„Nur das Allerbeste" von Zoe Dubno: Über das Scheitern kreativer Gemeinschaft
- Louisa Schumacher

- vor 5 Tagen
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Kein Roman zum Berieselnlassen
Es gibt einen Moment, den wohl jede Person kennt, die sich in kreativen Kreisen bewegt: Man steht in einer Gruppe von Menschen, und zwischen Lächeln, Networking und dem „Wer-kennt-wen“ fragt man sich insgeheim, wo eigentlich die Passion für die Kunst geblieben ist. Zoe Dubnos Debütroman „Nur das Allerbeste“ (im Original: „Happiness and Love“) macht aus genau diesem Moment einen ganzen Roman.
von Louisa Schumacher
20.05.2026

Die namenlose Erzählerin sitzt auf einem weißen Sofa. Um sie herum beginnt das Dinner im Anschluss einer Trauerfeier für ihre verstorbene Freundin Rebecca. Sie spricht mit niemandem. Doch wir hören trotzdem alles, denn was die Autorin uns gibt, ist ein langer, ungefilterter innerer Monolog. Stream-of-Consciousness als literarische Form, die hier nicht Verwirrung, sondern Klarheit produziert. Eine Frau, die gelernt hat zu beobachten, weil sie sich längst emotional von ihrem Umfeld verabschiedet hat.
Eine Szene als Spiegel
Der Roman ist im Kern eine Abrechnung mit Menschen, die Kunst benutzen, um sich selbst zu erhöhen. Im Mittelpunkt stehen Eugene und Nicole, ein Paar, das die New Yorker Kunstszene wie ein Satirebild repräsentiert. Eugene, der Sohn eines etablierten Künstlers, dessen eigene Methode des Aufstiegs das unverblümte Stehlen von Ideen aus seinem Umfeld ist. Und Nicole, eine Kuratorin und Energiesaugerin, die ohne ihre Beziehungen und ihr soziales Kapital schlichtweg aufgeschmissen wäre.
Was die Erzählerin beim Dinner nach der Trauerfeier erlebt – und vor allem, was sie denkt – offenbart den eigentlichen Kern dieser Welt. Niemand ist hier wegen Rebecca. Die Party dreht sich darum, ob eine berühmte Schauspielerin erscheinen wird. Gespräche werden zur Selbstvermarktung in Dialogform, Namen werden genannt wie Statussymbole. Die Kunst fehlt vollständig. Gemeinsam verkörpern sie eine Szene, in der das Besitzen von Kunst mit dem Besitzen ihrer Bedeutung gleichgesetzt wird.
Business statt Gemeinschaft
Was Zoe Dubno beschreibt, ist weniger eine Kritik an Einzelpersonen als ein Systemversagen: das Phänomen, dass kreative Gemeinschaften, die auf gegenseitiger Inspiration aufgebaut sein sollten, zu reinen Netzwerkmechanismen degenerieren.
Die Figuren funktionieren nach dem Prinzip des sozialen Tauschs. Sie dulden sich, weil sie einander Vorteile verschaffen könnten. Community, die sich nicht unterstützt, sondern ausnutzt.
Die Erzählerin hat sich aus diesem System herausgezogen, lässt sich aber erneut in den Sog des Paares hineinziehen. Ihre Frustration ist dabei keine bloße Verbitterung, sondern eine Form von Trauer um die Idee kreativer Gemeinschaft, an die sie einmal geglaubt hat. Auf dem Sofa, schweigend, beobachtet sie eine Dinnerparty, die mit zunehmendem Alkohol- und Drogenkonsum in ein Desaster entgleitet.
Inspiration vs. Diebstahl
Besonders klug ist Zoe Dubnos Umgang mit dem eigenen literarischen Verfahren. Der Roman ist bewusst eine Hommage an Thomas Bernhards „Holzfällen“ (1984), einen österreichischen Klassiker, der ebenfalls einen namenlosen Erzähler auf einem Sessel bei einer Abendgesellschaft zeigt.
In Bernhards Kritik der Wiener Kunstszene erkannte die Autorin viele Parallelen zu ihren eigenen Erfahrungen in New York. Sie benennt die Referenz sogar explizit im Text und endet den Roman mit einigen Seiten der Huldigung an Bernhards Werk und dessen Einfluss auf ihre Romanidee.
Im Gegensatz zu Eugene und Nicole, die Ideen stehlen und sie als eigene verkaufen, stellt Dubno ihre Quelle offen aus. Sie macht Einfluss sichtbar und damit zu einer künstlerischen Entscheidung statt einer Schwäche.
Veränderung von innen
Der Monolog lädt zum Mitdenken ein und ist kein Roman zum Berieselnlassen. Dass die Parallelen zu „Holzfällen“ noch immer relevant sind und sich in der heutigen kreativen Szene wiederfinden, zeigt, dass es weiterhin Gesprächsbedarf gibt.
Dubno, selbst zwischen New York und London pendelnd, schreibt mit der Autorität von jemandem, der von innen herausschaut. Es stellt kein Urteil von außen dar, es ist das Protokoll einer langen Ernüchterung. Am Ende bleibt eine leise, aber dringliche Frage im Raum: Welche Rolle nehmen wir selbst in diesen Strukturen ein?
„Nur das Allerbeste“ ist nicht nur eine sarkastische Momentaufnahme, sondern auch ein Impuls zur Selbstprüfung. Im besten Fall stößt es ein Umdenken an: mit wem wir unsere Zeit verbringen, wie wir Kreativität wieder ernst nehmen und warum es sich lohnt, das Lässige, Unverbindliche hinter sich zu lassen, um echte, unterstützende Gemeinschaft zu schaffen.

Louisa Schumacher studiert Creative Business und ist als Gastautorin und Fotografin für verschiedene Magazine tätig. In ihren Texten und Bildern verbindet sie Medien und Kultur mit gesellschaftlichen Perspektiven und legt dabei einen besonderen Fokus auf FLINTA*-Künstler*innen und queere Stimmen.



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