst der Daumen-Takt des Alltags: TikTok, Instagram, die neueste Empfehlung. Ein Serum, das Wunder verspricht, eine Leggings, die das Selbst optimiert, ein Coaching, das „dein Leben verändern wird.“ Kaum später liegt es im Warenkorb. Studien zeigen: Im digitalen Zeitalter sind wir „berechnet unbestimmt“ und durch zu viel Freiheit entsteht Unübersichtlichkeit beim Konsum. Algorithmen bestimmen dabei unseren Geschmack. Dann trudelt eine E-Mail deiner Chefin ein. Warum lange überlegen, wenn auch der kleine, nette Mann in der KI mir sagen kann, was ich am besten antworte und mir dabei sogar drei Varianten für meinen Tonfall anbietet. Was würde Kant dazu sagen? Wahrscheinlich: „Ganz schön dunkel hier. Ihr seid wieder unmündig geworden.“ Stichwort Aufklärung: Mit dem Licht der Erkenntnis, mit dem Handlungsfreiheit und Vernunft als Urteilsinstanz einhergehen, wurde es „heller."
Vormünder vs. Mündigkeit
„Sapere aude!“ ist mehr als ein historischer Slogan. Mit seiner Übersetzung ermutigt Kant uns, uns mehr zuzutrauen. Mündigkeit bedeutet, den eigenen Verstand zu nutzen, Entscheidungen selbstständig zu treffen, Autoritäten kritisch zu prüfen. Unmündigkeit ist selbstverschuldet – nicht durch mangelnde Intelligenz, sondern durch Bequemlichkeit und gewissermaßen auch Feigheit. Genau diese Mechanismen prägen unsere digitale Routine: Wir folgen, weil es einfach ist. Wir hinterfragen nicht, weil es anstrengend wäre. Wir vertrauen Empfehlungen, weil sie schon so stimmen werden. Wortgewandt ist die KI, das muss man ihr lassen. Und die Leggings kostet zwar mehr als sie sollte, aber es gibt einen Rabattcode.
Social Media hat dabei eine neue Klasse moderner „Vormünder“ hervorgebracht. Influencer bestimmen Trends und Normen, oft stärker als traditionelle Autoritäten. Dabei verwischen die Grenzen zwischen Werbung und Befürwortung, analysieren Forschende. Influencer wirken vertrauenswürdiger als klassische Werbung und ihre Plattformen werden zu Marktplätzen ohne Regulation.
Aus Kants Sicht gleicht dies einer schnellen Rückkehr in die selbstverschuldete Unmündigkeit: Wir könnten kritisch denken, aber wir wollen nicht. Dass die For-You-Page Spaß bereitet, ist kein Verbrechen. Und TikTok zeigt schon lange nicht mehr nur Tänze und Katzenvideos, wie es viele vermuten. Doch auch die politischen, informativen oder sogar gesundheitlichen Posts werden selten hinterfragt, fälschlicherweise als Quellen genutzt und KI-generierte Inhalte immer echter.
KI: Kategorischer Imperativ oder Künstliche Intelligenz?
Die dauerpräsente KI spendet Komfort. Chatbots, Empfehlungssysteme und automatisierte Texte liefern Antworten ohne Anstrengung. Doch indem wir geistige Arbeit abgeben, geraten wir in Gefahr, das eigene Denken zu verlernen. Schillers Aufruf aus 1795 „Erkühne dich, weise zu sein!“ bekommt in dieser Situation eine neue Schärfe: Es braucht Mut, sich gegen die sofortige Lösung zu entscheiden und stattdessen selbst zu urteilen. Dabei gilt es nicht die KI zu verteufeln. Vielmehr sollte wieder ein Zusammenspiel aus Konsum und Vernunft stattfinden, eine Distanz zwischen Instagram-Story-Aufforderungen und eigener Meinung.
Mithilfe einer Formulierung des Kategorischen Imperativs (etwa: Handle nur nach dem Prinzip, von dem du wollen kannst, dass es für alle gilt.) fragen wir: Kann ich wollen, dass blindes Vertrauen in Influencer und KIs allgemeines Gesetz wird? Die Antwort ist eindeutig: Eine solche Gesellschaft wäre manipulierbar, unkritisch und moralisch instabil. Zudem würde der Mensch, entgegen Kants Würdebegriff, zum bloßen Mittel in der Daten- und Aufmerksamkeitsökonomie werden.
Kant ist nicht von heute, nicht allwissend und wäre sicherlich aus vielerlei Hinsicht bestürzt. Doch in seinem Zuspruch an uns behält er Recht: Wir Menschen, anders als Tiere, sind die Wesen, die, gerade weil sie sich selbst verpflichten können, frei sind! Dieses Geschenk, diese Freiheit zu haben, sollte uns auch von den Neigungen, stumpf die Kontrolle abzugeben, abhalten. Und dabei – voller Stolz – Zweck an sich sein, und kein Mittel.
Von Mut, Menschen und Maschinen
Produktionen wie die Serie Black Mirror oder das Dokudrama The Social Dilemma spiegeln diese Dynamiken und zeigen, wie leicht Menschen sich von Systemen formen lassen, die Autonomie versprechen, aber Abhängigkeit produzieren. In Die Maschine steht still aus 1909, wird ein „permanentes Online-Sein“ beschrieben, in dem alle allein sind und Kommunikation mit anderen Menschen nur mithilfe einer Maschine stattfindet – dystopischerweise nutzt jeder die Maschine, aber kaum einer versteht sie oder ihre Macht.
Am Ende bleibt die Frage, die uns beim nächsten Scrollen begleiten sollte: Sind wir wirklich digital aufgeklärt oder nur algorithmisch erzogen? Es braucht eine bewusste Rückkehr zum eigenen Denken, zur Skepsis gegenüber Trends, zur aktiven Prüfung von Empfehlungen, ob von Influencern, Maschinen oder anderen Autoritäten. Mündigkeit beginnt mit Mut zu eigenen Gedanken.

Leonie-Luna Kranacher ist 26 Jahre alt, studierte Anglistin und Philosophin, und Dozentin für angewandte Linguistik sowie Wissenschaftlerin in der Didaktik. Privat betreibt sie einen Buchblog und verbringt dabei selbst oft zu viel Zeit auf TikTok und co.




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