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Was macht die Untrennbarkeit zum Smartphone mit unserem Gehirn?

  • Autorenbild: Marlene Weiß
    Marlene Weiß
  • 11. März
  • 4 Min. Lesezeit

Smartphones, Social-Media und die Psychologie des Scrollens: Wie digitale Gewohnheiten unser Gehirn formen


Wonach greift man, wenn man aus dem Haus geht? Schlüssel, Geld und Smartphone. Es ist eine Selbstverständlichkeit, an einen kleinen Computer gebunden zu sein. Zum einen braucht man das Smartphone, um sich zurecht zu finden, für Maps oder digitale Fahrkarten. Zudem muss man auch überall erreichbar sein, E-Mails verfolgen einen bis an den Tag am See. Denn wie schrecklich wäre es, wenn man etwas verpassen würde, auch wenn es nur die Urlaubsbilder von Leuten sind, die man ohnehin nicht mag? Das Handy fungiert dabei schon längst als Ergänzung zum Gehirn. Wenn man sich in einem Gespräch uneinig ist, kann man alles einfach schnell googeln oder auch die KI fragen. Eigentlich muss man nichts mehr wissen, nichts mehr können, nichts mehr wollen, denn das Smartphone erledigt alles mühelos.


11.03.2026

von Marlene Weiß


Zwischen Endlos-Scrollen und Social-Media-Sucht: Wie Smartphones unsere Aufmerksamkeit, Erinnerungen und mentale Gesundheit beeinflussen Foto: Jonas Leupe
Zwischen Endlos-Scrollen und Social-Media-Sucht: Wie Smartphones unsere Aufmerksamkeit, Erinnerungen und mentale Gesundheit beeinflussen Foto: Jonas Leupe

Sündenbock Dopamin

Wenn man hört, dass Social-Media der mentalen Gesundheit schadet, haben viele sofort ein Wort im Kopf: Dopamin. Ein Buzzword (dt. "Modewort"), das in den Medien und auf Social-Media als "Glückshormon" kursiert. Dabei ist Dopamin kein Glückshormon, sondern nur ein Vorbote auf ein möglicherweise eintreffendes Glückshormon. Dopamin ist dafür verantwortlich, eine Handlung auszuführen und steigert dabei die Motivation. Denn vielleicht steht am Ende wirklich ein Glücksgefühl im Gehirn. “The magic of maybe”, wie es Robert Sapolsky nennt, ist dabei entscheidend, wie beim Glücksspiel. Allein die Möglichkeit, dass etwas Gutes passieren könnte, motiviert dazu, immer weiter zu spielen und zu scrollen. Langfristig gibt es Hinweise darauf, dass sich das Gehirn an solche Reize gewöhnt, sodass stärkere oder häufigere Reize nötig werden, um das gleiche Maß an Motivation oder Belohnung zu erzeugen.


Stillt das lange Scrollen denn zumindest die Langeweile? Eine Forscherin an der University of Toronto hat herausgefunden, dass das Gegenteil der Fall ist. Binge-Scrolling verstärkt Langeweile und mindert im selben Atemzug die Zufriedenheit, Aufmerksamkeit und Sinnhaftigkeit.

Dass die Politik aktuell ein Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 14 Jahren fordert, ist vielleicht ein erster Schritt, um dieses Problem ernst zu nehmen. Von Radikalisierung und Hass im Netz einmal abgesehen. Die SPD fordert zudem Jugendversionen von Social Media Apps ohne suchtsteigernde Mechanismen, wie den unendlichen Feed. Es stellt sich die Frage, ob diese Regelung nicht auch für Erwachsene sinnvoll wäre?


“Die Ausbeutung der menschlichen Aufmerksamkeit ist eine der größten Bedrohungen für die Menschheit.”

Denn 2006 hat Aza Raskin etwas erfunden, das er später zutiefst bereuen wird: den Infinite Scroll (dt. "unendlicher Feed"). Eigentlich wollte er nur die Benutzererfahrung verbessern. Anstatt die Beiträge mühsam einzeln anzuklicken, sollten die Nutzenden in einem unendlichen Fluss an Informationen mitschwimmen. Dadurch verbringt man nicht nur mehr Zeit auf den Plattformen, weil es kein natürliches Ende gibt, sondern auch die Suchtgefahr steigt. Hervorragend für die Unternehmen, die mit der dort verbrachten Zeit Geld verdienen. Heute entschuldigt sich Raskin öffentlich für seine Erfindung und behauptet: “Die Ausbeutung der menschlichen Aufmerksamkeit ist eine der größten Bedrohungen für die Menschheit.”


Akzeptanz des Vergessens

 

An wie viele Videos, die man heute im Feed gesehen hat, kann man sich noch erinnern? Social-Media hat große Auswirkungen auf das Gedächtnis und mehr Social-Media-Nutzung führt zu mehr Erinnerungslücken. Studien weisen darauf hin, dass dies auch durch sogenanntes “Offloading” passiert. Informationen, Aufgaben, Geburtstage: Alles kann auf das digitale Gerät abgeladen werden und muss nicht mehr im eigenen Gehirn gespeichert werden. Nicht die Information selbst wird gespeichert, sondern der Ort, an dem sie sich befindet. Mit Fotos verhält es sich oft ähnlich. Man schießt Fotos, um schöne Fotos auf dem Smartphone zu haben, gleichzeitig aber auch, um sich überhaupt zu erinnern. Auf Konzerte fallen besonders die Leute auf, die während der gesamten Zeit von zwei Stunden ihr Handy in die Luft strecken. Es stellt sich die Frage, wie intensiv man einen Moment genießen kann, wenn man dauernd vom Handy abgelenkt wird und nach dem perfekten Moment und Bild Ausschau hält. Nur dass diese später als Instagram-Story nach 24 Stunden für immer verschwinden.


Eine Studie der University of Chicago zeigt, dass allein die Präsenz des Smartphones im Raum in einer sozialen Situation die Aufmerksamkeit auf die reale Situation stiehlt. Doch ist es nicht genau das, was unsere Generation immer propagiert? Im Moment leben, die Jugend genießen, die Meinungen anderer ignorieren?




Ist Social-Media-Verzicht die Lösung?

Gut erforscht ist für Social Media der Vergleich nach oben und dessen Auswirkungen auf unsere mentale Gesundheit. Egal, ob Influencer*innen oder ehemalige Mitschüler*innen. Manchmal erleben wir die Welt mehr durch andere Leute als durch unser eigenes Leben. Und egal, wie oft gesagt wird, jeder würde nur seine Highlights zeigen, trifft der Vergleich trotzdem. Auf der anderen Seite begegnen einem die aktuellen Nachrichten der Welt heutzutage nicht mehr nur im Fernsehen oder in der Zeitung, sondern überall. Öffnet man morgens Instagram, sieht man einen neuen Post über die schrecklichen Dinge, die in der Nacht passiert sind, als wir geschlafen haben. Dabei können negative Nachrichten oder soziale Vergleiche auf Social Media den täglichen Stress erhöhen.


Und was jetzt? Sollte kollektiv das Smartphone aus dem Fenster geworfen werden oder ist es schon ein erster Schritt zumindest die eigene Untrennbarkeit dazu zu hinterfragen?

Die Forschung weist darauf hin, dass die Art der Nutzung dabei zu beachten gilt und Social Media nicht nur schlechte Seiten hat. Gedankenlos auf TikTok zu scrollen sollte anders betrachtet werden, als die Interaktion mit Freunden zu suchen. Mittlerweile gibt es unzählige Apps, die dabei helfen wollen, den eigenen Social Media Konsum einzugrenzen. So wird eine App notwendig, um die Sucht gegenüber einer anderen App zu regulieren. Außerdem hilft eine intentionale Nutzung, nach der man sich aktiv die Inhalte aussucht, die man konsumieren möchte und danach nicht das nächste Video anklickt, und das nächste.


Den meisten Menschen ist ihre Sucht und die möglichen negativen Auswirkungen von Social Media bereits längst bewusst. Trotzdem fällt es schwer aufzuhören und die Apps gänzlich aus dem digitalisierten Leben zu verbannen. Menschen bleiben biologisch betrachtet Produkte der Steinzeit mit evolutionär einfachen Belohnungssystemen, die Apps gezielt ausnutzen. Trotzdem sollte man sich nicht in diese Opferrolle fallen lassen, denn wir lassen uns zu einem gewissen Grad freiwillig unsere Zeit und Zufriedenheit stehlen. Die eigene Bildschirmzeit zu regulieren, ist manchmal sogar leichter als gedacht. Den eigenen Kopf wieder selbst zu benutzen ohne sich alles vorkauen zu lassen. Der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Kant hat dabei schließlich auch Social Media gemeint, oder?


 


Marlene Weiß studiert im Master Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München und schreibt ihre eigenen Bücher, Artikel für eine Lokalzeitung und jetzt auch für das KULTURA Magazin!

 





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