„Das Zuhause, das ich immer bei anderen gesucht habe“ – NIKITA im Interview
- Selina Öztürk

- 23. Juni
- 5 Min. Lesezeit
Nach einer Trennung, einem Umzug nach Berlin und der Suche nach sich selbst entstand „Heimkommen“: Im Gespräch mit KULTURA erzählt NIKITA und sein Team erstmals, wie persönliche Krisen zu Musik wurden und warum sein Release-Konzert mehr war als nur ein Konzert.
von Selina Öztürk
23.06.2026

Der zugezogene Berliner findet über einen Bar-Abend, organisiert von einer gemeinsamen Freundin, zufällig zu seinem heutigen Kernteam. Als Nikole mit ihrem Wunsch nach einem neuen Management-Projekt Initiative ergreift und Nikita ohnehin auf der Suche nach einem Produzenten ist, bringt sie auch Joshua mit ins Spiel und damit kommt der Stein ins Rollen.
Joshua: „Es hat alles mit einem Song angefangen, den wir zusammen produziert haben“
NIKITA: „Und da hab ich halt gemerkt, da entsteht gerade irgendwie etwas ganz Besonderes.“
Immer seltener arbeiten Künstler beständig mit einem einzigen Produzenten zusammen, doch NIKITA erklärt, wie viel Talent er in Joshua sah. So begann die intensive Zusammenarbeit an einer EP mit fünf genreübergreifenden Liedern inklusive eines Piano-Interludes. Während Joshua also in enger
Zusammenarbeit mit NIKITA nach und nach die Lieder finalisiert, kümmert sich Nikole um die Organisation und Umsetzung des Release-Konzerts, das am Tag der EP-Veröffentlichung in Berlin-Schöneberg stattfinden und auf NIKITAs Kunst aufmerksam machen soll.
Nikole: „Strategisch haben wir es auch für sinnvoll gehalten, das erste Konzert kostenlos zugänglich zu machen, damit alle eine Chance haben, sich von NIKITA überzeugen zu lassen", erklärt Nikole.
NIKITA: „Und es war uns wichtig, dass viele Leute aus der Musikindustrie dabei waren, um sich vorzustellen und zu zeigen, was man organisatorisch, aber auch musikalisch draufhat. Wir wollten mit dem ersten Konzert beweisen, was hinter diesem Projekt ‚NIKITA‘ steckt."
In kürzester Zeit stellen die drei mit ihrem Team ein gesamtes Konzert auf die Beine, das von Soundkulissen im Einklang mit Cello und Schlagzeug bis hin zu kräftigen Pianoballaden reicht. Joshua erklärt aber, dass der Prozess der Songproduktionen und der Konzertumsetzung eben genau das ist: Ein Prozess. Und dazu ein nervenaufreibender. Besonders bei solchen Projekten muss man lernen, auf
eine gemeinsame Wellenlänge zu finden und einander auf musikalischer, aber auch auf interpersoneller Ebene zu verstehen. Im Nachhinein würden scheinbar alle drei bejahen, dass man in so einer intensiven Phase der Zusammenarbeit auch entsprechend zusammenwächst und eine emotionale Bindung aufbaut – nicht nur zum Projekt und den einzelnen Songs, sondern auch zueinander als Team.
Joshua: „Wir hatten am Ende auch ordentlich Zeitdruck und es war ganz schön stressig, aber es war dadurch auch eine sehr schöne Zeit, eben weil es so intensiv war. […] Ich glaube, es wird eine Zeit bleiben, an die ich mich lange sehr positiv zurückerinnere.“
Nikita, in deiner EP philosophierst du über das „Heimkommen“. Woher kam der Impuls, über solch eine komplexe Frage zu reflektieren?
Nikita: Heimkommen ist ein Prozess, dem sich Menschen stellen können, oder versuchen, so gut es geht zu verdrängen. Ob ich mich mit mir selbst beschäftigen kann und ob ich mich bei mir selbst angekommen fühle oder noch nicht. Ich habe das für mich feststellen müssen, als ich mich nach einer langjährigen Beziehung von einer Person getrennt habe, die sich nach Zuhause angefühlt hat. In der Zwischenzeit bin ich nämlich nach Berlin gezogen und habe hier dann zum ersten Mal alleine gewohnt und war auch zum allerersten Mal mit mir alleine, und da ist mir die Decke auf den Kopf gekracht. Das ist irgendwie meine größte Angst: alleine zu sein. Da geht einfach so viel in meinem Kopf vor und zu der Zeit hatte ich noch nicht so ganz zu mir selbst gefunden und war dann aber auf einmal dazu gezwungen, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen. Warum habe ich immer so viel Liebe für andere Menschen, aber nicht für mich selbst übrig?“
Mit der Musik findet NIKITA also Zuflucht und Antwort zugleich, sodass er solch komplexe Gefühle durch seine Passion thematisiert und aufarbeitet. Etwa handelt das erste und gleichnamige Lied seiner EP „Heimkommen“ vom beginnenden Ansatz des Loslassens, „Rauschgift“ verkörpert die Flucht vor den eigenen Gefühlen im Nachtleben Berlins und mit „Aurora“ scheint NIKITA nicht nur die EP zu beenden, sondern auch Frieden mit der Suche nach dem eigenen Heim zu schließen. Noch ist die Reise jedoch nicht zu Ende. Aus musikalischer Sicht präferiert der Künstler es nämlich, wenn EPs auf ein gesamtes Konzept bauen und die einzelnen Lieder zwar als Singles funktionieren, zugleich aber ein übergeordnetes Gesamtkonstrukt bilden. Also wird das nächste Projekt wahrscheinlich an den Song „Aurora“ anknüpfen und dieses Motiv auch weiter ausbauen. Aber auch auf intrapersoneller Ebene ist der Weg des Heimkommens für NIKITA noch nicht vollendet: „Angekommen bin ich noch nicht so ganz bei mir. Es gab aber den Moment, wo ich zum ersten Mal wirklich Selbstliebe empfunden und mich bei mir selbst angekommen gefühlt habe. […] Also, da bin ich jetzt schon viel weiter als davor und im Nachhinein halte ich es auch sehr mutig von mir, sich mit diesen Gedanken und diesem Schmerz auseinanderzusetzen.“
Seid ihr zufrieden mit dem Endergebnis eures Projekts?
Joshua: Es war perfekt. Es hätte, glaube ich, nicht besser laufen können. Alle Sorgen, die wir
hatten, sind so nicht eingetreten.
Nikole wiederum schaut durch ihre perfektionistische Linse etwas kritischer auf die Konzertumsetzung. Hier und da fallen einem nachträglich immer Kleinigkeiten auf, die hätten anders laufen können, aber auch sie betont, dass sie den Abend des Release-Konzerts mit einem entspannten und guten Gefühl abschloss und stolz auf das Ergebnis ist.
Nikita: Der Tag war ein unbeschreibliches Gefühl, was man so nicht in Worte fassen kann. Wenn ich gerade daran denke, kriege ich wieder Gänsehaut. Ich fühlte mich diesen Menschen im Saal sehr nahe, weil ich in dem Moment auf einer emotionalen Ebene mit ihnen war. Wenn man dabei bedenkt, wie viele Steine uns in den Weg gelegt wurden, ist es einfach krass. […] Ich hatte aber zum Schluss das Gefühl, der ganze Stress hätte sich ausgezahlt. Als hätte ich zum allerersten Mal etwas Schönes zurückbekommen und das hat es umso emotionaler für mich gemacht.
Was bedeutet "heimkommen" nun für euch?
Nikole: Vor einem Jahr habe ich mir noch gewünscht, Freunde zu haben, die auch so eine Leidenschaft für Musik verspüren. Also, Leute, mit denen ich freundschaftlich bin, aber eben auch dieses Interesse teile und solche Projekte machen kann. Und mit dem jetzigen Team habe ich eben diese Leute gefunden. Und es hat sich alles einfach richtig angefühlt. Ich glaube, im Moment, ist das ‚Heimkommen ‘ für mich.
Joshua: Ich bin aktuell sehr glücklich, dass ich Teil von solchen Projekten sein darf und Zeit mit so tollen Menschen verbringen darf. […] Auf einmal haben sich hier super viele Möglichkeiten ergeben. Und ich habe viel mehr gelernt, wer ich selbst bin, was ich für mich als Rolle sehe und wie ich in dieser Tätigkeit des Produzentenseins aufgehe. Ich würde sagen, das ist aktuell mein Gefühl von ‚Heimkommen‘.
Nikita: Für mich hat sich die Definition von ‚Heimkommen‘ im Laufe dieser Zeit geändert. Ich hatte die Erkenntnis, dass ich das, wonach ich mich sehne, wie zum Beispiel Liebe, Bestätigung und Anerkennung, immer bei anderen Menschen suche. […] Ich habe aber festgestellt, dass ich diese Lücken nicht mit anderen Menschen füllen kann, sondern es mehr um diese Selbstliebe und um dieses innere Heimkommen
geht.

Selina Öztürk ist 22 Jahre alt und studiert in Berlin Sprache und Gesellschaft in Kombination mit Publizistik- und Kommunikationswissenschaften. Außerdem beschäftigt sie sich bei futur eins mit konstruktivem Gesellschaftsjournalismus. In der Regel hat sie immer ein Buch und ein Uno-Spielset in ihrer Tasche.



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