„Am Ende war mir ziemlich egal, was ich genommen habe. Hauptsache, ich war nicht nüchtern.“
- Alina Gretenkordt

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Aktualisiert: vor 1 Tag
Wenn Jugend an der Sucht zerbricht
Cannabis, Alkohol, Ecstasy: Der Konsum von Drogen gehört für viele junge Menschen zum Alltag. Doch wann wird Ausprobieren zur Abhängigkeit? Und was passiert, wenn nicht nur ein Leben daran zerbricht, sondern auch die Menschen, die diesem Leben nah waren? Die Schilderungen eines heute abstinent lebenden jungen Mannes zeigen, wie nah Sucht, Überforderung und Hoffnung beieinanderliegen können.
von Alina Gretenkordt
26.04.2026

Es riecht nach feuchtem Moos, der Regen fällt in feinen Tropfen auf den Kiesweg und die bedrückende Stille, wie sie nur auf Friedhöfen herrscht, legt sich über uns. Meine Freundin Nele und ich stehen vor dem Grab ihres Exfreundes Lennart, mit dem sie in ihrer Jugend zusammen war. Wir sprechen über seine Drogensucht. Und darüber, wie es so weit kommen konnte, dass wir heute nicht mehr mit ihm reden können, sondern nur noch mit dem Stein, der seinen Namen trägt.
Nele erzählt mir, wie sie Lennart im Alter von 16 Jahren kennengelernt hat. „Als ich mit ihm zusammenkam, dachte ich nicht, dass sein Konsum irgendwie tragisch sein könnte“, sagt sie.
„Er hat oft Alkohol getrunken und gelegentlich gekifft. Als wir ein paar Wochen zusammen waren, hat er mir erzählt, dass er auch schon härtere Drogen ausprobiert hat.“ Auch ich erinnere mich an Lennart, an unsere gemeinsame Jugend. Bereits vor der Beziehung mit Nele war er als jemand bekannt, der häufig die Schule schwänzte und immer wieder aneckte. Er wirkte wie ein Jugendlicher, der sich gegen Autoritäten auflehnte, laut, unangepasst und rastlos. Doch nichts an ihm ließ damals vermuten, dass sein Weg ihn eines Tages in die Abhängigkeit führen würde. Geschweige denn, dass wir Jahre später an seinem Grab stehen würden.
Alkohol und Cannabis – für viele Jugendliche Alltag
Drogenkonsum ist unter jungen Erwachsenen weit verbreitet, insbesondere Cannabis und Alkohol
spielen dabei eine zentrale Rolle. Laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
Dr. Johannes Nießen, Errichtungsbeauftragter des Bundesinstituts für Prävention und Aufklärung in
der Medizin, warnt vor den Folgen frühen Konsums. Während der sensiblen Phase zwischen Kindheit
und Erwachsenenalter befindet sich das Gehirn in einem entscheidenden Reifungsprozess, der durch
Substanzen wie Cannabis beeinträchtigt werden kann. Mögliche Folgen sind Gedächtnis- und
Konzentrationsstörungen bis hin zur Entwicklung einer Abhängigkeit.
Das Bundesministerium für Gesundheit definiert den Begriff Sucht als „Gesamtheit von riskanten,
missbräuchlichen und abhängigen Verhaltensweisen in Bezug auf Suchtmittel (legale wie illegale)
sowie nichtstoffgebundene Verhaltensweisen (wie Glücksspiel und pathologischer Internetgebrauch).“
Wie viele junge Menschen tatsächlich suchtkrank sind, lässt sich allerdings schwer beziffern.
Ein schleichender Absturz
Nele und ich sprechen weiter über Lennart und darüber, wie sich sein Konsum zunehmend verstärkte.
Zunächst kiffte er regelmäßiger, bis er irgendwann täglich konsumierte und härtere Substanzen
in kürzeren Abständen nahm. Als die beiden etwa ein Jahr zusammen waren, erreichte die Situation
einen Höhepunkt: Lennart hatte Opium geraucht.
„Er hat mir immer wieder gesagt, dass er aufhören will. Er war in mehreren Entzugskliniken. Aber heute glaube ich, dass er nie wirklich vorhatte, clean zu werden", erinnert sich Nele.
Viele seiner Versprechen schienen aufrichtige Versuche zu sein, sich für Nele zu ändern. „Das war vielleicht das größte Problem", sagt sie. „Er wollte nie für sich selbst clean
werden, immer nur für andere."
Wie das Umfeld den Weg in die Sucht beeinflussen kann
Wie stark das soziale Umfeld den Umgang junger Menschen mit Drogen beeinflusst, beschreiben
Matthias Richter, Ulrich Bauer und Klaus Hurrelmann in der Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte
(APuZ). Ob Jugendliche konsumieren, hänge von vielfältigen Risiko- und Schutzfaktoren ab, von
persönlichen Voraussetzungen ebenso wie vom sozialen Umfeld und den gesellschaftlichen
Rahmenbedingungen.
Besonders entscheidend ist hierbei das Verhalten von Gleichaltrigen, die elterliche Vorbildfunktion
und die Qualität familiärer Beziehungen. Soziale Ungleichheit spiele, laut den Autoren, dabei eine
zentrale Rolle: Kinder aus benachteiligten Verhältnissen haben oft schlechtere Voraussetzungen, um
mit Belastungen umzugehen, und greifen häufiger zu Substanzen als eine Form der Bewältigung.
Die Abhängigkeit lässt die Beziehungen zerbrechen
„Am Ende konnte man gar nicht mehr normal mit ihm reden“, beschreibt mir Nele die letzten Monate
der gemeinsamen Beziehung. Aggressivität, Anspannung und Eifersucht wurden immer extremer,
sodass Nele die Beziehung als dauerhafte Belastung wahrnahm. Als sie schließlich den Schritt wagte, sich zu trennen, drohte er, sich das Leben zu nehmen. Ein verzweifelter Versuch, die Kontrolle nicht zu verlieren. Wenn sie auf die Beziehung zurückblickt, sind ihre Gefühle ambivalent: Mitleid für den Menschen, der immer weiter in die Abhängigkeit abrutschte, aber auch Erleichterung darüber, sich nach eineinhalb Jahren aus der Beziehung gelöst zu haben. Die Zeit mit Lennart war geprägt von emotionaler Erschöpfung. Seine Sucht war nicht nur sein eigenes Problem – sie wurde zur dauerhaften Belastung für beide.
Wenn Sucht mit in den Alltag einzieht
Nicht nur für Betroffene selbst, sondern auch für ihre Angehörigen kann eine Suchterkrankung zu
einer massiven Belastung werden. Wie die Caritas beschreibt, ist das familiäre und partnerschaftliche
Stimmungsschwankungen, Unzuverlässigkeit, liebloses oder aggressives Verhalten, in schweren
Fällen auch körperliche und sexuelle Gewalt.
Hinzu kommen häufig existenzielle Sorgen. Anhaltender Drogenkonsum geht nicht selten mit finanziellen Problemen einher, die das familiäre System zusätzlich destabilisieren. Auch die emotionale Unsicherheit, das ständige Schwanken zwischen Hoffnung, Hilflosigkeit und Überforderung, kann Angehörige psychisch an ihre Grenzen bringen.
„Hauptsache, ich war nicht nüchtern.“
Nachdem wir den Friedhof verlassen haben, machen Nele und ich uns auf den Weg in ein
nahegelegenes Café. Dort treffen wir Sebastian, einen jungen Mann, der regelmäßig an einer
Selbsthilfegruppe für Suchtkranke teilnimmt. Ihm wollen wir die Fragen stellen, die wir Lennart nicht
mehr stellen können. Sebastian ist 20 Jahre alt, genau in dem Alter, in dem Lennart vor wenigen Monaten verstorben ist. Seit elf Monaten lebt Sebastian abstinent. Zuvor konsumierte er über einen längeren Zeitraum täglich Alkohol und Cannabis, häufig kombiniert mit synthetischen Drogen wie LSD, Ecstasy oder Amphetaminen.
Er berichtet von seinem Einstieg in den Konsum. Anfangs sei alles harmlos gewesen,
erzählt er. Doch nach und nach habe sich die Bedeutung der Drogen in seinem Leben immer weiter
gesteigert. „Am Ende war mir ziemlich egal, was ich genommen habe“, sagt er offen. „Hauptsache,
ich war nicht nüchtern. Da habe ich dann einfach alles konsumiert, was da war.“
Sebastian berichtet uns von Mobbing-Erfahrungen, die er in der Schule gemacht hat. „Die Drogen
waren für mich eine Art Selbstmedikation. Sie haben das Leben für einen Moment erträglicher
gemacht“, sagt er. Fast alles in seinem Alltag habe sich irgendwann nur noch um den nächsten Rausch
gedreht. Ich frage ihn, ob es einen Moment gab, in dem ihm klar wurde, dass es so nicht weitergehen konnte. Sebastian nickt. „Den gab es“, sagt er. „Ich hatte gerade die Schule abgebrochen, habe Vollzeit in einer Pizzeria gearbeitet, einfach nur noch funktioniert. Und dann kam ich eines Tages nach Hause und bin zusammengebrochen. Mein Körper, mein Kopf, alles hat einfach dichtgemacht. Da war mir plötzlich
klar: Ich brauche Hilfe.“
Ein Neuanfang braucht Unterstützung
beginnt, etwa beim Hausarzt, in einer Beratungsstelle oder Ambulanz. Liegt eine Abhängigkeit vor
und besteht der Wunsch, den Konsum zu beenden, wird in der Regel ein stationärer, medizinisch
begleiteter Entzug empfohlen. Daran schließen sich oft weitere Hilfen wie Therapie, sozialpädagogische Unterstützung oder Selbsthilfegruppen an. Von einem Entzug zu Hause rät das UKB wegen der gesundheitlichen Risiken dringend ab.
Zurück ins Leben
Heute geht es Sebastian besser. Er beschreibt, wie sich sein Alltag verändert hat, seit er nicht mehr
konsumiert: „Es ist so befreiend, dass sich in meinem Kopf nicht mehr alles nur um den nächsten
Rausch dreht. Früher ging es ständig darum, wann der Dealer Zeit hat, woher ich das Geld nehme, wie
ich an Stoff komme. Heute denke ich darüber nach, wann ich morgens aufstehen muss oder was ich
mir zu essen kochen kann.“
Doch ganz leicht fällt ihm das Abstinentbleiben nicht. In schwierigen Momenten, sagt er, sei der
Suchtdruck manchmal noch immer da. „Der Gedanke, nie wieder zu konsumieren, hat mir sehr lange
Angst gemacht. Am Anfang war es extrem schwer. Ich habe mir dann immer nur gesagt: Heute bleibe
ich clean, morgen wahrscheinlich auch und übermorgen sehe ich weiter.“ Inzwischen setzt er sich
bewusst Etappenziele. Sein erstes großes Ziel: ein Jahr lang abstinent zu bleiben. „Das habe ich bald
geschafft. Und dann suche ich mir das nächste.“
Sebastian besucht weiterhin regelmäßig seine Selbsthilfegruppe. „Ich stecke viel Arbeit und Zeit in
meine Abstinenz. Aber es lohnt sich.“ Was er anderen mit auf den Weg geben möchte? „Man ist nicht
allein mit dieser Sucht. Es gibt Gruppen, Beratungsstellen, Menschen, die helfen wollen. Das zu
wissen, das hat für mich einen riesigen Unterschied gemacht.“

Alina Gretenkordt hat einen Bachelor in Literatur, Kultur und Medien und studiert derzeit Medienwissenschaft im Master. Neben ihrer Tätigkeit bei Hubert Burda Media schreibt sie für das Good News Magazine und nun auch für das KULTURA MAGAZIN. In ihren Texten beschäftigt sie sich mit Popkultur, gesellschaftlichen Konflikten und Geschichten aus dem Alltag.



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