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Das Nervensystem beruhigen: Gefährlicher Social-Media Trend oder wirklich sinnvoll?

Autorenbild: Tara Yakar
Tara Yakar
15. Sept.
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 16. Sept.

Das hilft gegen Stress und Anspannung



Finanzielle Sorgen, stressige Prüfungen und irgendwelche Anträge müssen immer ausgefüllt werden: Der Alltag bietet genügend Möglichkeiten für Stress und Ängste. Content-Creator predigen dabei eine Sache rauf und runter: einfach das Nervensystem regulieren, um künftig stressfreier zu leben. Doch funktionieren die genannten Methoden wirklich? Sina Krämer, psychologische Beraterin und systemische Therapeutin i. A., erklärt, was unser Nervensystem mit Stress zu tun hat und was konkret gegen Stress und Anspannung hilft. 


15.09.2026

von Tara Yakar


Stress gehört zum Alltag, doch problematisch wird es vor allem dann, wenn Anspannung dauerhaft bleibt und Erholung zu kurz kommt. Foto: Vasilis Caravitis
Stress gehört zum Alltag, doch problematisch wird es vor allem dann, wenn Anspannung dauerhaft bleibt und Erholung zu kurz kommt. Foto: Vasilis Caravitis

 

66 % der Deutschen fühlen sich gestresst

 

Deutschland ist gestresst: Nach dem Stressreport der Techniker Krankenkasse fühlen sich etwa zwei Drittel der Menschen in ihrem Alltag oder Berufsleben häufig oder zumindest manchmal gestresst. Dabei nimmt das Stressempfinden seit Jahren zu: Während 2013 noch 57 % der Befragten gestresst waren, stieg die Zahl 2025 auf 66 Prozent im Jahr an. Am häufigsten nennen die Befragten als Ursachen hohe Ansprüche an sich selbst (61 Prozent), Schule, Studium oder Beruf (58 Prozent) sowie politische und gesellschaftliche Probleme (53 Prozent).


Dass das Nervensystem bei Stress tatsächlich eine wichtige Rolle spielt, erklärt Krämer: „Das Nervensystem ist ein Netzwerk aus Zellen und Gewebe, das Teil unseres Schutzmechanismus ist. Ständig nimmt es Informationen aus unserer Umwelt auf und verarbeitet diese je nach Genetik und Vorerfahrungen unterschiedlich. Es steuert Herzschlag, Verdauung und Stressreaktion.“

Besonders wichtig ist dabei das autonome Nervensystem, denn es hilft zwischen Anspannung und Entspannung zu wechseln. Wenn eine Situation als sicher erlebt wird, können wir uns leichter entspannen und denken flexibler. Wenn das Nervensystem dagegen Gefahr wahrnimmt, schaltet es auf Schutz und reagiert z. B.  mit Kampf oder Flucht. Auf Social-Media wird dieser Vorgang dabei vereinfacht auf: Nervensystem regulieren = kein Stress heruntergebrochen.


Sina Krämer, geboren 1999 in der Nähe von Würzburg, hat soziale Arbeit studiert und arbeitete danach in der psychosozialen Beratung und in der Jugendsozialarbeit an Schulen. Mittlerweile befindet sie sich in der Ausbildung zur Systemischen Beraterin und Therapeutin (DGSF) am Systemischen Zentrum der Wispo. Sie arbeitet zudem selbstständig als psychologische Beraterin in ihrer Online-Praxis und veröffentlichte 2026 ihren Ratgeber „Mental (Load) Health: Wie du Stress besiegst und zurück zu dir selbst findest“. Foto: privat
Sina Krämer, geboren 1999 in der Nähe von Würzburg, hat soziale Arbeit studiert und arbeitete danach in der psychosozialen Beratung und in der Jugendsozialarbeit an Schulen. Mittlerweile befindet sie sich in der Ausbildung zur Systemischen Beraterin und Therapeutin (DGSF) am Systemischen Zentrum der Wispo. Sie arbeitet zudem selbstständig als psychologische Beraterin in ihrer Online-Praxis und veröffentlichte 2026 ihren Ratgeber „Mental (Load) Health: Wie du Stress besiegst und zurück zu dir selbst findest“. Foto: privat

Eine kritische innere Stimme lässt sich nicht einfach wegatmen

 

Spezielle Bewegungstechniken, Atemübungen oder sogar Akkupressur-Matten: Für jede Stresssituation scheint es auf Social-Media die passende Lösung zu geben. Krämer betrachtet das kritisch: „Es hält sich nach wie vor der Mythos, dass man nur einige dieser Übungen brauche, und schon ist man wieder entspannt und glücklich. Der Parasympathikus, der Beruhigungsanteil des Nervensystems, reagiert durchaus auf eine tiefere Bauchatmung oder fließende, langsame Körperbewegungen. Leider nutzen diese Übungen aber wenig, wenn wir sie als weiteres „To-Do“ betrachten. Dann wird Nervensystemregulation schnell zur nächsten Aufgabe im viel zu hektischen Tag. Bei einer nachhaltigen Regulierung des Nervensystems sollte man nicht nur ein paar Übungen in den Alltag einbauen, sondern sich vor allem von den Mustern trennen, welche überhaupt erst zum Ungleichgewicht führen.“


Jemand, der zwar regelmäßig Atemübungen durchführt, aber weiterhin die Einstellung vertritt, dass er nicht gut genug ist und alles möglichst perfekt erledigt werden muss, wird nicht lange etwas von seiner Entspannungsübung haben.

 

Kurzzeitige Stressreaktionen sind nicht zwingend ein Zeichen für ein unreguliertes Nervensystem 

„Social-Media vermittelt manchmal den Eindruck, dass wir durch Nervensystemregulation nie wieder gestresst wären. Dabei ist das Nervensystem darauf ausgelegt mehrmals am Tag aktiviert zu werden und dann wieder in die Entspannung zurückzufinden“, klärt Krämer auf.


"Nervensystemregulation fühlt sich im ersten Moment deshalb nicht groß und extrem wirkungsvoll an, sondern vielmehr nach: „Es ist 2% leichter“. Erst mit mehr Übung und dementsprechend mehr Sicherheit kann der Körper mittels einer Regulierungsübung wieder deutlich schneller in die Entspannung finden."

Regulationsübungen können dabei unterstützen, schneller wieder in den Entspannungszustand zu wechseln, sie verhindern aber nicht, dass der Körper sich beim nächsten Mal trotzdem wieder anspannt. „Wir erweitern dadurch quasi lediglich das Toleranzfenster des Nervensystems.“


Ein prominentes Beispiel ist die Schmetterlingsumarmung: Dabei werden beide Arme über der Brust überkreuzt, während man sich abwechselnd mit den Händen auf den Oberarm klatscht. Das kann zwar Sicherheit schenken, aber nicht den Stress unmittelbar beenden. „Nervensystemregulation fühlt sich im ersten Moment deshalb nicht groß und extrem wirkungsvoll an, sondern vielmehr nach: „Es ist 2% leichter“. Erst mit mehr Übung und dementsprechend mehr Sicherheit kann der Körper mittels einer Regulierungsübung wieder deutlich schneller in die Entspannung finden.“



 

Was unserem Nervensystem tatsächlich guttut

 

„Gerade das Entwickeln einer mitfühlenden und verständnisvollen inneren Stimme ist entscheidend dafür, ob das Nervensystem dauerhaft entspannter reagiert“, meint Krämer. Mindestens genauso wichtig seien aber auch andere Methoden. Sie persönlich hält viel vom Konzept der Achtsamkeit: „Bei Achtsamkeit geht es darum, Situationen und Gedanken wahrzunehmen, ohne eine Bewertung hinzuzugeben. Oftmals entsteht Stress dadurch, dass wir eine Situation als schlecht oder unüberwindbar einschätzen. Wir reden uns ein, nicht gut genug zu sein, haben Angst vor Fehlern oder scheuen uns vor einer möglichen Reaktion des Gegenübers. Dabei sind es manchmal mehr unsere Gedanken, welche diesen Stress in uns auslösen.“


Bei beispielsweise Traumata oder anderen psychischen Erkrankungen hilft es natürlich nicht, einfach positiver zu denken. Doch gerade für unseren Alltagsstress kann das Üben von Achtsamkeit eine wertvolle Ressource sein, ergänzt sie außerdem.

 

„Generell lösen sich unangenehme Empfindungen wie Stress, innere Unruhe, Überforderung oder Angst leichter auf, wenn wir ihnen mitfühlend begegnen. Versuchen wir stattdessen, den Stress zu bekämpfen oder unsere Emotionen weghaben zu wollen, werden sie größer.“


Dafür kann es sich lohnen tiefer in sich hineinzuschauen und zu überlegen: Wann bin ich zu streng mit mir? Welche Empfindungen versuche ich aktuell zu verstecken, weil sie mir vielleicht peinlich sind? Und wann übergehe ich meine Bedürfnisse im Alltag häufig selbst?


Nichtsdestotrotz können kurzzeitige Strategien gegen Stress sinnvoll sein: „Es ist erstaunlich, wie schnell unser Nervensystem entspannt. Oftmals reichen ein paar 5-Minuten Auszeiten am Tag, an welchen man sich mal gezielt strecken kann, der Körper ausgeschüttelt wird oder man einfach mal ohne Handy den Vögeln zuhört. Natürliche Reize, wie Wasser auf der Haut, Bewegung, Stille oder Langsamkeit können bereits einen positiven Effekt auf das Stressempfinden haben.“


Wer sich intensiver mit den eigenen Stressmustern auseinandersetzen möchte, findet weitere Impulse in Sina Krämers Ratgeber „Mental (Load) Health: Wie du Stress besiegst und zurück zu dir selbst findest“. Darin beschäftigt sie sich mit der Frage, welchen Einfluss Gedanken und Verhaltensweisen auf unser Stressempfinden haben und wie ein bewussterer Umgang damit zu mehr innerer Ruhe beitragen kann. Neben verschiedenen Strategien zur Stressbewältigung enthält das Buch Reflexionsfragen und Übungen, die dabei helfen sollen, eigene Denk- und Verhaltensmuster besser zu verstehen. Eine Psychotherapie ersetzt der Ratgeber nicht, kann aber Anregungen geben, sich mit dem eigenen Umgang mit Stress auseinanderzusetzen.



Tara Yakar arbeitet als freie Journalistin, studiert Psychologie und leitet als Chefredakteurin das KULTURA MAGAZIN. Für ihr Magazinprojekt „Gemeinsam Einsam“, das sich mit gesellschaftlicher Einsamkeit auseinandersetzt und ihr entgegenwirken möchte, wurde sie 2024 mit dem Spotlight Jugendpreis der Jugendpresse Deutschland e. V. und des Bundesministeriums für Bildung, Familien, Senioren, Frauen und Jugend ausgezeichnet.





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