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Verliebt, verlobt, vereinsamt - Welche Beziehungen brauchen wir wirklich?

  • Tara Yakar
  • vor 6 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 4 Stunden

Was Einsamkeit mit Männlichkeit, Rollenbildern und Beziehungsdruck zu tun hat

Ob mit oder ohne Partner*in – eine romantische Beziehung garantiert längst keine emotionale Nähe mehr. Besonders in der Generation Z scheinen Bindungsangst, Beziehungsunsicherheit und „Situationships“ (Romantische Verbindungen, die sich wie eine Beziehung anfühlen, aber ohne klare Verpflichtung und Definition bleiben) eher die Regel als die Ausnahme zu sein. Parallel dazu sprechen immer mehr Menschen von der männlichen Einsamkeitsepidemie („male loneliness epidemic“). Wie können wir wieder lernen, echte Verbindung einzugehen?


Ein Essay, inspiriert von einer Beratungssituation.


28.01.2024

von Tara Yakar


Eine romantische Beziehung schützt nur unter bestimmten Voraussetzungen vor Einsamkeit. Foto: The New York Public Library
Eine romantische Beziehung schützt nur unter bestimmten Voraussetzungen vor Einsamkeit. Foto: The New York Public Library

Warmes Sonnenlicht fällt durch mein renovierungsbedürftiges Fenster, der Auflauf dampft, mein roter Nagellack trocknet. Ich lasse mich auf meine quietschende Matratze fallen, bereit für meine Abendberatungsschicht. 18:01. Keine Sekunde später klingelt das Telefon.


„Meine Eltern sind beide schwer depressiv und ich habe niemanden, mit dem ich reden kann. Ich bin überfordert. Meine Freundinnen haben alle feste Partner, sie haben keine Zeit mehr für mich. Ich wünschte, ich hätte auch einen Freund – dann wäre alles leichter“, schluchzt eine Frau am anderen Ende der Leitung. Die Worte meines Telefon-Gegenübers kommen in einem Tempo, das ich sonst nur von auf doppelter Geschwindigkeit abgespielten WhatsApp-Sprachnachrichten kenne. Manche Menschen zögern, sich zu öffnen. Andere brechen aus, sobald man den Hörer abhebt. Was sie erzählt, höre ich oft: Der Wunsch nach einer tiefen, romantischen Beziehung durchzieht in irgendeiner Form fast jedes Gespräch, das ich in der Beratung führe.


Alle sind in Beziehungen, nur ich nicht?

Doch auch Menschen in romantischen Beziehungen beklagen sich in regelmäßigen Abständen über Einsamkeit, denn der Beziehungsstatus „vergeben“ schützt nicht automatisch vor Einsamkeit. Gerade heute, in einer Zeit voller Unsicherheiten, wachsender Ansprüche und vermeintlicher Wahlfreiheit durch Dating-Apps, verändert sich unser Verständnis von Partnerschaft radikal.

Laut der Barmer Krankenkasse haben in einer Umfrage in Deutschland rund 14 Prozent der Personen mit Partner*in als Grund für ihre Einsamkeit angegeben, dass sie in ihrer Partnerschaft nicht mehr glücklich sind. Gründe für Einsamkeit in Beziehungen können sein, dass gemeinsame Interessen fehlen, die Partnerschaft in Vergessenheit geraten ist oder dass Veränderungen auftreten, mit denen eine Person besser zurechtkommt als die andere, zum Beispiel ein berufsbedingter Umzug. Besonders negativ betroffen von der zurückgehenden Beziehungsbereitschaft scheint eine Bevölkerungsgruppe zu sein: Männer.


Viele junge Männer navigieren zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und eigenen Gefühlen auf der Suche nach Orientierung.

Viele heterosexuelle Männer sehen in ihrer Partnerin die einzige Bezugsperson, mit der sie über emotionale Themen sprechen können

„Niemand kennt mich wirklich.“ Dieser Aussage stimmten zwei Drittel der befragten 18- bis 23-jährigen Männer laut einer Studie der Western Oregon University zu. Außerdem seien Männer durchschnittlich häufiger Single und hätten seltener Sex als Frauen. Die sogenannte „Male Loneliness Epidemic“ zeigt: Viele Männer vereinsamen, weil sie emotionale Nähe nicht gelernt haben oder nur in romantischen Beziehungen suchen. Nach wie vor vertreten viele Menschen die Ansicht, dass es unmännlich sei, mit seinen männlichen Freunden über mentale Probleme oder Ängste zu sprechen. Bei Freundschaften zwischen Frauen sieht man im Durchschnitt mehr emotionale Unterstützung. Folglich sehen viele heterosexuelle Männer in ihrer Partnerin die einzige Bezugsperson, mit der sie über emotionale Themen sprechen können (Pew Research Center, 2025).


Männer, es ist Zeit, emotional nachzuziehen.

Es ist nicht unmännlich, Freund*innen in den Arm zu nehmen oder über Gefühle zu sprechen – es ist menschlich. Wie bei romantischen Beziehungen braucht auch eine tiefgründige Freundschaft Zeit und Arbeit. Viele Männer haben durch ihre Sozialisation (der Einfluss durch Erziehung, Medien und gesellschaftliche Rollenbilder) ein unterschiedliches Verständnis von Freundschaft und bewerten emotionale Nähe anders. Diese Erkenntnis kann helfen: Sie ermöglicht es, die eigenen negativen Gefühle besser zu verstehen und anzunehmen und sich dabei selbst mit mehr Nachsicht zu begegnen.

Wer damit aufgewachsen ist, dass Männerfreundschaften meist oberflächlich bleiben und man nur in einer romantischen Beziehung über Emotionen sprechen kann, fühlt sich schnell schlecht, wenn genau diese Beziehung fehlt. Es lohnt sich, mehr emotionale Tiefe in Freundschaften zu bringen, und wenn Freund*innen das ungewohnt finden, sie dazu einzuladen, sich näher damit auseinanderzusetzen.


Wer braucht überhaupt noch romantische Beziehungen?

Frauen sind heutzutage in vielen Ländern nicht mehr auf die Beziehung zu einem Mann angewiesen. Sie dürfen wählen, arbeiten und verdienen bei gleicher Arbeit fast genauso viel wie Männer. Trotzdem scheinen manche Männer zu glauben, ihnen stünde eine Frau und Sex zu. Der Frust über diese ausbleibende „Erfüllung“ endet nicht selten in offenkundigem Frauenhass. Wer Beispiele für fragile Männer-Egos sucht, wird ziemlich schnell in der Kommentarspalte einer selbstbewussten Frau auf Instagram fündig. Und wer extremere Beispiele sucht, findet die in einer Incel-Community (eng.: „involuntary celibate“). Diese bestehen aus Männern, die unfreiwillig ohne romantische oder sexuelle Beziehungen leben. Was teils als Austausch über Einsamkeit begann, hat sich in vielen Online-Foren zu einer gefährlichen frauenfeindlichen Subkultur entwickelt, in der Frauen für das eigene Leid verantwortlich gemacht werden.


Die Folgen sind gravierend: Laut dem Bundesministerium des Innern wird in Deutschland fast jeden Tag eine Frau getötet. 2023 gab es 938 versuchte Femizide, 360 davon endeten tödlich (Femizid: die Tötung einer Frau, weil sie eine Frau ist). Die Tendenz ist steigend.

Die junge Generation sehnt sich dennoch nach emotionaler Nähe und echter Verbundenheit, doch immer häufiger scheitern Beziehungen an festgefahrenen Rollenbildern, fehlender Empathie und der Unfähigkeit, Gefühle offen zu teilen und fehlender Kompromissbereitschaft: Wenn in einer Beziehung Einsamkeit empfunden wird, sollte diese nicht automatisch beendet werden, nur weil suggeriert wird, dass irgendwo „etwas Besseres“ wartet. Stattdessen kann es hilfreich sein, das Gespräch zu suchen, die eigenen Bedürfnisse zu reflektieren, sich zu überlegen, welche Erwartungen an die andere Person bestehen und welchen Beitrag man selbst leisten kann. Kompromissbereitschaft ist wichtig – ausgenommen sind natürlich Situationen mit emotionaler oder physischer Gewalt oder anderen übergriffigen Handlungen. Bei der Kompromissbereitschaft geht es allerdings nicht darum, eigene Grenzen zu überschreiten.


Wie Beziehungen wirklich vor Einsamkeit schützen

Eine romantische Beziehung zu einem Menschen aufzubauen kann unglaublich schön und bereichernd sein. Deswegen ist der Wunsch nach ihr durchaus verständlich. In einer polnischen Studie von Adamczyk und Segrin aus 2015 klagten alleinstehende junge Erwachsene zwischen 19 und 25 Jahren beispielsweise über mehr romantische Einsamkeit als jene, die sich in festen Partnerschaften befanden. Allerdings nur, wenn diese Beziehung auch von hoher Qualität ist.


Beziehung ist heute kein soziales Muss mehr, sondern eine Wahl. Aber Nähe braucht mehr als Zweisamkeit. Sie braucht Mut, Ehrlichkeit und den Willen zur Verbindung. Nur so kann sie als echter Schutzraum gegen Einsamkeit wirken - egal, ob sie in einer romantischen Partnerschaft, in engen Freundschaften, in der Familie oder im sozialen Umfeld wie Nachbarschaft gepflegt wird.

Eine romantische Beziehung muss nicht der universelle Weg für alle sein. Ob Nähe und Geborgenheit Schutz vor Einsamkeit bieten, hängt vom Typ Mensch ab und davon, wie bewusst man Beziehungen pflegt und nicht als selbstverständlich betrachtet – denn auf ‚verliebt, verlobt‘ muss nicht ‚vereinsamt‘ warten.


Weitere Artikel zu der Frage, welche Beziehungen gegen Einsamkeit helfen, sind im kostenlosen Magazin Gemeinsam Einsam zu finden, das im Rahmen des Ideenpreises „Spotlight Jugend“ umgesetzt wurde. Der Ideenpreis wurde von der Jugendpresse Deutschland e.V. im Rahmen einer Zuwendung durch das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend durchgeführt.

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