Hilfe, ein Angehöriger ist psychisch krank: So können Sie richtig unterstützen
- Tara Yakar
- 7. Jan.
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 4 Stunden
Geteiltes Leid ist nicht immer halbes Leid: Dass die psychische Erkrankung einer nahestehenden Person auch für Angehörige eine große Belastung darstellt, rückt oft in den Hintergrund. Schließlich steht die Krankheit im Fokus und lässt nicht viel Platz für anderes. Angehörige müssen funktionieren und wollen ihren Nahestehenden so viel Arbeit wie möglich abnehmen und helfen. Manchmal bewirkt das aber genau das Gegenteil. Was Angehörige am besten tun können, um die erkrankte Person zu unterstützen, aber auch um ihr eigenes Wohlbefinden zu steigern, erklärt Rolf Fischer, ehemaliger Vorsitzender der Hilfsorganisation Rat und Tat e.V. in Köln - ein Verein für diejenigen, die oft übersehen werden: die Angehörigen.
28.01.2024
von Tara Yakar

Susannes* Bruder leidet seit etwa einem Jahr an einer schweren Depression. Alltägliche Aufgaben, wie den Haushalt zu erledigen oder die Kinder vom Fußballtraining abzuholen, fallen ihm zunehmend schwerer. Die ganze Arbeit bleibt an Susanne und ihren Eltern hängen, die in dieser schweren Zeit natürlich unterstützen möchten, doch so langsam auch ans Ende ihrer Kräfte kommen. Verzweifelt sitzt Susanne in der Kölner Beratungsstelle und hofft auf Tipps, um die Situation zu bessern. Die Angehörige befindet sich in einem Zwiespalt: Einerseits möchte sie ihren Bruder unterstützen, andererseits verschlechtert sich ihr psychisches Wohlbefinden immer weiter. Was kann sie tun?
„Ich glaube, so ganz kann einem niemand die Schuldgefühle nehmen. Es hat aber geholfen, darüber zu sprechen und nochmal eine Sicht von außen zu bekommen.“
Erkrankte nicht als Kranke behandeln
Dass eine psychische Erkrankung mit bestimmten Einschränkungen und Verhaltensänderungen einhergeht, ist klar. Oft neigen Angehörige allerdings dazu, ihren Liebsten alles abzunehmen und sie nichts mehr selbst erledigen zu lassen.
„Was nett gemeint ist, kann das negative Gefühl bei dem oder der Erkrankten jedoch verstärken“, erklärt Fischer. Erkrankte möchten immer noch als Mensch und nicht ausschließlich als Opfer ihrer Krankheit angesehen werden. Schließlich gibt es auch noch andere Dinge, die sie ausmachen.
Fischer ist es wichtig zu betonen, dass Bemitleidung die Person nur immer weiter in ihre Rolle als hilflosen Krankheitsfall drängt. Er empfiehlt, die Kranken darin zu bestärken, selbst Dinge auszuprobieren und ihnen dabei zu helfen, zukünftig Aufgaben möglichst selbstständig zu übernehmen – frei nach dem Motto „Hilf mir, es selbst zu tun“, nach Maria Montessori.
Schuldgefühle loswerden
Viele Angehörige haben starke Schuldgefühle, weil sie glauben, dass sie selbst zu der Entstehung der psychischen Erkrankung beigetragen haben. Eltern, die sich die Schuld an der Magersucht der Tochter geben, obwohl sie immer auf ein gesundes Essverhalten geachtet haben. Der Freund, der die Signale einer Depression nicht früh genug erkannt hat, oder die Mutter, die immer noch glaubt, die Schizophrenie ihres Sohnes habe mit ihr zu tun.
Auch Susanne kennt diese Schuldgefühle sehr gut. Ständig fragt sie sich, warum sie die Anzeichen nicht schon vorher gesehen hat. „Ich glaube, so ganz kann einem niemand die Schuldgefühle nehmen. Es hat aber geholfen, darüber zu sprechen und nochmal eine Sicht von außen zu bekommen“, erzählt sie erleichtert.
Die meisten psychischen Erkrankungen entstehen nämlich durch eine Interaktion zwischen Genen und Umwelt. Angehörige haben dabei nie 100 Prozent Einfluss auf einen Faktor und schon gar nicht auf beide. „Die Entstehung einer psychischen Krankheit ist in den seltensten Fällen allein auf eine Verhaltensweise einer Person zurückzuführen. Oft sind es mehrere Faktoren und Ereignisse, die das Ausmaß der Krankheit bestimmen“, stellt Fischer richtig.
Dennoch ist es selbstverständlich möglich, dass zum Beispiel Kommentare zum Essverhalten einer Person zu einer Essstörung beigetragen haben. Wichtig ist es, sich über mögliche Trigger bewusst zu werden und das eigene Verhalten zu reflektieren. Von der Schuldfrage kann man die Angehörigen entlasten, indem man sie fragt, ob sie jemals mit ihren Aussagen oder ihrem Verhalten der erkrankten Person absichtlich schaden wollten, fügt Rolf hinzu.
Denn oft verhalten sich Menschen in gewisser Weise, weil sie sich der negativen Konsequenzen nicht bewusst sind und eigentlich nur das Beste für die Person wollen. „Niemand ist allwissend, und aus den Fehlern kann rückblickend gelernt werden. Schuldgefühle helfen schlussendlich niemandem, weder den Angehörigen noch den Erkrankten“, erklärt Fischer.
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„Viele Angehörige kennen diese Möglichkeit gar nicht.“
Professionelle Hilfe suchen
Oft fällt es Angehörigen schwer, eine räumliche Trennung zu veranlassen, weil sie denken, sie würden die erkrankte Person im Stich lassen“, meint Fischer. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Professionelle Hilfe in Form von Psychotherapien oder Klinikaufenthalten in Anspruch zu nehmen, entlastet die Angehörigen und hilft den Erkrankten.
Auch eine gesetzliche Betreuung können Angehörige in Erwägung ziehen, fügt er hinzu. Diese wird eingerichtet, wenn eine erwachsene Person aufgrund einer Erkrankung oder Behinderung wichtige Dinge im Leben nicht mehr allein regeln kann. „Viele Angehörige kennen diese Möglichkeit gar nicht“, bedauert Fischer. Es gibt auch die Möglichkeit, ambulant betreutes Wohnen (BeWo) für die Erkrankten zu beantragen. Dort kann geschultes Personal besser auf die individuellen Bedürfnisse der Erkrankten eingehen. Sozialpsychiatrische Dienste sind beispielsweise auf die Sicherstellung der Versorgung und Hilfen für chronisch psychisch kranke Menschen spezialisiert. Auch für die Erkrankten ist es kein schönes Gefühl, die engen Freunde und Familie so belastet zu sehen – auch dabei kann eine räumliche Trennung helfen.
Offen über die Krankheit und Belastung sprechen
Stigmatisierungen und Scham hindern Angehörige in vielen Fällen daran, mit jemandem über die eigene Belastung und die Krankheit der Angehörigen zu sprechen. Co-Depressionen, also das Erkranken an einer Depression als Folge der Depression der Angehörigen, sind keine Seltenheit. Susanne merkt auch, dass sich ihre psychische Gesundheit deutlich verschlechtert hat, da sie immer mit dem Kopf bei den Depressionen ihres Bruders ist. „Man fühlt sich manchmal sogar schlecht, wenn man für einen Moment nicht an die Krankheit denkt“, berichtet sie.
Um dem entgegenzuwirken, können Angehörige zum Beispiel Gesprächskreise besuchen, in denen sie mit anderen Betroffenen über ihre Erfahrungen und Belastungen sprechen können. „Es kann auch sinnvoll sein, sich selbst in psychotherapeutische Behandlung zu begeben oder die Angehörigen in die Psychotherapie des Erkrankten mit zu integrieren“, rät Fischer. Eine Beratungsstelle kann dabei auf weitere Gesprächskreise oder Selbsthilfegruppen hinweisen.
Eigenes Wohlbefinden beachten
Zu guter Letzt sollten Angehörige ihr eigenes Wohlbefinden nicht außer Acht lassen. Dieses ist nämlich nicht weniger wichtig als das Wohlbefinden der Erkrankten. „Aufgrund des ausgelasteten Gesundheitssystems weisen manche Ärzt*innen oder Therapeut*innen spezifisch die Verantwortung auf die Angehörigen ab und erzählen den Erkrankten, dass sich nahestehende Personen um sie kümmern sollen. Das ist problematisch, denn Angehörige sind meistens keine Expert*innen und ungeschult, was den Umgang mit psychisch kranken Menschen angeht“, warnt Fischer.
Als Susanne aufsteht, bedankt sie sich, dass man ihr zugehört hat. „Allein darüber zu sprechen, hat mir echt geholfen“, teilt sie mit und fühlt sich deutlich entlastet. Denn Angehörige können zwar für ihre Liebsten da sein und zum Genesungsprozess beitragen, aber eben nur so lange, wie sie selbst gesund sind.
Links zu Hilfsangeboten:
Nummer gegen Kummer: Kostenfreie Beratung für Eltern, Kinder und Jugendliche
BApK – Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker.
Weitere Informationen zur gesetzlichen Betreuung: Gesetzliche Betreuung – Voraussetzung, Beantragung, und Ablauf
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