Jana, 43, ungeküsst -„Ich hätte mich am liebsten selbst verlassen”
- Tara Yakar
- 4. Jan.
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Aktualisiert: vor 5 Stunden
Frauen, die bis in ihre Dreißiger keine feste Beziehung führen, gelten oftmals als bemitleidenswert – als potenzielle „Katzenmamas“, denen angeblich etwas fehlt. Studien zufolge seien kinderlose, ledige Frauen am glücklichsten. Auch die 43-Jährige Jana Crämer lebt ein erfülltes Leben ohne romantische Beziehung und zeigt, dass Glück nicht an Partnerschaft gebunden ist. Ungeliebte Liebesnormen stellt sie damit ebenso infrage wie die Vorstellung, Frauen müssten sich für ihr Singledasein rechtfertigen. Im Interview erzählt die Autorin, warum sie lange mit diesen Erwartungen gerungen hat und wie sie gelernt hat, auch ohne romantische Beziehung zufrieden zu sein.
von Tara Yakar
30.06.2025

Jana Crämer ist Autorin und Podcasterin und spricht auf ihren Kanälen in den sozialen Medien über das Leben einer ungeküssten 43-Jährigen und bricht damit einige Tabus. Auf ihrem Instagram-Kanal erreicht sie über 130.000 Follower*innen. Foto: Eckard Albrecht
Jana, in deinem Buch schreibst du über die Einsamkeit, die du früher empfunden hast. Wie hat sie sich bemerkbar gemacht?
Früher habe ich mich oft einsam gefühlt, obwohl ich von Menschen umgeben war. Ich war gefangen in meinen Zweifeln, überfordert vom Leben, und auf Partys hatte ich nie ein Plus Eins. Dann kam die Bewertung von außen und ich habe mich nicht mehr normal gefühlt. Das alles hat mich sehr einsam fühlen lassen. Ich hatte niemanden, dem es so ging wie mir, alle waren anders als ich. Meinen Platz auf der Welt hatte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht gefunden. Vor allem wurde mir immer suggeriert, dass ich ohne Beziehung gar nicht glücklich sein könne. Meine Oma kam beispielsweise jedes Jahr zu Weihnachten zu mir, hat mich in den Arm genommen und mich mit den Worten bemitleidet: „Och Mädchen, schon wieder ein Jahr alleine.“ Heute kann ich das besser einordnen und weiß, dass sie solche Sätze nur aus der Angst heraus gesagt hat. Damals war es leider noch üblich, dass eine Frau einen Mann zum Versorgen braucht. Das ist zum Glück heute anders – da könnte ich eher meine Oma in den Arm nehmen und sie fragen: „Na, soll ich dir mal meinen Kontostand zeigen?“
Wie hat sich Einsamkeit für dich persönlich angefühlt?
Als ob die Welt für alle anderen bunt war, und wenn ich dazu kam, wurde sie grau. Ich konnte meine Einsamkeit nicht verstehen und dachte mir: Wie soll ich das dann anderen erklären? Ich war so damit beschäftigt, die Erwartungs- und Rollenbilder der anderen zu erfüllen, dass ich mich darin verloren habe und mich selbst gehasst habe. Ich hätte mich am liebsten selbst verlassen. Wenn du von außen gespiegelt bekommst, dass etwas mit dir nicht stimmt, und du noch anfängst, das zu glauben, dann macht das natürlich einsam.

Traditionelle Rollenbilder prägen noch immer unsere Erwartungen an Beziehungen – doch nicht jede Person folgt diesem gesellschaftlichen Idealbild. Foto: Scott Broome
Was hat dir damals geholfen, um gegen die Einsamkeit anzukämpfen?
Ich habe angefangen, meine Freundschaften zu intensivieren und mehr im Austausch zu sein. Man muss sich verbunden fühlen und wirklich Teil vom Leben anderer werden, denn je mehr sich mein Leben nicht mehr um mich selbst gedreht hat, desto weniger einsam wurde ich. Ich habe mich nicht darauf konzentriert, was mich von den anderen unterscheidet, sondern in welchen Punkten ich mich mit den anderen verbunden gefühlt habe. Dazu gehört auch, seine Komfortzone zu verlassen. Außerdem hat mir das Schreiben sehr geholfen. Ich habe verstanden, dass all diese Ängste, die mir von außen übergestülpt wurden, totaler Quatsch sind. Man muss nicht mit einer Plus Eins auf eine Party kommen, um eine gute Zeit zu haben und man muss Dinge nicht mit jemandem teilen, damit sie Wert haben. Ich habe die Aktivitäten einfach allein gemacht und gelernt, dass ich keinen Partner brauche, um mich mit anderen verbunden zu fühlen. Man muss sich selbst davon frei machen, der Fehler im System zu sein, und einfach mal mehr auf die Leute zugehen. Wenn man etwas schön findet, dann kann man das einfach aussprechen, das kann schon der erste kleine Schritt sein.
In vielen Gesellschaften werden romantische Beziehungen als wichtiger angesehen als Freundschaften. Du selbst lebst seit 43 Jahren ohne Partnerschaft: Welche Rolle spielen Freundschaften in deinem Leben?
Freundschaften sind eine andere Art von Beziehung, aber nicht weniger wert oder weniger intensiv. Eine Beziehung – egal welcher Art – ist nur so wertvoll, wie wir sie mit Zeit, Leben und Dankbarkeit füllen. Das verstehen zum Glück auch immer mehr Menschen. Ich kriege jeden Tag unzählige Nachrichten zu meinem Buch, in denen mir Leute schreiben, dass sie sich total darin wiederfinden konnten und es ihnen genauso geht wie mir. Manche schreiben mir, dass sie jetzt mit ihren Freundinnen in ein großes Haus mit gemeinsamem Garten zusammenziehen. Wir gehen langsam davon weg, dass wir eine romantische Beziehung brauchen, um glücklich zu sein, und die Lebensentwürfe ändern sich total. Letztens habe ich auch mit einem Soziologen gesprochen, der von der „Trennung der Alten“ gesprochen hat. Viele Frauen trennen sich jetzt von ihren Männern, weil sie gemerkt haben, dass ihnen die Beziehung gar nicht guttut und sie sich nur in dieser gehalten haben, weil sie dachten, dass das zu einem erfüllten Leben dazu gehöre. Ich habe das Gefühl, wir erleben gerade einen totalen Wandel und mehr Menschen realisieren, dass Freundschaften nicht mehr hinter romantischen Beziehungen stehen.
Zweifelst du manchmal an einem Lebensentwurf und wünschst dir doch eine romantische Beziehung?
Nein, eigentlich gar nicht. Ich schließe aber auch nichts aus. Momentan schreibe ich zum Beispiel an einem neuen Buch, in dem die Hauptperson mir sehr ähnelt, und sich am Ende auch verliebt. Da habe ich mich gefragt: Wie viel Wunsch steckt da von mir auch drin? Aktuell bin ich Jana, 43, ungeküsst, aber vielleicht ändert sich auch noch was daran. Da schließe ich nichts aus. Das wäre dann ein i-Tüpfelchen.
Was kannst du aus deiner Erfahrung Menschen mitgeben, die sich gerade einsam fühlen?
Versuche, Gemeinsamkeiten zwischen dir und den Menschen um dich herum zu finden. Gehe allein auf ein Konzert, und du wirst dich verbunden fühlen, denn alle erleben in diesem Moment dasselbe: Sie singen und klatschen zusammen. Allein solche Momente können Verbundenheit schaffen. Wenn du durch die Stadt gehst, schaue, wo du anderen Menschen etwas Gutes tun kannst: Letztens habe ich einer Älteren Dame im Supermarkt einfach mal Unterstützung angeboten, und sie hat sich so gefreut. Auch das war ein Moment der Verbundenheit. Gehe in die nächste Buchhandlung und frag, ob du einmal die Woche dort vorlesen kannst. Gehe ins Altenheim. Was meinst du, wie sehr sich die Menschen freuen, wenn du Teil ihres Lebens sein willst und einfach mal zuhörst? Niemand muss alleine zu Hause sitzen – es gibt so viel Dankbarkeit da draußen, gib doch mal etwas zurück.
Was müsste sich gesellschaftlich und politisch ändern, um Einsamkeit zu bekämpfen?
Soziale Teilhabe sollte ermöglicht werden, sodass sich arme Menschen nicht zweimal fragen müssen, ob sie wirklich an einem Event teilnehmen können, wo sie potenziell neue Leute kennenlernen könnten. Wenn du nur zu Hause bist und keinen Kontakt hast, kannst du dich auch nicht verbunden fühlen. Außerdem müssen mehr Anlaufstellen geschaffen werden, an denen sich Menschen treffen können. Wir brauchen auch mehr Sicherheit, damit sich Menschen überhaupt trauen, alleine aus dem Haus zu gehen. Dazu müssen eine bessere Infrastruktur und mehr kulturelle Räume geschaffen werden; es darf nicht alles weggeschoben werden, was nicht zum alltäglichen Bedarf gehört. Es müssen Räume geschaffen werden, in denen sich Menschen verbunden fühlen können. Denn erst, wenn wir Möglichkeiten haben, um uns verbunden zu fühlen, können wir etwas gegen die Einsamkeit tun.
Jana Crämers Interview und weitere Artikel zu der Frage, welche Beziehungen gegen Einsamkeit helfen, sind im kostenlosen Magazin Gemeinsam Einsam zu finden, das im Rahmen des Ideenpreises „Spotlight Jugend“ umgesetzt wurde. Der Ideenpreis wurde von der Jugendpresse Deutschland e.V. im Rahmen einer Zuwendung durch das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend durchgeführt.



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