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Unfruchtbar aus Überzeugung

  • Autorenbild: Emilia Gottermann
    Emilia Gottermann
  • 29. Juni
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 5. Juli

Sterilisation als junge Person: Wem wird gesellschaftlich zugetraut, über den eigenen Körper zu entscheiden?


Wer sich freiwillig sterilisieren lassen möchte, stößt oft auf Zweifel, Rechtfertigungsdruck und traditionelle Rollenbilder. Besonders junge Menschen müssen dabei häufig um Selbstbestimmung kämpfen. Eine junge Frau berichtet über ihre Erfahrungen auf dem Weg zur Sterilisation und wie sie der allgegenwärtigen Angst vor der Reue begegnet.


29.06.2026

von Emilia Gottermann


Abgesprochene Urteilsfähigkeit: Wenn der Wunsch nach körperlicher Selbstbestimmung auf Zweifel stößt, erleben viele Betroffene eine sogenannte „medizinische Invalidierung“ – das Gefühl, mit den eigenen Bedürfnissen schlicht nicht ernst genommen zu werden. Foto: Usman Yousaf
Abgesprochene Urteilsfähigkeit: Wenn der Wunsch nach körperlicher Selbstbestimmung auf Zweifel stößt, erleben viele Betroffene eine sogenannte „medizinische Invalidierung“ – das Gefühl, mit den eigenen Bedürfnissen schlicht nicht ernst genommen zu werden. Foto: Usman Yousaf
 „Die Möglichkeit, dass weiblich gelesene Personen keinen Kinderwunsch haben und dass sich das auch nicht verändert, muss gesellschaftlich erst noch ankommen“

In der Woche vor ihrer Sterilisation steht Karolina vor dem Spiegel, legt die Hände auf ihren Bauch und versucht sich vorzustellen, schwanger zu sein. Zum ersten Mal taucht der Gedanke auf, ob sie vielleicht doch irgendwann Kinder haben möchte. „Das hat meine Entscheidung nicht ins Wanken gebracht“, sagt sie. „Aber es war überraschend, diese Gedankenspiele überhaupt zu haben.“ Als sie nach dem Eingriff aufwacht, empfindet sie vor allem Erleichterung: „Als hätte jemand eine schwere Last von mir

genommen.“ Schon als Kind wusste die Anfang Zwanzigjährige, dass sie keine eigenen Kinder haben möchte. Trotzdem beschreibt sie den Weg zur Sterilisation nicht als einfache Entscheidung, sondern als eine, die gesellschaftlich ständig erklärt werden muss.


Zwischen Selbstbestimmung und gesellschaftlichen Erwartungen

Freiwillige Sterilisationen sind in Deutschland legal. Trotzdem gelten sie besonders bei

jungen und kinderlosen Menschen mit Uterus noch immer als ungewöhnlich. Viele Betroffene berichten davon, dass ihre Entscheidung angezweifelt wird, oft begleitet von der Vorstellung, der Kinderwunsch werde schon noch kommen. Auch bei der pro familia Beratungsstelle in Hannover erlebt Sozialarbeiterin Silke Sundermeier diese Unsicherheit im gesellschaftlichen Umgang. Sie beobachtet einen Rechtfertigungsdruck, obwohl viele Menschen bereits sehr informiert und mit klarer Entscheidung in die Beratung kämen. „Die Möglichkeit, dass weiblich gelesene Personen keinen Kinderwunsch haben und dass sich das auch nicht verändert, muss gesellschaftlich erst noch ankommen“, sagt sie.


Silke Sundermeier ist Sozialarbeiterin in der pro familia Beratungsstelle Hannover und berät seit über zehn Jahren zu Themen der sexuellen und reproduktiven Selbstbestimmung. Foto: privat
Silke Sundermeier ist Sozialarbeiterin in der pro familia Beratungsstelle Hannover und berät seit über zehn Jahren zu Themen der sexuellen und reproduktiven Selbstbestimmung. Foto: privat


Ähnliche Erfahrungen beobachtet Dr. Francis Nauck, Chefarzt der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Goitzsche Klinikum. Besonders junge Menschen müssten ihre Entscheidungen häufig ausführlicher erklären als andere Patient*innen. Trotzdem beobachtet er, dass sich die Nachfrage verändert habe: „Lebensentwürfe werden individueller und die Entscheidung gegen eigene Kinder wird offener kommuniziert als noch vor einigen Jahren“.


Karolina kennt diese Reaktionen. Durch kritische Kommentare aus ihrem Umfeld sei ihr bewusst geworden, „wie tief verankert die Vorstellung ist, dass Heirat und Kinder der natürliche Lebensweg für gebärfähige Personen sind“.


Dabei beschreibt Sundermeier: „Viele denken offenbar, sie müssten Gründe liefern, warum sie keine Kinder möchten“. Erst wenn klar werde, dass ihre Entscheidung nicht infrage gestellt werde, entspanne sich die Situation im Beratungsgespräch häufig. Der gesellschaftliche Rechtfertigungsdruck bleibt nicht folgenlos. Forschende der University of Toronto beschreiben in einer Studie sogenannte „medizinische Invalidierung“, also Situationen, in denen Patient*innen sich nicht ernst genommen oder abgewertet fühlen. Wiederholte Erfahrungen dieser Art können mit Frustration, Selbstzweifeln und Vertrauensverlust verbunden sein. Gleichzeitig beschreibt die Selbstbestimmungstheorie Autonomie als eines der grundlegenden psychologischen Bedürfnisse des Menschen. Wird Selbstbestimmung dauerhaft infrage gestellt, kann das das eigene Gefühl von Handlungsfähigkeit beeinträchtigen.


Auch in den Beratungen bei pro familia zeigen sich solche Folgen. Manche Menschen reagieren mit Wut, andere mit Resignation. Manche legten ihren Wunsch nach einer Sterilisation sogar auf Eis, nachdem sie von Ärzt*innen nicht ernst genommen worden seien, so Sundermeier. Karolina beschreibt das Gespräch vor ihrer Operation deshalb als Ausnahmeerfahrung: „Es war einer der wenigen Momente in meinem Leben, in denen ich mich wirklich ernst genommen gefühlt habe.“


Selbstbestimmung: theoretisch akzeptiert, praktisch begrenzt

Der Druck bleibt dabei nicht nur emotional spürbar, viele Betroffene stoßen auch auf konkrete strukturelle Hürden. Laut Sundermeier unterscheiden sich die Chancen auf eine Sterilisation häufig danach, ob Menschen mit Uterus bereits Kinder haben oder nach dem Alter. Besonders schwierig sei es oft für Menschen unter 30 ohne Kinder. Hinzu kommen hohe Kosten: Krankenkassen übernehmen freiwillige Sterilisationen in der Regel nicht. Je nach Klinik können die Eingriffe mehrere hundert bis über tausend Euro kosten. Manche Praxen verlangen zusätzliche Beratungsgespräche, Bescheinigungen oder Bedenkzeit.


Dr. Francis Nauck sieht ebenfalls strukturelle Hürden beim Zugang zu freiwilliger Sterilisation. Nicht jede Einrichtung biete den Eingriff an, außerdem gebe es sehr unterschiedliche persönliche Haltungen unter Ärzt*innen. Die 2024 veröffentlichte Leitlinie zu „Nicht-hormoneller Empfängnisverhütung“ soll Ärzt*innen und Beratungsstellen eine evidenzbasierte Orientierung im Umgang mit hormonfreien Verhütungsmethoden geben. Einen generellen Ausschluss jüngerer oder kinderloser volljähriger Patient*innen sieht die Leitlinie ausdrücklich nicht vor. Entscheidend seien Aufklärung und eine eigenständige Entscheidung der Patient*in.


Dr. med. Francis Nauck ist Chefarzt der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Goitzsche Klinikum in Bitterfeld-Wolfen. Der Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe leitet die Klinik seit 2022 und ist auf minimal-invasive gynäkologische Chirurgie spezialisiert. Foto: GZBIWO
Dr. med. Francis Nauck ist Chefarzt der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Goitzsche Klinikum in Bitterfeld-Wolfen. Der Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe leitet die Klinik seit 2022 und ist auf minimal-invasive gynäkologische Chirurgie spezialisiert. Foto: GZBIWO

Die Angst vor späterer Reue

Trotzdem bleibt die Angst vor späterer Reue eines der häufigsten Argumente gegen freiwillige Sterilisationen. Besonders junge Menschen hören häufig, sie könnten ihre Meinung irgendwann ändern.

Eine große US-amerikanische Langzeitstudie zeichnet jedoch ein differenzierteres Bild. Zwar bereuten jüngere Patientinnen den Eingriff insgesamt häufiger als ältere. Innerhalb dieser Gruppe war die Reuequote bei kinderlosen Frauen jedoch am niedrigsten. Höher lag sie vor allem bei Personen, die sich kurz nach einer Geburt sterilisieren ließen. Damit wird die pauschale Annahme, junge kinderlose Frauen würden ihre Entscheidung später zwangsläufig bereuen, zumindest deutlich komplizierter.


Gleichzeitig zeigt eine Studie aus der Fachzeitschrift Psychology of Women Quarterly, dass kinderfreie

Frauen und nicht-binäre Personen, deren Sterilisationswunsch erfüllt wurde, von höherem Wohlbefinden und Selbstwertgefühl berichteten als Personen, deren Eingriff verweigert wurde.


Auch Silke Sundermeier erlebt selten tatsächliche Unsicherheit: „Ich habe in über zehn Jahren Beratung noch nie erlebt, dass Menschen diese Entscheidung leichtfertig treffen“, sagt sie.


Die Debatte um Sterilisation berührt damit eine grundsätzliche Frage: Wem wird gesellschaftlich zugetraut, über den eigenen Körper zu entscheiden?


Nauck sieht die Verantwortung von Ärzt*innen vor allem darin, umfassend und ehrlich aufzuklären, ohne Patient*innen bestimmte Lebensmodelle vorzugeben. „Die endgültige Entscheidung über den eigenen Körper sollte jedoch bei eine*r urteilsfähigen Patient*in liegen“, schreibt er.


Für Karolina hat die Sterilisation vor allem eines verändert: die Angst. Während ihrer Teenagerzeit machte sie regelmäßig Schwangerschaftstests, trotz hormoneller Verhütung. Die Vorstellung, ungewollt schwanger zu sein und die Kontrolle über den eigenen Körper zu verlieren, habe sie dauerhaft belastet. Heute ist diese Angst verschwunden. „Es kann nicht sein, dass es ein Ausnahmefall ist, wahrgenommen und geglaubt zu werden“, sagt sie.


Emilia Gottermann studiert Journalistik und arbeitet als Social Media Managerin. Neben dem Lesen und chronischem Online-Sein hostet sie einen Podcast, in dem sie popkulturelle Ereignisse einordnet und hinterfragt. 





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