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Eskapismus als Antwort auf Krisen: Was unsere Bücher über unsere Realität verraten

  • Autorenbild: Annika Behrens
    Annika Behrens
  • vor 13 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

Annikas Kolumne: Was sagen unsere Lesegewohnheiten über unsere Zeit aus?

Nachrichten, Schlagzeilen, Krisen; der Blick in die Welt fühlt sich oft schwer an. Kaum ein Tag vergeht ohne neue negative Entwicklung und genau in dieser Realität zeigt sich ein fesselnder Gegentrend: Unsere Bücher werden leichter. Fantastischer. deutlich emotionaler und voller Liebe.


von Annika Behrens

31.05.2026


Bücher als Flucht aus der Realität: Steckt nur Eskapismus hinter den aktuellen Lesetrends? Foto: Nadi Borodina
Bücher als Flucht aus der Realität: Steckt nur Eskapismus hinter den aktuellen Lesetrends? Foto: Nadi Borodina

Während viele Bereiche der Buchbranche stagnieren, wächst vor allem einer weiter: Belletristik. Besonders Genres wie Fantasy und Romance verzeichnen steigende Verkaufszahlen. Sachbücher und „schwere“ Literatur hingegen tun sich aktuell deutlich schwerer.


Denn unsere Lesegewohnheiten sind mehr als Geschmack. Sie zeigen uns, wie es uns als Gesellschaft geht.

Wenn die Realität anstrengender wird, suchen wir nach einem Ausgleich. Nach Geschichten, die uns nicht noch tiefer in Probleme ziehen, sondern uns für einen Moment aus der Realität rausziehen. Genau hier setzt das an, was oft vorschnell als „Eskapismus“ abgetan wird, also die Flucht in eine Scheinwelt. Doch dieser Begriff greift zu kurz. Es geht nicht um Realitätsverweigerung, sondern um einen Selbstschutz.


Psychologische Studien zeigen, dass Menschen Medien gezielt nutzen, um ihre Stimmung zu regulieren. Die sogenannte Mood-Management-Theorie beschreibt, dass wir instinktiv Inhalte anschauen oder lesen, die uns entlasten. Lesen kann dabei sogar messbar Stress reduzieren. Das hat eine Studie der University of Sussex erforscht und kam zu dem Ergebnis, dass bis zu 68 % des Stresses reduziert werden können.

Was wir abends im Bett lesen, ist also weniger ein Zufall, sondern eher eine Reaktion darauf, wie die Außenwelt uns aktuell belastet.


Nach einem Tag voller negativer Nachrichten will kaum jemand noch mehr Realität und Geschichten lesen, die einen wachhalten. Stattdessen sehnen wir uns nach Welten, in denen wir Kontrolle haben. Nach Figuren, die wachsen, kämpfen und am Ende etwas verändern können. Nach Geschichten, die uns voller Hoffnung in neue Situationen bringen. Gerade Fantasy erfüllt genau dieses Bedürfnis. Sie erschafft Räume, in denen alles möglich erscheint. In diesen Räumen existieren zwar Probleme, aber selbst in der aussichtslosen Situation können sie noch gerettet werden. Romantische Bücher hingegen vermitteln das Gefühl von Nähe, Verbindung und der Kraft von Liebe.


Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass dieses Muster nicht neu ist: Bedeutende Erfolge eskapistischer Literatur fallen häufig in unsichere Zeiten. Reihen wie Harry Potter, Twilight oder The Hunger Games wurden nicht nur wegen ihrer Geschichten erfolgreich, sondern auch, weil sie zur emotionalen Lage ihrer Leser*innen passten. Denn nach 9/11 und der Finanzkrise 2008 wuchs eine Generation auf, die lernen musste, mit neuen Unsicherheiten zu leben. Genau in dieser Zeit wurden Geschichten erfolgreich, die neue Welten eröffneten und in denen man sich komplett verlieren konnte mit seinen eigenen Gedanken.


Auch heute lässt sich diese Entwicklung beobachten. Laut Daten vom Bundesverband des Deutschen Buchhandels steigt die Nachfrage nach fiktionaler Unterhaltung seit der Pandemie deutlich an. Besonders junge Generationen greifen verstärkt zu Büchern, die Gefühle ansprechen, Identifikation bieten und eine Pause von der Realität ermöglichen. TikTok als Plattform verstärkt dies noch zusätzlich.

Mit BookTok werden Geschichten von jeglichen Autoren noch zugänglicher und können durch Content wie Fan-Castings und ganze Audioaufnahmen zum Lesen anregen. Den Beobachtern auf TikTok geht es da weniger um „Qualitätsmerkmale“, die man von Sachbüchern kennt, sondern um Unterhaltung.


Das wird von älteren Generationen oft kritisch betrachtet. Zu kitschig, zu unrealistisch, zu „einfach geschrieben“. Doch vielleicht liegt genau darin ein Missverständnis. Denn diese Bücher sind nicht erfolgreich, obwohl sie leicht zugänglich sind, sondern gerade deshalb. Da geht es nicht darum, dass man keine Sinnfehler findet, sondern einfach mal eine Abwechslung hat. Nicht jede Literatur muss belehren, analysieren oder gesellschaftliche Missstände aufzeigen. Manche Bücher erfüllen einfach die Aufgabe, zu unterhalten.


Die Geschichten treffen einen Nerv.

In einer Welt, die komplexer, schneller und oft überfordernd wirkt, suchen wir nach Geschichten, die uns wieder ein Gefühl von Klarheit geben. Eskapismus ist dabei ein Zeichen dafür, dass wir gelernt haben, mit einer herausfordernden Realität umzugehen und etwas brauchen, was uns zeigt, dass wir als Gesellschaft alles durchstehen können.


Der Erfolg von Belletristik begründet sich also darin, dass man der Realität für einen Moment entfliehen möchte, um weiterhin in ihr bestehen zu können.



Annika Behrens ist gelernte Texterin und junge Autorin. In ihrem Studium befasst sie sich mit den Auswirkungen von Liebesbildern in der Literatur. Seit Mai 2026 schreibt sie für das KULTURA MAGAZIN ihre Kolumne: "Was sagen unsere Lesegewohnheiten über unsere Zeit aus?"

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