Gender Health Gap: Weibliche Wahrnehmung in einer Medizin für Männer
- Leonie-Luna Kranacher

- 3. Juni
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 4. Juni
Endometriose betrifft etwa 10 % der Frauen im reproduktiven Alter und ist im Verhältnis zur Krankheitslast weiterhin untererforscht, Herzinfarkte werden bei Frauen häufiger übersehen und selbst Crashtests orientieren sich meist am männlichen Körper. KULTURA-Autorin Leonie-Luna erklärt, wie tief die Gender Health Gap in Medizin und Alltag verankert ist.
02.06.2026
von Leonie-Luna Kranacher

Die Griechen verstanden den weiblichen Körper als deformierte oder zumindest unfertige und damit von der Norm abweichende Version des männlichen Körpers (nach Aristoteles: GA 2.3.737a27-8). Dieser stellte nicht nur das Ideal dar, sondern scheinbar bis heute das alleinige Äquivalent der menschlichen Anatomie. Zuletzt wurde bei einem Mann ein Fall von Endometriose festgestellt. Die Reaktion in den sozialen Medien: Glück im Unglück; jetzt wird es vielleicht endlich erforscht!
"Frauen werden auf ihr Äußeres reduziert, wertvolle Forschungsmittel in die falsche Richtung investiert und ihre Krankheit im Umkehrschluss weniger ernstgenommen oder weiterhin stigmatisiert."
Damit ist gemeint, dass bestimmte Krankheiten meist erst dann wissenschaftliche Zuwendung erhalten, wenn sie auch Männer betreffen. Und, selbst wenn Forschungsmittel in frauenspezifische Krankheiten gesteckt werden, betrachten sie doch den Effekt auf Männer: Eine Studie aus Italien erforschte und begründete beispielsweise, dass Frauen mit Endometriose ‚attraktiver erscheinen können.‘
Diese subjektiven Erkenntnisse tragen nicht zur Heilung, Linderung oder Behandlung der Schmerzen der Patientinnen bei, sie zentrieren erneut Männer in ihrem Fokus und das natürlich nicht ohne eine Objektifizierung der Frau. Somit werden Frauen auf ihr Äußeres reduziert, wertvolle Forschungsmittel in die falsche Richtung investiert und ihre Krankheit im Umkehrschluss weniger ernstgenommen oder weiterhin stigmatisiert. Dieser problematische Blickwinkel ist nur Teil eines größeren und gefährlichen Problems: Die klassischen Symptome eines Herzinfarkts wurden lange vor allem anhand männlicher Patienten erforscht, während bei Frauen teils andere oder weniger typische Symptome auftreten können, die dadurch häufiger übersehen werden.
die Anzeichen bei Jungen erheblich anders und damit eindeutiger ausfallen. Bei Crash-Tests für Autos kommen vorwiegend männliche ‚Dummies‘ zum Einsatz, ebenso wenig ist der Anschnallgurt an die Anatomie der Frau angepasst.
Nicht nur senkt dies die Verkehrssicherheit für Frauen, es signalisiert auch: ihr seid weniger wichtig. Und das, obgleich Frauen die Hälfte der Weltbevölkerung ausmachen. Vielen jungen Mädchen wird bei einem Erstkontakt mit der Gynäkologie umgehend die Anti-Baby-Pille verschrieben. Dies geschieht häufig ohne auf die zahlreichen und potenziell langjährig andauernden Nebenwirkungen, wie Depressionen oder Thrombose hinzuweisen, die auf einem Beipackzettel stehen, mit denen sich ein ausgewachsener Mann zudecken könnte. Aber er muss sich nicht damit zudecken, da er oftmals nicht in Kontakt mit Verhütungsmitteln kommen wird – die Pille für den Mann war schließlich, aufgrund der Nebenwirkungen, nicht zumutbar. Diese Aufgabe wird daher, aufgrund fehlender Alternativen, vorrangig Frauen zuteil. Viele Online-Creator witzeln, dass, wenn Männer schwanger werden könnten, Verhütungsmittel und Abtreibungen überall an Automaten frei zugänglich und Periodenprodukte umsonst erhältlich seien. Periodenprodukte werden leider eher tabuisiert: Im September 2021 zeigt die führende Marke für Damenhygienemittel erstmalig rote statt blauer Flüssigkeit in ihrer Werbung.
„Normale“ Schmerzen oder Schmerzen-Schmerzen? Periode oder Blinddarm?
Viele meiner Freundinnen haben PMOS (bis zuletzt PCOS, die Umbenennung ein Lichtblick für dessen Wahrnehmung), Endometriose, oder POTS. Erkrankungen wie diese, insbesondere auch Autoimmunerkrankungen, erhalten wenig Aufmerksamkeit und viele erkennen sich erst in Symptomen wieder, wenn sie schon viel zu lange damit kämpfen mussten. Im Rahmen meiner Befragung erzählt mir Lisa S. (28), dass, wenn bei ihrer Ärztin gefragt wird, wie es ihr geht, ihre Standard-Antwort lautet: „Naja, ich hab‘ jeden Tag Schmerzen, kommt nur drauf wie aushaltbar sie sind.“ Mit Realitäten wie diesen finden sich eine Vielzahl von Frauen ab – allein in Deutschland sind schätzungsweise 510.000 Frauen von Endometriose betroffen – die nach Jahren der Fehldiagnose resignieren und mit Schmerzen auf die Arbeit gehen. Zahlreiche Frauen berichten zudem, dass sie beinahe an einem Blinddarmdurchbruch verstorben wären, da sie die Schmerzen für ihre regulären Periode-Schmerzen hielten.
Hysterische Frauen in der Arztpraxis: Fehldiagnosen als Resultat
Ich habe Zugang zu medizinischer Behandlung und bin jeden Tag dankbar, in einem Land zu leben, das mir diese auch ohne finanziellen Ruin ermöglicht. Als man meinen Krebs im Stadium III fand, war ich allerdings bereits jahrelang immer wieder beim Arzt gewesen, mit den verschiedensten Symptomen, die aber fast immer mit denselben Floskeln abgetan wurden, die auch meine Freundinnen und andere Frauen häufig gehört haben: „Gehen Sie mehr an die frische Luft!“; „Sie machen sich zu viel Stress!“ und „Wann hatten Sie denn zuletzt ihre Periode?“ Die Hysterie als angebliche Krankheit, oder „weiblichen Wahn“ war eine häufige Diagnose im 19. Jahrhundert. Damals schlussfolgerten die Ärzte: „Alles nur Übertreibung und Simulation. Man erkannte in der Hysterie nur einen weiteren Beleg für die Neigung der Frau zu Wankelmütigkeit und Unglaubwürdigkeit“ und "Die Hysterie ist eine organische Krisis der organischen Verlogenheit des Weibes" nach Philosoph Otto Weininger im Jahr 1903.
Diagnose und Dosierung: Geschlechtsspezifische Benachteiligung vs. Geschlechtsunspezifische Behandlung
Die Medizin hat seit Sigmund Freud Fortschritte gemacht und ich habe empathische und professionelle Ärzte und Ärztinnen kennenlernen dürfen. Dennoch merke ich an der Online-Resonanz und anhand der Vorkommnisse erlebt von den Frauen in meinem Leben, dass es sich um keinen Einzelfall handelt. Autorin Perez hat ein ganzes Buch zu den strukturellen Benachteiligungen der Frauen in Alltag, Diagnostik und Behandlung verfasst, worin sie klarstellt, dass es sich dabei um ein Produkt eines historisch falsch ausgelegten Systems handelt, dass Männer und deren Anatomie und durchschnittlichen Werte als Ausgangspunkt nimmt. Dies beeinflusst Zusammensetzung und Verabreichung von Medikationen – ohne die Hormone von Frauen einzukalkulieren. Marie R. (27) ist Doktorandin in der Biomedizin und erhielt vor ihrer eigenen PMOS-Diagnose die Empfehlung: „Pille und gesundes Essen!“
Sie berichtet mir außerdem, dass fast ausschließlich an männlichen Mäusen getestet wird, da das weibliche Hormonsystem ‚zu komplex‘ sei. Auch die Tagesschau berichtet, dass Medizin oft „unspezifisch für Geschlechter“ angesetzt ist und geschlechtsspezifische Benachteiligung beispielsweise auch bei Herz-OPs vorherrscht. Vorkommnisse wie diese und der Fakt, dass Frauen seltener von Ersthelfern wiederbelebt werden, da Hemmung besteht bei einer Herzdruckmassage BHs zu entfernen oder Brüste zu berühren oder der erst zuletzt erfolgte Erkenntnisstand zum Nervennetz der Klitoris, der zwingend notwendig für die Rekonstruktion nach Genitalverstümmelung ist, zeigen, dass noch Luft nach oben ist. Nicht zuletzt, weil Hebamme Elisa J. (27), die selbst fast verstarb, nachdem die behandelnde Ärzt*innen sie bei einer postnatalen Blutung mit daraus resultierendem hämorrhagischem Schock nicht ernst nahmen und weggeschickten, mir noch heute berichtet wie Ärzte regelmäßig den Ehemännern „einen Stich mehr“ (‘husband-stitch’) versprechen, nach der häufig ohne Betäubung erfolgenden Rekonstruktion der Geburtsverletzungen.
Dieser Ansatz zur Gender Health Gap deckt keineswegs alle Rückstände ab und ließe sich auf sexualisierte Gewalt, Abtreibungspolitik und die berufliche Benachteiligung von Hebammen ausweiten. Ebenso greift er stark unterschiedliche Aspekte auf, zeugt dennoch immer noch von Privileg und pauschalisiert stellenweise. Vorrangig soll er jedoch weiter die Wahrnehmung steigern und denen helfen, die nach Identifizierung und Validierung ihrer Schmerzen suchen – da ihre Krankheiten unsichtbar sind oder ihnen vielleicht sonst niemand glaubt.
Nachtrag: Nach der Konzipierung dieses Artikels, meldet die Tagesschau am Internationalen Tag der Frauengesundheit (28.5.26) auf Basis der Bundesgesundheitsministerin, dass die gesundheitlichen Bedürfnisse von Frauen lange ignoriert wurden und ein stärkerer Fokus auf Frauengesundheit und spezielle Symptome gerichtet werden solle. Ein User kommentiert: „Frauen, Frauen, Frauen! Es muss immer um Frauen gehen!“; ein anderer: „Oh wie langweilig! Wir haben wirklich andere Probleme.“ Außer Acht gelassen wird von diesen Instagram-Nutzern, dass ebenso Männer von einem gleichgestellten Ansatz zu – vor allem mentaler – Gesundheit, stark profitieren würden.

Leonie-Luna Kranacher ist 27 Jahre alt und Doktorandin und Dozentin in der Angewandten Linguistik und englischen Fachdidaktik.



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