Gute Mädchen, böse Jungs: Warum "After Passion" im 18. Jahrhundert feststeckt
- Anny Lenhardt

- vor 6 Tagen
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Die Liebesgeschichte von Tessa Young und Hardin Scott, in Anna Todds Bestseller-Reihe "After", fesselte Millionen von Lesenden. Doch steckt hinter der Kulisse von Partys, Tattoos und Universität ein Muster, das überraschend altmodisch ist. Eine literaturwissenschaftliche Analyse zeigt: Der Wattpad-Hit reproduziert Rollenbilder, dessen Wurzeln tief im frühen 18. Jahrhundert verankert sind. Warum das auch heute noch problematische Auswirkungen auf Geschlechterbilder haben kann, erklärt Autorin Anny.
18.05.2026
von Anny Lenhardt

Good Girl meets Bad Boy
Die Protagonistin Tessa Young gilt als das beispielhafte "Good Girl": klug, strukturiert, zielstrebig, aber vor allem „unberührt“ – Sex vor der Ehe ist ein No-Go. Ihr Leben dreht sich um gute Noten und moralische Integrität, da bleibt kein Platz und Interesse für Partys und Alkohol. Genau diese Konstruktion ist dabei kein Zufall, sondern folgt sorgfältig dem bürgerlichen Tugendverständnis der Aufklärung. Damals galt die Frau als ‚Hüterin‘ des privaten Raumes und als moralische Instanz, deren Wert sich ausschlaggebend über ihre sexuelle Unerfahrenheit definierte.
Ihr Gegenpart Hardin Scott ist dabei der klassische "Bad Boy": unberechenbar, aggressiv und sichtlich gezeichnet von einer düsteren Vergangenheit. Die literaturwissenschaftliche Forschung ordnet diesen Figurentypus als modernen byron’schen Helden ein: ein attraktiver, aber desillusionierter Außenseiter, dessen unmoralisches Verhalten durch ein Kindheitstrauma legitimiert wird.
Frauen als Care Taker der männlichen Seele
Die Essenz des Romans liegt im sogenannten „Fixing The Broken Man“-Narrativ. Tessa fungiert als moralischer Kompass für Hardin; ihre Aufgabe besteht darin, ihn durch ihre Liebe und grenzenlose Vergebung zu „retten“. Dabei gesteht Hardin bereits im ersten Teil: „Du machst noch einen ehrlichen Mann aus mir“ und unterstreicht damit Tessas Rolle als Erzieherin. Die Forschung zeigt, dass diese Dynamik eine direkte Fortführung von Jean-Jacques Rousseaus Erziehungsidealen ist. In seinem Werk "Émile" (1762) hält Rousseau fest, dass die gesamte Erziehung der Frau darauf ausgerichtet sein sollte, dem Mann nützlich zu sein, ihn zu trösten und ihm ein angenehmes Dasein zu bereiten. In After Passion zeigt sich dies darin, dass Tessa ihre eigenen Ziele pausiert, um an Hardins emotionaler Entwicklung zu arbeiten.
Problematische Strukturen hinter der Romantik
Bei der genaueren Auseinandersetzung wird deutlich, dass diese Rollenverteilung einen hohen Preis hat: Während Hardin eine massive Transformation vom aggressiven Einzelgänger zum Familienvater durchläuft, bleibt Tessas eigene Entwicklung vergleichsweise oberflächlich. Eine der zentralen Veränderungen besteht in ihrer sexuellen Entfaltung und ihrem wachsenden Verständnis für Hardins Ausbrüche.
Ein Problem bleibt bei dieser Erzählung dennoch bestehen: männliche Aggression wird innerhalb dieses Topos zu oft romantisiert. Tessas ständige Vergebung und Selbstaufopferung werden als Beweis ihrer tiefen Liebe und Tugend dargestellt, was allerdings patriarchale Machtverhältnisse und Strukturen festigt. Am Ende der Romanreihe findet sich zwar das „Glücksversprechen der ewigen Liebe“, doch basiert diese auf der moralischen Aufwertung von Tessas unbezahlter Care-Arbeit (dt. Sorgearbeit) an Hardins Psyche.
Ein Spiegel der Gesellschaft
Warum sind solche Erzählmuster im 21. Jahrhundert noch immer so erfolgreich? Die Forschung legt nahe, dass Literatur als Spiegel der Gesellschaft fungiert. Indem sie alte Rollenbilder in ein modernes Gewand kleidet, verfestigt sie die Vorstellung, dass Frauen primär als emotionale Stütze des Mannes dienen sollten. Die kritische Auseinandersetzung mit Werken wie "After Passion" zeigt, dass der Weg zur echten weiblichen Selbstverwirklichung in der Literatur oft noch durch alte Konventionen versperrt ist. Während moderne Heldinnen zwar das Haus verlassen und Karriere machen dürfen, bleiben sie in ihren Beziehungen oft noch immer die „Hüterinnen der Moral“, die sich für die Entwicklung des Mannes aufopfern müssen.

Anny Lenhardt studiert Germanistik und spezialisiert sich in den literaturwissenschaftlichen Gender Studies mit Fokus auf die fortbestehende Normierung der Geschlechterrollen in moderner Literatur.



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