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Wann wurde Lesen eigentlich zur Leistung?

Autorenbild: Annika Behrens
Annika Behrens
31. Aug.
3 Min. Lesezeit

Annikas Kolumne: Lesen ist kein Leistungssport.


Lesen soll entspannen und landet trotzdem auf der To-do-Liste. Reading Challenges, Jahresziele und BookTok machen aus Büchern schnell eine weitere Aufgabe, die es zu erledigen gilt. Aber warum setzen wir uns selbst beim Lesen unter Druck und wann wird aus Motivation plötzlich Leistungsstress?


von Annika Behrens

31.08.2026


Lesen soll Freude machen, doch immer öfter wird auch daraus ein Wettbewerb. Foto: Blaz Photo
Lesen soll Freude machen, doch immer öfter wird auch daraus ein Wettbewerb. Foto: Blaz Photo

Ich habe darüber nachgedacht, worüber ich diesen Monat schreiben möchte, als ich am Esstisch saß und dabei war, meine To-do-Liste zu schreiben. Ganz normale Aufgaben, da war die Arbeit, einiges für meine anstehende Verlobungsfeier und natürlich private Dinge wie Aufräumen und Bügeln, aber da stand auch, dass ich 50 Seiten lesen möchte. Eigentlich erst einmal nichts besonderes, aber für mich war es der Moment, in dem ich wusste, worüber dieser Artikel hier handeln soll: über den Druck beim Lesen.


Aktuell lese ich „Hummerjahre“ von Beatrix Gerstberger. Das Buch ist sehr gut, aber meine Gedanken kreisen momentan um viele andere Dinge. Trotzdem ertappe ich mich dabei, wie ich das Lesen als Aufgabe betrachte, die ich abarbeiten möchte. Wie kann es sein, dass wir uns selbst so unter Druck setzen, dass Lesen zu einer Aufgabe wird?


Auf Instagram und TikTok wimmelt es von Reading Challenges. Hier eine Book Challenge, da eine Anleitung, wie man mehr als 75 Bücher im Jahr liest, und irgendwo wird bereits eine ganze Reihe analysiert, deren neuester Band erst seit ein paar Tagen im Handel verfügbar ist.


2024 meldeten sich laut Goodreads mehr als 9 Millionen Menschen für die Challenge an und planten gemeinsam mehr als 356 Millionen Bücher zu lesen. Ja, wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Das ist nichts Neues. Immer höher, weiter, besser. Normal ist schon lange nicht mehr gut genug. Aber müssen wir diesen Leistungsdruck wirklich auch noch mit ins Bücherregal nehmen? Solange man nicht beruflich irgendetwas mit Büchern macht, sollte niemand diesen Druck verspüren Lesen als eine Aufgabe wahrzunehmen. Wir schreiben uns doch schließlich auch nicht auf unsere To-Do-Liste, dass wir heute mindestens 50 Minuten Netflix schauen möchten, und sind am Ende des Monats stolz darauf, wie viele Serien wir geschafft haben.


Ehrlich gesagt schaffe ich es neben der Klausurenphase an der Uni, Literaturarbeiten und meinem ganz normalen Alltag aktuell nicht wirklich, Bücher in Ruhe zu lesen, die rein privater Natur sind und die ich nur aus Interesse lesen möchte. Und vielleicht ist das auch gar nicht so schlimm. Es gibt immer Situationen, in denen das nun einmal passiert. Forschende unterscheiden zwischen verschiedenen Gründen, aus denen wir lesen. Dazu zählen Neugier und persönliche Beteiligung, aber eben auch Wettbewerb, Anerkennung und Pflichtgefühl. Das finde ich spannend, denn eigentlich möchte ich lesen, weil mich ein Buch interessiert. Aber in dem Moment, in dem ich mir „50 Seiten lesen“ aufschreibe, mache ich daraus eine Pflicht. Persönlich fällt mir niemand ein, der, wenn er nicht im Literaturbereich arbeitet, so viel lesen muss, dass er am Ende zwar sagen kann: „Hey, ich habe 75 Bücher geschafft“, aber eigentlich nur quergelesen hat und kaum noch etwas dazu sagen kann, weil ihn das Lesen selbst so gestresst hat.


Nichtsdestotrotz schaffen solche Challenges auch Räume, in denen sich vor allem Jugendliche austauschen und durch das Lesen dazugehören können. Die Untersuchung zu Online-Lesechallenges zeigt, dass viele Jugendliche sie tatsächlich als motivierend und selbstbestimmt wahrnehmen. Sie entdecken neue Bücher, tauschen sich aus und werden Teil einer Gemeinschaft. Gleichzeitig zeigt die Untersuchung aber auch, dass die Teilnahme an solchen Challenges die Leseroutinen der Jugendlichen beeinflussen kann. Dann geht es eben nicht mehr nur um die Geschichte, sondern auch darum, das selbst gesetzte Leseziel zu erreichen.


Gerade weil viele Menschen gerne häufiger lesen würden, können solche Gemeinschaften wertvoll sein. Der aktuelle Freizeit-Monitor 2026 zeigt dabei einen ziemlich deutlichen Unterschied zwischen dem Lesen und anderen medialen Freizeitbeschäftigungen: Während 84 Prozent der Befragten mindestens einmal pro Woche fernsehen und 57 Prozent regelmäßig Streaming-Angebote nutzen, lesen nur 52 Prozent mindestens einmal im Monat ein Buch. Dabei haben wir heutzutage nicht weniger Freizeit, an einem Werktag haben die Deutschen durchschnittlich drei Stunden und 56 Minuten freie Zeit. Fast genauso viel wie vor knapp 40 Jahren und trotzdem sind wir gestresster.


Laut dem TK-Stressreport 2025 fühlen sich 66 Prozent der Menschen in Deutschland häufig oder manchmal gestresst. 2013 waren es noch 57 Prozent. Besonders spannend: Der häufigste Stressfaktor mit 61 Prozent ist der hohe Anspruch an uns selbst.

Es sollte in Ordnung sein, ein Buch langsam zu lesen und es sollte auch in Ordnung sein, ein Buch wegzulegen, obwohl alle anderen es scheinbar innerhalb eines Tages verschlungen haben. Denn am Ende sollte es doch nicht darum gehen, wie viel wir gelesen haben, sondern was wir aus der gelesenen Literatur für uns persönlich mitnehmen.



Annika Behrens ist gelernte Texterin und junge Autorin. In ihrem Studium befasst sie sich mit den Auswirkungen von Liebesbildern in der Literatur. Seit Mai 2026 schreibt sie für das KULTURA MAGAZIN ihre Kolumne: "Was sagen unsere Lesegewohnheiten über unsere Zeit aus?"

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