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Gold auf dem Eis, Druck im Rücken: Die Schattenseiten des Eiskunstlaufs

  • Autorenbild: Julia Schöpfer
    Julia Schöpfer
  • 24. März
  • 4 Min. Lesezeit

Wie Alysa Liu die Regeln des Eiskunstlaufs für Frauen neu schreibt


Alysa Liu gewann im Eiskunstlauf Gold und wird im Internet als Inspiration gefeiert. Dabei verkörpert sie streng genommen das Gegenbild jenes Ideals, das im Spitzensport den Sieg erhält. Ein Sport, der hinter Gold und Glanz vor allem psychische Belastungen bereithält. Ein KULTURA-Kommentar von Gastautorin Julia Schöpfer.


24.03.2026

von Julia Schöpfer


Alysa Liu ist eine US‑amerikanische Eiskunstläuferin, die bei den Winterspielen 2026 Olympisches Gold im Einzellauf gewann. Sie machte sich einen Namen durch technisch herausragende Sprünge und kreative Ausdrucksformen auf dem Eis. Foto: FloweringDagwood via Wikimedia Commons
Alysa Liu ist eine US‑amerikanische Eiskunstläuferin, die bei den Winterspielen 2026 Olympisches Gold im Einzellauf gewann. Sie machte sich einen Namen durch technisch herausragende Sprünge und kreative Ausdrucksformen auf dem Eis. Foto: FloweringDagwood via Wikimedia Commons

Die Posen werden nachgefilmt, die Sprünge im Wohnzimmer nachgeahmt. „Sie laufen zu sehen, erinnerte mich daran, warum ich angefangen habe, meine eigenen kreativen Werke zu schaffen“, erklärt Editor Jordan Watkins unter seinem hunderttausendfach gelikten Instagram-Reel, „aus der Liebe dazu“.


Ästhetische Rebellion

Ihre Haare sind blond-braun gestreift, erinnern gleichzeitig an Heiligenscheine und Waschbären. „Ich denke nicht, dass irgendwas schwer wird. Jede Sekunde, die du dort bist, gewinnst du etwas. Es gibt nichts zu verlieren“, erklärte Alysa Liu in einer Pressekonferenz vor ihrem Olympiasieg im Eiskunstlauf.

Das Paillettenkleid glitzert im Licht, die Haare sind ausnahmsweise in einem Pferdeschwanz zurückgebunden und das Lippenbändchenpiercing blitzt in die Kamera. Sie dreht Pirouetten, springt und versteckt dabei ihr Lächeln keine einzige Sekunde. Ihre Freude und ihre Gelassenheit wirken wie Stärken. „That's what I'm fucking talking about“, ruft sie nach der Kür in die Kamera.


Für eine Sportart, in der Haltung und Aussehen nicht nur kommentiert, sondern gewertet werden, ist Alysa Liu eine ästhetische Revolution.

Es ist nicht einfach Alysa Lius Stil und Ausdrucksweise, die sie von anderen Athletinnen in ihrem Sport trennt. Sie bricht mit den Vorstellungen, wie sich Frauen im Eiskunstlauf verhalten sollen. Für eine Sportart, in der Haltung und Aussehen nicht nur kommentiert, sondern gewertet werden, ist Alysa Liu eine ästhetische Revolution.


So ist die klassische Eiskunstläuferin auf und außerhalb des Eises grazil. Sie definiert sich ausschließlich über den Sport und die Leistung. Ehrgeizig greift sie nach dem Sieg und ist niedergeschmettert vom zweiten Platz. Alexandra Trusova gravierte sich so, erst mit ihrem harten, kalten Blick und später mit ihren Tränen und verschmiertem schwarzen Make-Up 2022 als Personifikation von Ambition und

Leistungsdruck in die Eiskunstlaufwelt ein.



Ohne Leid kein Gewinn

Der Druck, den Eiskunstläufer*innen spüren, ist fester Bestandteil einer größeren leistungsorientierten Wahrnehmung. Ihre Konsequenz, so zeigen Studien, ist ein erhöhtes Risiko für Angst- und Essstörungen. Die frühe Spezialisierung, das hohe Trainingsvolumen und die leistungsorientierten Vergleiche mit anderen Athlet*innen begünstigen zusätzlich Burnout.


Als Gegenbild zum distanzierten, kühlen Ideal des Sports und zur Leistungskultur stellt Alysa Liu Selbstbestimmung, Freude und Persönlichkeit über Perfektion und Selbstaufopferung.

Belastung wird im Eiskunstlauf damit schnell zur Teilnahmebedingung. Der Sieg eng verwoben mit Opfern. Der Eiskunstlauf wird so zum Spiegel einer Gesellschaft, die ihren Wert nach Leistung misst: Belastung gilt als Mittel zum Zweck, Leiden als Voraussetzung für Erfolg. Inmitten beharrlicher Aufopferung und Selbstoptimierung verirrt man sich in einer Endlosspirale aus Erwartungen und Zwang, ständig bessere Leistungen zu erbringen. Ganz nach der Müdigkeitsgesellschaft von Byung-Chul Han wird alles zur Herausforderung umfunktioniert, die es perfekt zu meistern gilt. Die Müdigkeitsgesellschaft beschreibt eine moderne Gesellschaft, in der Menschen sich selbst unter Druck setzen, ständig Leistung erbringen und optimieren wollen – im Gegensatz zu früheren Gesellschaften, in denen Druck von außen kam. Für Freude bleibt keine Zeit. Freude wird aus der Leistungsgesellschaft ausgesperrt und vergessen. Sowohl in unserer Gesellschaft als auch auf dem Eis.


Atempausen vom Leistungswahn

Als sie mit 16 aus dem Sport austrat, erkannte Alysa, wie sehr ihr die Leistung zu schaffen machte. „Das Skaten hat mir damals keinen Spaß gemacht, weil ich weder meine eigenen Programme gemacht noch meine eigenen Kleider entworfen habe – ich habe nur Befehle befolgt.“ Sie trennte sich vom Leistungssport, kam ein paar Jahre später wieder und bricht nun die Ideale der Leistungsgesellschaft. Alysa, die ihre Musik, ihre Kür und ihre Kleider nun selbst wählt und sagt, wann ihr Training zu

viel wird, erlangt so die Selbstbestimmung und Freiheit, die im Eiskunstlauf dringend

nötig ist. Dieser fehlende Druck platziert sie streng genommen außerhalb des Sportideals. Und doch hüpft sie später auf dem Siegertreppchen, die Goldmedaille vor dem Goldkleid. „Was gibt es zu verlieren?“ Als Gegenbild zum distanzierten, kühlen Ideal des Sports und zur Leistungskultur stellt Alysa Liu Selbstbestimmung, Freude und Persönlichkeit über Perfektion und Selbstaufopferung.


Es ist genau diese optimistische Haltung, die Alysa Liu zu einer Ikone unter jungen Menschen erhebt. Die mediale Aufmerksamkeit demonstriert, wie sehr sich viele eine Athletin gewünscht haben, mit der sie sich äußerlich identifizieren und innerlich inspirieren können. Erfolg ist kein Ergebnis von Selbstaufopferung mehr, sondern entsteht aus Leichtigkeit und Freude. Erfolg ist nicht mehr das Ziel, sondern nur ein Baustein der Zufriedenheit über das eigene Können; jenseits jeden

Leistungsgedankens. Alysa ist damit auch eine Inspiration für viele junge Eiskunstläufer*innen.

Veränderungen in einer äußerst konservativen Sportart werden jedoch schwer

umzusetzen, brauchen Zeit und vor allem mehr mutige Athlet*innen, die ihre eigenen

Grenzen zwischen Leistungen und Idealen wahren.


Die Aufmerksamkeit, die Alysa gewinnt, zeigt damit nicht nur die Wichtigkeit einer Veränderung, sondern hebt auch hervor, in wem die junge Generation nach Vorbildern sucht: Athlet*innen, die sich selbst gehören. So lockert sich das enge Korsett aus Ambitionen und Idealen, Faden für Faden, bis Platz zum Atmen bleibt. Und schließlich auch zum Lächeln.

 


Julia Schöpfer ist 22 Jahre alt, schrieb für das Gesellschafts- und Medienressort

der taz und war bei Unizeitungen und Jugendredaktionen tätig. An der Uni Halle studierte sie Soziologie und Medien- und Kommunikationswissenschaften. Neben dem Journalismus schreibt sie Gedichte, liest viel und interessiert sich für Popkultur.

 





4 Kommentare


Gast
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harms73
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