Peinlich, peinlicher, Psychotherapie in Deutschland: Warum psychisch Erkrankte noch immer nicht ernst genug genommen werden
- Tara Yakar

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Gesetzlich Versicherte dürfen bald noch länger auf einen Therapieplatz warten
Was haben Depressionen, Essstörungen und Suchterkrankungen gemeinsam? Wer von ihnen betroffen ist, darf im Schnitt fünf Monate auf einen Therapieplatz warten. Zumindest, wer gesetzlich versichert ist. Wer sich eine private Krankenversicherung nicht leisten kann, bezahlt mit Zeit, Nerven und seiner Gesundheit. Trotzdem scheint die Lage für die Bundesregierung nicht alarmierend genug: 2020 verabschiedete sie eine Reform, die alles nur noch schlimmer machte. Ein Beispiel dafür, wie psychische Erkrankungen immer noch weniger ernst genommen werden als körperliche und warum es ausgerechnet die Psychotherapeut*innen sind, die sich alles gefallen lassen.
09.03.2026
von Tara Yakar

Künstlich erzeugte hohe Wartezeit
Mehr als jeder vierte Erwachsene in Deutschland erfüllt jährlich die Kriterien einer psychischen Erkrankung. Das sind etwa 18 Millionen Menschen. Zum Glück mangelt es nicht an motivierten Menschen, die den Berufsweg der Psychotherapie einschlagen möchten. Doch dafür an allem, was nach dem Bachelorstudium folgt. Masterplätze? Hart umkämpft. Anschließende Weiterbildung zur Psychotherapeut*in? Kosten von mehreren tausend Euros - oder nach der Reform schlicht nicht vorhanden. Endlich fertig ausgebildet wartet dann der Kassensitz, der dazu berechtigt, gesetzlich versicherte Personen behandeln zu können und in Großstädten für die Psychotherapeut*innen gern mal über 100.000 € kostet. Kassensitze für Psychotherapeutinnen sind teuer, weil ihre Anzahl in Deutschland durch die sogenannte Bedarfsplanung begrenzt ist. Dadurch dürfen nur bestimmte Therapeut*innen mit gesetzlichen Krankenkassen abrechnen und neue Sitze werden nur selten geschaffen. Wer sich niederlassen will, muss deshalb oft einen bestehenden Kassensitz von einer anderen Praxis übernehmen, wofür hohe Ablösesummen gezahlt werden.
Keine Therapeut*innen = keine Therapie
Die Lösung scheint offensichtlich: mehr Kassensitze schaffen. Doch mehr Kassensitze gleich mehr Kosten für die gesetzlichen Krankenkassen – zumindest kurzfristig. Studien zeigen, dass z. B. die Behandlung von Depression Produktivität erhöhen und Fehlzeiten senken kann, was wirtschaftlich günstiger ist als Nichtbehandlung. Anstatt mehr Kassensitze bekommen angehende Psychotherapeut*innen eine neue Reform. Diese hört sich in der Theorie sinnvoll hat, scheitert allerdings in der Realität.
Neue Reform, alte Probleme
2020 wurde die neue Psychotherapeut*innenreform beschlossen, mit der man bereits nach fünf Jahren Bachelor- und Master-Studium die Approbation als Psychotherapeut*in erhält und befähigt ist Patient*innen unter Anleitung zu behandeln. Eine mehrjährige (Fach-)Weiterbildung nach dem Studium muss trotzdem absolviert werden. Während angehende Psychotherapeutinnen die Ausbildung früher größtenteils selbst finanzieren mussten, sieht die neue Reform vor, dass sie während der Weiterbildung von Kliniken, Praxen oder Instituten angestellt und bezahlt werden. Genau hier liegt jedoch das Problem: Die Reform wurde verabschiedet, ohne eine ausreichende Finanzierung dieser Weiterbildungsstellen sicherzustellen. Viele Einrichtungen können die zusätzlichen Kosten nicht tragen. Demzufolge gibt es seit der Reform viele Absolvent*innen, die eine Weiterbildungsstelle brauchen, aber keine finden. Die Zahl steigt stark: Anfang 2024 wurden etwa 1.000 Absolventinnen erwartet. Tendenz steigend. Weiterbildungsplätze gab es zu dem Zeitpunkt bundesweit geschätzt etwa 20. Für das aktuelle Jahr liegen keine verlässlichen Zahlen vor, Fachverbände gehen jedoch davon aus, dass sich die Situation bislang kaum verbessert hat.
Wenn nicht deutlich mehr Weiterbildungsplätze geschaffen werden, drohen langfristig weitere Engpässe in der psychotherapeutischen Versorgung. Doch warum besteht dieses Problem seit Jahren und warum betrifft es vor allem die Psychotherapie?
Überwiegend privilegierte, weibliche Psychologiestudierende
Die Mehrheit der Psychologiestudierenden ist weiblich und stammt meist aus Akademiker*innenfamilien. Generell beginnen Kinder aus Akademikerhaushalten deutlich häufiger ein Studium als Kinder ohne akademischen Hintergrund. Von 100 Nichtakademikerkindern beginnen nur 27 ein Studium; bei Akademikerkindern sind es 79. Diese Zahlen beziehen sich auf alle Studiengänge, nicht nur auf Psychologie, zeigen aber deutlich, wie stark Bildungserfolg in Deutschland von der sozialen Herkunft abhängt. Da ein großer Teil der Psychologiestudierenden aus vergleichsweise privilegierten Verhältnissen kommt, können sich viele die lange und teure Ausbildung eher leisten – häufig mit finanzieller Unterstützung der Familie. Die Folge ist eine wenig diverse Psychotherapeut*innenlandschaft. Gerade in diesem Beruf ist Vielfalt jedoch besonders wichtig, da Menschen aus allen sozialen Schichten psychotherapeutische Unterstützung benötigen und sich in der Behandlung wiederfinden sollten.
Ein weiterer Faktor ist die weibliche Sozialisation. Sozialisation beschreibt die Einflüsse, durch die wir in unserer Kindheit und Jugend bestimmte Verhaltensweisen, Einstellungen und Rollenbilder lernen. Mädchen und junge Frauen werden dabei oft dazu erzogen, eher kooperativ zu sein, Konflikte zu vermeiden und eher Zustimmung zu geben. Diese Prägungen können dazu beitragen, dass strukturelle Probleme in Ausbildung und Beruf seltener offen kritisiert werden und notwendige Reformen langsamer vorankommen. Gleichzeitig spiegelt das Problem mit der Reform ein gesellschaftliches Muster wider, in dem psychische Erkrankungen immer noch weniger ernst genommen werden als körperliche. Eine vergleichbare Reform im medizinischen Bereich wäre kaum vorstellbar – ein gebrochenes Bein wird gesellschaftlich nach wie vor überwiegend als gravierender anerkannt als eine schwere Depression.
Handeln statt abwarten
Es ist entscheidend, die Missstände in der Psychotherapieausbildung und -versorgung sichtbar zu machen, um Druck auf Politik und Institutionen auszuüben. Dazu gibt es viele Möglichkeiten: Demonstrationen besuchen oder selbst organisieren, Petitionen starten oder sich direkt mit einer kurzen E-Mail an den Gesundheitsausschuss im Deutschen Bundestag wenden. Auch Artikel und Social-Media-Beiträge tragen dazu bei, das Thema in der Gesellschaft bekannt zu machen und Bewusstsein zu schaffen.
Vernetzung zwischen Studierenden, Psychotherapeutinnen und Interessierten ermöglicht es, gemeinsame Forderungen zu formulieren und Initiativen zu starten. Zusätzlich kann die Beteiligung an Studien, Umfragen oder Kampagnen helfen, Versorgungslücken zu dokumentieren und die Dringlichkeit politisch zu unterstreichen. Wenn die Lage jedoch unverändert bleibt, werden Wartezeiten von fünf Monaten auf einen Therapieplatz künftig eher die positive Ausnahme sein.
Im Artikel wird die Bezeichnung Patient*innen statt Klient*innen und Erkrankungen statt Störungen verwendet, da diese Begriffe für einen Großteil der Menschen bisher geläufiger sind. Es wird jedoch empfohlen, aufgrund der präziseren Begriffsbeschreibung langfristig von Klient*innen und Störungen zu sprechen.




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