Was Männer in Büchern übers moderne Dating verraten
- Annika Behrens

- 30. Juni
- 3 Min. Lesezeit
Annikas Kolumne: Book Boyfriends sind keine echten Boyfriends.
Auf BookTok, in Romance-Romanen und in Kommentarspalten tauchen sie immer wieder auf: Männer, die die Leserinnen sich wünschen, genauso auf der Straße kennenzulernen. Einen, der loyal ist und alles für die Protagonistin tun würde. Der gefährlich wirkt, aber eigentlich weich ist. Der schweigt, aber alles fühlt. Book-Boyfriends sind oft keine perfekten Männer. Viele von ihnen bewegen sich in moralischen Grauzonen. Sie lügen, sie kontrollieren und sie verbergen Dinge. Doch warum werden sie trotzdem als faszinierend wahrgenommen?
von Annika Behrens
30.06.2026

Beim Lesen können wir etwas bekommen, das wir im echten Leben nie bekommen könnten: einen Blick in den Kopf. Gerade deswegen ist der Book-Boyfriend keine romantische Wunschvorstellung für das echte Leben. Er funktioniert nur, weil Literatur uns Dinge verrät, die wir über einen echten Menschen nie wissen können. Ein gutes Beispiel dafür ist Rhysand aus Sarah J. Maas’ „A Court of Thorns and
Roses“-Reihe. Er ist wahrscheinlich einer der bekanntesten Book-Boyfriends der letzten Jahre. Mächtig, geheimnisvoll, dunkel und verletzlich. Genau diese Mischung macht ihn für viele Leserinnen so spannend. Aber wenn man ehrlich ist, wäre Rhysand im echten Leben vermutlich nicht sofort ein Traummann. Er ist am Anfang schwer einzuschätzen und wirkt manipulativ. Kurz gesagt: Er macht Dinge, bei denen das Umfeld sagen würde: „Lauf!“
Im Buch aber bleiben wir nicht bei seinen Taten stehen. Wir erfahren nach und nach, warum er so handelt. Wir lernen seine Vergangenheit kennen und seine Ängste. Wir sehen, dass hinter seiner Fassade mehr steckt. Plötzlich wirkt sein Verhalten nicht mehr nur hart oder gefährlich, sondern erklärbar.
Damit wird aus einer Red Flag eine tragische Hintergrundgeschichte, aus der zwanghaften Kontrolle wird Schutz und aus plötzlichem Verschwinden wird Verletzlichkeit. Das heißt nicht, dass alles dadurch richtig wird. Aber es fühlt sich beim Lesen anders an.
Bei echten Menschen sehen wir Verhalten. Mehr erst einmal nicht. Wenn jemand nicht antwortet, wissen wir nicht, warum. Vielleicht hat die Person Stress, vielleicht ist sie unsicher, vielleicht hat sie kein Interesse, vielleicht ist sie einfach respektlos. In einem Satz: Wir können Menschen nur vor den Kopf schauen, nicht hinein.
Im Roman ist das anders. Da gibt es oft einen inneren Monolog. Eine Rückblende oder ein Kapitel aus seiner Perspektive. Einen Moment, in dem klar wird: Er wollte sie nur schützen, er hatte Angst und konnte nicht anders. Natürlich liebt er sie längst, nur das Aussprechen geht noch nicht. Und genau das macht Book-Boyfriends so gefährlich schön. Sie geben uns nicht nur Liebe, sondern auch Gewissheit.
Psychologisch lässt sich das anhand der Theory of Mind erklären. Das bedeutet einfach nur: Wir versuchen zu verstehen, was andere Menschen denken, fühlen oder wollen. Im Alltag machen wir das ständig. Wir deuten Nachrichten, Blicke und Pausen und fragen uns: Was meint die Person wirklich?
Genau das passiert auch beim Lesen. Studien zu fiktionalem Lesen, Empathie und Perspektivübernahme zeigen, dass Geschichten uns besonders nah an fremde Innenwelten heranführen können. Auch in der deutschen Literaturpsychologie wird untersucht, wie Leserinnen und Leser Gefühle und Perspektiven literarischer Figuren nachvollziehen. Der Book-Boyfriend ist dafür fast das perfekte Beispiel: Wir sehen
nicht nur, was er tut. Wir bekommen auch gezeigt, warum er es tut. Deshalb entsteht Nähe. Nicht unbedingt, weil der Book-Boyfriend so perfekt ist, sondern weil wir ihn so gut verstehen können.
Wir verlieben uns nicht nur in Rhysand oder in irgendeinen anderen Book-Boyfriend. Wir verlieben uns in den Zugang zu ihm, um wirklich alles verstehen zu können, wie seine Fehler, seine Gefühle und die Härte in Situationen, wo es eigentlich Feinheit gebraucht hätte. Im echten Leben gibt es diesen Luxus nicht. Da gibt es keinen Erzähler, der uns am Ende erklärt, dass jemand eigentlich die ganze Zeit verliebt war. Da gibt es keinen Plot, der aus schlechten Entscheidungen automatisch Charakterentwicklung macht. Da gibt es kein Kapitel, das uns beweist, dass sich das Warten lohnt. Vielleicht sagt der Book-Boyfriend-Hype deshalb weniger über unsere unrealistischen Ansprüche an Männer aus, als man denkt, sondern mehr über unsere Sehnsucht nach emotionaler Klarheit.
Gerade in einer Datingkultur, in der vieles offen bleibt, wirken Book-Boyfriends wie ein Gegenentwurf. Keine Situationship ohne Richtung, kein Ghosting ohne Erklärung, kein „mal schauen, was das wird“. Im Buch hat fast alles eine Bedeutung: Schmerz, Distanz, Schweigen.
Book-Boyfriends dürfen Spaß machen. Sie dürfen Herzklopfen auslösen, Sehnsucht wecken und manchmal auch völlig übertrieben oder dramatisch sein. Genau deshalb lesen wir solche Geschichten, trotzdem sollte man nicht vergessen: Romane erzählen Fantasien und keine Vorlage für echte Beziehungen. Und sind wir mal ehrlich: Im echten Leben würden wir uns wohl alle keinen Rhysand
wünschen, sondern nur eine Person, bei der wir nicht raten müssen, was in ihr vorgeht.

Annika Behrens ist gelernte Texterin und junge Autorin. In ihrem Studium befasst sie sich mit den Auswirkungen von Liebesbildern in der Literatur. Seit Mai 2026 schreibt sie für das KULTURA MAGAZIN ihre Kolumne: "Was sagen unsere Lesegewohnheiten über unsere Zeit aus?"



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