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Mitte 20 und plötzlich Vollwaise - Wie der frühe Tod der Eltern Freundschaften verändert

  • Autorenbild: Marisa Vogel
    Marisa Vogel
  • 8. Juli
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 8. Juli

Die Zwanziger sind bestimmt von Selbstfindung, Studium, Ausbildung und dem ersten Job. Doch was passiert, wenn die Eltern plötzlich sterben? Während Gleichaltrige Karriereschritte planen oder das größte Problem darin besteht, eine bezahlbare WG zu finden, müssen Betroffene das letzte Outfit ihrer Eltern auswählen, den passenden Grabstein finden und sich neben der Beerdigung um unzählige Formalitäten kümmern. Ein emotionaler Ausnahmezustand.


von Marisa Vogel

08.07.2026


Der doppelte Verlust: Aus Unsicherheit ziehen sich viele Freunde von Trauernden zurück. Dabei ist gerade in instabilen Lebensphasen ein verlässliches Netzwerk überlebenswichtig. Foto: Dev Asangbam
Der doppelte Verlust: Aus Unsicherheit ziehen sich viele Freunde von Trauernden zurück. Dabei ist gerade in instabilen Lebensphasen ein verlässliches Netzwerk überlebenswichtig. Foto: Dev Asangbam

dieser Phase gesellschaftlich erwartbarer Teil des Lebensverlaufs. Stabile Strukturen, bestehende Partnerschaften und feste soziale Gefüge schaffen ein Umfeld, das Trauer auffangen und mittragen

kann. Doch was passiert, wenn der Verlust früher kommt?


Trauer in der Lebensphase, in der sie niemand erwartet

Junge Erwachsene gelten als besonders vulnerable Trauernde mit einem erhöhten Risiko für ein beeinträchtigtes psychosoziales Wohlbefinden. Schließlich haben soziodemografische Faktoren einen stärkeren Einfluss auf die Verlustreaktionen als die Todesursache selbst: Instabile Beziehungen sowie berufliche und persönliche Veränderungen verursachen fehlende Unterstützungsnetzwerke. Gleichzeitig werden Unsicherheit, Einsamkeit und ein erschütterndes Selbstwertgefühl besonders intensiv erlebt. Auch psychische Belastungen wie Angst, Depressionen und Konzentrationsschwierigkeiten können Trauer zusätzlich erschweren. Hinzu kommt die Erwartungshaltung funktionieren zu müssen.


Schaut man auf institutionelle Rahmenbedingungen, erscheint es fast schon lächerlich, dass aus Arbeitgebersicht zwei Tage Sonderurlaub das richtige Maß seien, um die Komplexität der Trauer zu verarbeiten. Mentale Probleme haben in einer Gesellschaft, die auf Leistungsfähigkeit ausgerichtet ist, keinen Platz und bereits für Menschen ohne akute Krisenerfahrung ist das Vereinbaren von Beruf, Haushalt und persönlichen Verpflichtungen oft eine Hürde. Von trauernden Menschen wird erwartet, genau diese alltägliche Funktionsfähigkeit aufrechtzuerhalten und gleichzeitig die organisatorischen Aufgaben rund um den Todesfall zu übernehmen. Gerade wenn die Diskrepanz zwischen einem Alltag, in dem Trauer vermeintlich nicht existieren darf und der inneren Überforderung immer größer wird, können Freundschaften zu einer entscheidenden Ressource werden.


Unterstützung scheitert an Floskeln

“Melde dich, wenn was ist.” Ein Satz, der oftmals folgenlos bleibt. Trauer ist weder planbar, noch

verläuft sie geradlinig. Es gibt Tage, an denen das Leben stillsteht und selbst minimalste Aufgaben nicht zu bewältigen erscheinen. Der Körper steht unter Dauerstress. Genauso gibt es Tage, an denen die Trauer für kurze Zeit in den Hintergrund rückt. Letztlich ist es genau diese Unberechenbarkeit, die Sätze wie “melde dich, wenn was ist", zum Problem werden lassen. Wer trauert, weiß nicht, wann etwas ist. Es ist ein bestimmtes Lied im Café, ein vertrauter Duft in der Bahn oder der Trubel der Menschen im Supermarkt, der zur nächsten Panikattacke verleitet. Auch beiläufige Aussagen wie „Yolo“ oder „Ich sterbe vor Lachen“ können Trauernde aus dem Gleichgewicht bringen. Schmerz kündigt sich nicht an. Trauernde sind der Situation bereits ausgeliefert und es gilt, sie auszuhalten.


Hinzu kommen die Angst, andere zu belasten, und die fehlende Kraft, den eigenen Zustand überhaupt zu erkennen, geschweige denn ihn kommunizieren zu können. Die Hürde, selbst Hilfe einzufordern, ist zu groß. Auf einen Verlust folgt der nächste. Zuerst die Eltern, dann die Freunde.

ist ein unangenehmes Thema. Er konfrontiert einen mit der eigenen Endlichkeit und mit Fragen, auf

die es keine einfachen Antworten gibt. Während das Umfeld das Thema aus Angst, Unsicherheit oder

Unwissenheit vermeidet, besitzen Trauernde nicht das Privileg, ihren Dauerbegleiter ignorieren zu

können. Meistens ist es die Sorge, etwas Falsches zu sagen und die betroffene Person zusätzlich zu

verletzen. Gleichzeitig ist nichts zu sagen und sich stattdessen der Einfachheit halber zurückzuziehen, eine bewusste Entscheidung – nämlich eine, die für Trauernde gleich einen doppelten Verlust bedeutet. Damit geht auch die Selbstverständlichkeit von Sicherheit und Zugehörigkeit verloren.

Es braucht oft viel weniger, als die meisten denken.

Die wohl wichtigste Regel im Umgang mit Trauernden ist, präsent zu bleiben.

Während Geburtstage, Feiertage oder auch Todestage eine Herausforderung darstellen können, sind diese jedoch planbar. Weniger planbar sind Situationen an gewöhnlichen Tagen, wenn die Trauer Betroffene

unvorhersehbar überkommt.


Die Bedürfnisse von Trauernden sind ebenso wechselhaft wie die Trauer

selbst. Was heute Ruhe bedeutet, kann morgen der Wunsch nach Nähe sein. Gerade deshalb ist es umso wichtiger, ein Umfeld zu haben, das Geduld und Bereitschaft, Stimmungen auszuhalten, mitbringt.


Wer trotz Suchmaschinen, Social Media oder eigenen Überlegungen keine passenden Ansätze findet, kann genau das kommunizieren. Letztlich braucht es keine perfekten Worte, sondern Menschen, die bleiben, nachfragen, aushalten und den Verlust nicht unsichtbar machen. Umso schöner ist es, dass manche Freundschaften auch wachsen und man erlebt, wer bleibt, wenn es schwierig wird - und sich daraus Freundschaften fürs Leben entwickeln können.



Marisa Vogel studierte Medien- und Wirtschaftspsychologie in Köln sowie Fashion Management in Rom. Für das KULTURA MAGAZIN schreibt sie über gesellschaftliche Diskurse und psychologische Themen. Derzeit arbeitet sie an ihrem ersten Roman. 

1 Kommentar


Alexandra
10. Juli

Großartig geschrieben! Ein so wichtiges Thema, über das viel zu selten gesprochen wird!

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