„Wir müssen uns fragen, wie es überhaupt zu Gewalt gegen Frauen kommt“: Sebastian Fitzek im Interview

Schuld, Gewalt und Mord: In seinen Psychothrillern beschäftigt sich Sebastian Fitzek mit den dunklen Seiten des Menschen. Auch sein neuer Roman Der Nachtzug widmet sich moralische Fragen. Im KULTURA-Interview spricht der Bestsellerautor über Herausforderungen beim Schreiben, den Umgang mit Gewalt gegen Frauen und warum Prävention wichtiger ist als die bloße Reaktion auf bereits geschehene Taten.
28.10.2026
von Tara Yakar

Sebastian, Der Nachtzug ist dein 21. Buch. Wie bist du dieses Mal auf die Idee für die Geschichte gekommen?
Normalerweise habe ich immer einen Impuls im Alltag, der mich motiviert, mich mit einem Thema oder einer Person auseinanderzusetzen. Dieses Mal hatte ich das erste Kapitel im Kopf: Ein Strafverteidiger, der die Mörderin seiner Frau verteidigen soll.
Auf welche Herausforderungen bist du während des Schreibens gestoßen?
Es ist von Anfang an klar, wer die Mörderin ist. Es fehlt die „Whodunit“-Komponente, die sonst in Krimis üblich ist. Die Herausforderung bestand also darin, die Spannung nicht künstlich durch Action zu erzeugen, sondern durch das psychologische Duell. Der Strafverteidiger lehnt zum Beispiel die Todesstrafe ab und ist der Auffassung, dass jeder Mensch das Recht auf eine gute Verteidigung hat. So kommt er in ein moralisches Dilemma.
Du beschäftigst dich in deinen Büchern immer wieder mit Schuld und der Frage, warum Menschen zu Tätern werden. Was interessiert dich daran?
Es gab mal ein interessantes Interview mit dem Leiter einer Haftanstalt, der sagte: „Ich könnte eigentlich alle inhaftierten Mörder bei uns freilassen, weil alle in einer Ausnahmesituation gehandelt haben, die so wahrscheinlich nicht noch einmal vorkommen würde.“ Er hatte mehr Probleme damit, den U-Bahn-Schläger nach drei Jahren freizulassen, der im Knast wahrscheinlich noch mehr ausgebildet wurde und wahrscheinlicher wieder straffällig wird. Dazu kommt, dass eine höhere Wahrscheinlichkeit besteht, selbst zum Täter oder Opfer zu werden, wenn man z. B. Missbrauchserfahrungen in der Kindheit gemacht hat. Es kann auch Schicksalsschläge geben, die Rachegelüste auslösen. Oder auch psychische Störungen oder bestimmte Tumore, die Gehirnareale verändern. Was es ganz selten gibt, sind Personen, die von Geburt an „böse“ sind. Generell ist die Mehrzahl der Menschen gut – ich persönlich schreibe immer über die Ausnahme.
Anmerkung der Redaktion: Aus psychologischer Sicht gilt das Böse nicht als eindeutig angeborene Eigenschaft. Die Forschung zu Aggression und Gewalt zeigt vielmehr, dass biologische, psychologische und soziale Faktoren zusammenwirken. Auch die Auswirkungen psychischer Erkrankungen werden neben biologischen Faktoren von Umweltbedingungen und sozialen Einflüssen mitbestimmt. Warum Menschen zu Tätern werden, lässt sich daher nicht auf eine einzelne Ursache zurückführen.
In welchen Situationen hast du dich denn schon mal unfair behandelt gefühlt?
Im Auto. Da fühle ich mich oft unfair behandelt, sodass ich manchmal einfach rausspringen will. Ansonsten hab ich Glück und fühl mich meistens fair behandelt.
Du beschäftigst dich beruflich mit ziemlich schweren Themen wie Gewalt, Missbrauch und Tod. Wie schützt du deine eigene mentale Gesundheit?
Das Schreiben schützt meine mentale Gesundheit. Ich beschäftige mich viel mit Nachrichten und Dokumentationen. Bei Schlagzeilen wie „Vater schüttelt Baby zu Tode und bekommt Freispruch“, kann man schnell den Glauben an die Menschheit verlieren. In meinen Geschichten kann ich selbst über das Happy End entscheiden. Trotzdem muss ich als Schriftsteller Empathie für die Figuren mitbringen. Ich denke, die wenigsten Männer beschließen, eine Frau zu heiraten, um sie dann zu töten. Trotzdem haben wir ein riesiges Problem mit Femiziden. Jeden Tag versucht ein Mann in Deutschland, seine Partnerin zu töten. Jeden zweiten Tag, statistisch gesehen, gelingt es ihm. Ich frage mich, wie es dazu kommt. Das sind Fragen, die mich nicht loslassen, und für meine mentale Gesundheit schreibe ich sie nieder und versuche sie zu lösen.
Was müsste sich gesellschaftlich im Umgang mit sexualisierter Gewalt ändern?
Wir brauchen mehr Ursachenforschung. Wir sind oft damit beschäftigt, Dinge zu tun, wenn das Schlimme bereits geschehen ist, Stichwort Frauenhäuser. Natürlich braucht es mehr davon, aber wir sollten uns auch auf die Frage konzentrieren, wie es überhaupt zu Gewalt gegen Frauen kommt. Die Initiative „Kein Täter werden“ ist ein gutes Beispiel dafür. Wir müssen auch einen Safe Space für die Leute schaffen, die eigene problematische Triebe oder Gedanken erkannt haben. Diese Leute müssen sich offenbaren können und können dann behandelt oder medikamentös eingestellt werden, damit es gar nicht erst zu einer Tat kommt. Oft sind Minderwertigkeitskomplexe auch die Ursache. Ich persönlich finde auch, dass wir mehr Videoüberwachung an Bahnhöfen oder generellen kriminellen Hotspots haben sollten.
Momentan wird politisch an der psychotherapeutischen Versorgung gespart: Kliniken müssen schließen und gesetzlich Versicherte müssen immer länger auf einen Therapieplatz warten.
Das ist ein großes Problem. Und wir müssen viel mehr präventiv machen. Für mich ist die Familien- und Bildungspolitik die wichtigste Ressource. Wenn da keine Gelder fließen, zahlt die Gesellschaft am Ende den doppelten Preis. Man sollte mehr Geld in Bildung, Schulen und Präventionsprogramme stecken als später in Gefängnisse.
Nun haben wir viel darüber gesprochen, was sich gesellschaftlich verändern sollte. Gibt es rückblickend auch etwas, das du deinem jüngeren Ich gerne sagen würdest?
Ja, ich würde ihm sagen, mach dir nicht so viele Sorgen. Alles Schlechte, was mir im Leben passiert ist, und das ist zum Glück nicht so viel, ließ sich nicht dadurch aufhalten, dass ich mir vorher Gedanken darum gemacht habe. Das würde ich mir immer sagen, auch heute noch. Wir neigen dazu, uns viele Sorgen zu machen, beispielsweise über Krankheiten. Aber der Krebs lässt sich nicht durch Sorgen aufhalten, eher im Gegenteil. Das ist leichter gesagt als getan, aber wenn wir es schaffen, mehr zu leben und uns weniger zu sorgen, ist viel gewonnen.
Wenn du sexualisierte Gewalt erlebt hast, kannst du dich anonym und kostenfrei beraten lassen: Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ erreichst du rund um die Uhr unter 116 016 oder online unter hilfetelefon.de. Bei akuter Gefahr wähle 110.

Tara Yakar arbeitet als freie Journalistin, studiert Psychologie und leitet als Chefredakteurin das KULTURA MAGAZIN. Für ihr Magazinprojekt „Gemeinsam Einsam“, das sich mit gesellschaftlicher Einsamkeit auseinandersetzt und ihr entgegenwirken möchte, wurde sie 2024 mit dem Spotlight Jugendpreis der Jugendpresse Deutschland e. V. und des Bundesministeriums für Bildung, Familien, Senioren, Frauen und Jugend ausgezeichnet.


