„Entschuldige dich nicht dafür, wie du bist, wen du liebst oder was du tust.“: Musiker FAYAN über Selbstliebe, Erfolg und seine eigene Stimme

Seit mehreren Jahren schreibt FAYAN im Hintergrund genau an den Hits mit, die aus der deutschen Musikszene nicht mehr wegzudenken sind - für Artists wie Nina Chuba, Luciano, Shirin David, Montez oder badmómzjay. Im KULTURA-Interview spricht er über seinen Weg zu seiner eigenen Künstleridentität, seinem bevorstehenden EP-Release und warum seine Jugend im Schwarzwald den Grundstein für sein Lebensmotto legte.
von Marisa Vogel
27.10.2026

FAYAN ist als Songwriter nicht mehr aus der Musikszene wegzudenken. Durch seinen Hintergrund als Songwriter ist er darauf trainiert, sich in fremde Köpfe und Identitäten hineinzuversetzen. Nun steht er selbst im Rampenlicht und findet seine eigene Stimme. Seine EP „Gute Alte Zeit“ erscheint am 30. Oktober. Den Release wird er am 6. November im Kesselhaus in Berlin feiern – mit seinem bisher größten Konzert als Solokünstler.
FAYAN, wie findet man seine eigene Stimme, wenn man jahrelang die Stimmen für andere mitgebaut hat?
Mein heutiger Produzent, Dalton, hat mich in einem Songwriting Camp auf Mallorca gefragt, warum auf meinen bisherigen Songs meine Sprechstimme nicht zu hören ist. Früher dachte ich immer, ich muss wie ein Ami-Rapper klingen, mit Autotune und hoher Stimme. Im Studio haben wir dann geschaut, wie eine tiefe Stimme auf brachialen Beats funktionieren kann. Das war ein Prozess. Aber ich war noch nie so nah an mir selbst dran wie jetzt.
Gibt dir der bisherige Erfolg, von Platz 1 der Viral Charts bis zur 1LIVE-Krone-Nominierung, das Gefühl, mit der neuen EP nachlegen zu müssen? Wie gehst du mit dem Druck der Musikindustrie um?
Mein größter Vorteil war einfach, dass ich jahrelang als Songwriter gearbeitet und mir dadurch eine solide Basis aufgebaut habe, auch finanziell. Ich war bei meinem eigenen Künstlerprojekt nicht davon abhängig, ob es durch die Decke geht oder nicht. Gerade in der Musikindustrie weiß jeder alles, aber auch nichts. Das, was Labels und Manager sagen, ist letztlich auch nur eine Einschätzung, aber nie eine
Garantie. Wir machen das, was uns Spaß macht und wenn ich nicht selbst zu 100 Prozent Fan von mir bin, wer soll es denn dann sein?
Du trägst als Tattoo die Phrase „Vom Schatten ins Licht“. Was bedeutet das genau?
Es ist mein Lebenscredo. Ich war die ersten zwei Drittel meines Lebens ein sehr melancholischer, eher trauriger Junge. Vor rund fünf Jahren habe ich mein Leben radikal geändert: Ich habe aufgehört zu kiffen, lebe vegan, trinke keinen Alkohol mehr und habe mit Sport begonnen. Ich hab mir irgendwann gedacht: „Heute ist der erste Tag vom Rest meines Lebens, und ab jetzt geht es mir gut.“ Ich habe verstanden, dass alles, was du brauchst, bereits in dem liegt, was du hast. Am Anfang hatten wir auch keine krassen Budgets oder ein riesiges Set-Up. Nur ein iPhone und Ideen.
Glaubst du, dass der Erfolg und die Bestätigung von außen dir geholfen haben, dich selbst anzunehmen?
Das war zu hundert Prozent ein intrinsischer Prozess. Wenn ich meine Glückseligkeit von Feedback im Außen abhängig mache, ist sie sofort weg, wenn das Feedback ausbleibt. Alles kommt in Wellen. Wenn ich bei jeder Million Klicks denke, ich sei der aller Heftigste, würde es mir genauso schlecht gehen, wenn die Klicks ausbleiben. Die wahre Selbstliebe muss aus dir selbst kommen.
Wenn junge Menschen deine Musik hören, die sich gerade verloren fühlen oder an sich zweifeln: Welchen Gedanken möchtest du ihnen mitgeben?
Dass in jeder vermeintlichen Schwäche eine richtige Stärke liegt. Als ich damals mit XXL-Hosen und Caps in die Schule kam, wurde ich ausgelacht. Ich war der Einzige in meinem Dorf, der raus wollte in die Welt, der Rapper werden wollte. Jahrelang dachte ich, die anderen haben recht und ich sei der Weirdo. Aber genau das war meine Superpower. Nicht eins zu eins so zu sein wie alle anderen. Man macht sich
viel zu viele Gedanken darüber, was andere denken könnten. Entschuldige dich nicht dafür, wie du bist, wen du liebst oder was du tust. Hör auf deine eigene Stimme und mach dein Ding. Wenn du etwas probierst und es klappt nicht, kannst du immer noch was anderes machen. Es ist echt nicht so deep.
Wenn du auf die Kapitel zurückblickst, die du bisher in deinem Leben geschrieben hast: Welcher Moment verdient für dich genau den Titel „Gute Alte Zeit“ am meisten?
Ich glaube, jeder Mensch hat im Leben diverse, verschiedene gute alte Zeiten. Ich denke natürlich auch an Zeiten im Freibad mit 14 oder erste Male, wie die erste eigene Wohnung oder den Führerschein zu bekommen. Aber wenn es um die intensivste, krasseste Phase geht, dann ist es die Zeit, die jetzt gerade passiert. Irgendwann werden wir auf genau diese Monate im Studio und auf Erfolge, beruflich und privat, zurückblicken und sagen: "Weißt du noch damals?”. Die Gute Alte Zeit ist die, die gerade passiert.
Gibt es etwas, das du den Menschen da draußen unbedingt noch mitgeben möchtest?
Behandelt andere Menschen so, wie ihr selbst behandelt werden möchtet. Natürlich klingt das sehr pathetisch, aber das früher von meinen Idolen zu hören, die den Weg aus dem Nichts geschafft haben, hat mir gezeigt, dass sich das Träumen lohnt. Jeder da draußen hat Träume. Wenn ich auch nur zu 0,1 Prozent dazu beitragen kann, dass es den Leuten, die meine Musik hören, ein bisschen besser geht und sie
an sich glauben, dann habe ich meinen Job als Künstler erfüllt.

Marisa Vogel studierte Medien- und Wirtschaftspsychologie in Köln sowie Fashion Management in Rom. Für das KULTURA MAGAZIN schreibt sie über gesellschaftliche Diskurse und psychologische Themen. Derzeit arbeitet sie an ihrem ersten Roman.


