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Lerndroge Ritalin – Schneller, stärker, süchtig

  • Tara Yakar
  • 9. Jan.
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 4 Stunden

Abgaben, Klausuren, Haushalt und Arbeiten. Um den hohen Work-Load zu bewältigen, greifen immer mehr Studierende zu dem konzentrationsfördernden Medikament Ritalin. Dieses ist eigentlich für ADHS-Patient*innen gedacht, doch wird immer öfter als Lerndroge missbraucht und für die eigene Leistungssteigerung genutzt. Gerade in Studiengängen wie Medizin, Jura und Psychologie erfreut sich Ritalin an besonderer Beliebtheit. Paul* (20) studiert im 4. Semester Psychologie, erzählt von seinen Erfahrungen und den Gefahren der verharmlosten Droge.


26.04.2024

von Tara Yakar


Was als Medikament beginnt, wird für viele zur Lerndroge: Ritalin steigert Konzentration - und das Risiko von Abhängigkeit. Foto: Danilo Alvesd
Was als Medikament beginnt, wird für viele zur Lerndroge: Ritalin steigert Konzentration - und das Risiko von Abhängigkeit. Foto: Danilo Alvesd

Was ist Ritalin?

Ritalin (Wirkstoff: Methylphenidat) ist ein verschreibungspflichtiges Betäubungsmittel, welches

normalerweise der Linderung von ADHS-Symptomen dient. Das Medikament hemmt den Transport

der Neurotransmitter Dopamin und Noradrenalin, was zur verbesserten Konzentration und

Selbstregulation beiträgt. Nicht nur die Leistungsfähigkeit von Körper und Geist wird gestärkt, sondern

auch Ermüdungserscheinungen treten weitaus später auf.

In den USA gehört die neuartige Lerndroge der Betäubungsmittelklasse II an, genau wie Kokain und Morphium. Seit 2002 steigt die Abgabe von Ritalin in Apotheken stetig an. Während sie anfangs noch bei 628 kg pro Jahr lag, stieg sie zehn Jahre später bereits auf 1.839 kg an. Eine Trennung zwischen der Nutzung durch ADHS-Patient*innen und Gesunden ist dabei schwierig.


Paul, wie bist du auf Ritalin aufmerksam geworden?

Ich bin durch verschiedene Menschen auf Ritalin aufmerksam geworden. Von meinen Eltern, meinem

Freundeskreis und sogar in der Grundschule habe ich bereits mitbekommen, wie gut es anderen

Kindern beim Lernen geholfen hat. Außerdem habe ich von vielen Studierenden gehört, dass sie Ritalin

nutzen. Ich habe noch nie mitbekommen, dass jemand abhängig davon wurde. Dadurch, dass es so

viele Menschen nehmen, dachte ich, da muss etwas Gutes dran sein, das kann man ja mal

ausprobieren.


Haben sich deine Erwartungen bestätigt, als du das erste Mal Ritalin ausprobiert hast?

Anfangs hatte ich Angst und unrealistische Erwartungen. Ich dachte, ich könne zwölf Stunden am

Schreibtisch durchlernen. Dem war natürlich nicht so. Ich habe mit einer niedrigen Dosis von ca. 10 mg

pro Tag angefangen und die Wirkung hat erst nach einer Stunde eingesetzt. Vielleicht lässt sich ein Teil

mit Placebo erklären, aber ich konnte fünf bis sechs Stunden konzentrierter lernen. Der Übergang von

„sich an den Schreibtisch setzen und sich langsam die Materialien anzuschauen“ zu „in einen

Lerntunnel geraten“ war fließend. Es hat sich so angefühlt, als könnte ich gar nicht mit dem aufhören,

was ich gerade tat. Das war nicht nur beim Lernen so, sondern z. B. auch, wenn ich mich gerade mit

jemanden unterhalten habe. Ich musste mich dann einfach weiter mit der Person unterhalten.


Welche Nebenwirkungen hast du verspürt?

Meine Hände haben oft gezittert und angefangen zu schwitzen, wenn ich Ritalin genommen habe.

Irgendwann habe ich auch Einschlafprobleme bekommen und mein Schlaf wurde unruhiger. Die

Kopfschmerzen, die dazu kamen, habe ich dann mit einer Tablette Ibuprofen bekämpft. Mein Körper

hat also deutlich auf Ritalin reagiert.


Gab es auch andere Situationen, in denen du Ritalin genommen hast?

Einmal bin ich mit dem Auto zur Prüfung gefahren. Davor habe ich noch eine Tablette Ritalin

genommen und auch in dem Fall gemerkt, dass ich viel konzentrierter beim Autofahren und während

der Prüfung war. Mir ist dann erst aufgefallen, dass es verboten ist unter Ritalin-Einfluss Auto zu

fahren.


Hattest du das Gefühl, süchtig nach Ritalin zu sein?

Zum Ende hin schon. Das Gefühl war angenehm, weil man von nichts mehr gestört wurde und ich

habe oft daran gedacht, wieder mit Ritalin zu lernen, auch wenn es gerade nicht nötig war. Eigentlich

sollte es mir nur in der Prüfungsphase helfen. Da ich Ritalin zu der Zeit jeden Tag genommen habe,

wurde die Wirkung deutlich weniger, sodass ich irgendwann nur noch ein bis zwei Stunden

konzentriert lernen konnte. Wie bei den meisten Drogen gewöhnt man sich irgendwann an den

Wirkstoff. Momentan nehme ich kein Ritalin mehr, aber für Notfälle habe ich immer noch ein paar

Tabletten im Bad liegen.


Paul betont außerdem, dass man darauf achten müsse, die Einnahme nicht zur Gewohnheit werden zu lassen. Viele Menschen verlieren nämlich die Kontrolle und können bereits nach wenigen Wochen nicht mehr ohne Ritalin lernen. Darüber hinaus kann das Medikament zu zahlreichen Nebenwirkungen führen: Neben Schlafstörungen, erhöhter Reizbarkeit und Erbrechen können insbesondere für Menschen ohne ADHS weitere, schwerwiegendere Effekte auftreten, wie Halluzinationen, Krampfanfälle oder Herzrhythmusstörungen.


Ritalin wirkt aufputschend, birgt aber bei gesunden Menschen erhebliche Risiken. Foto: Nicolás Flor
Ritalin wirkt aufputschend, birgt aber bei gesunden Menschen erhebliche Risiken. Foto: Nicolás Flor

Dabei gibt es auch viele natürliche Maßnahmen, die eine höhere Konzentrationsfähigkeit mit sich bringen.


Natürliche Maßnahmen, um Konzentrations- und Leistungsfähigkeit zu steigern

Omega-3-Fettsäuren helfen dabei, die Konzentration langfristig zu erhöhen, im Gegensatz zu Glukose

(Einfachzucker), welcher nur ein schnelles „Hoch“ hervorruft. Die gesunden Fettsäuren befinden sich z.

B. in Lachs, Nüssen und Raps- und Olivenöl und steigern die Durchblutung bestimmter Gehirnregionen.

Genauso wichtig sind Bewegungs- und Wasserpausen, ähnlich wie genug Schlaf. Ergänzend sind auch Meditationsübungen und Aufmerksamkeitsübungen konzentrationsfördernd. Anfangs fällt es vielen Menschen zwar schwer, die eigenen Gedanken nicht abschweifen zu lassen und sich nur auf eine Sache zu konzentrieren. Doch mit ein wenig Übung gehören diese Maßnahmen zu den

effektivsten.


Manchmal hilft auch ein kurzer Perspektivwechsel: Wer beispielsweise während des Studiums nicht arbeiten muss, hat andere Voraussetzungen als jemand, der neben einem Vollzeitstudium noch acht Stunden pro Woche jobbt oder mit mentalen Belastungen zu kämpfen hat und weniger Kapazität für den Lernstoff übrig hat. Ein Vergleich mit anderen reduziert oft nur das Gefühl, selbst genug geleistet zu haben. Viel Stress entsteht nicht unbedingt durch die Aufgaben, sondern durch die fehlende Akzeptanz für die eigene Produktivität und das eigene Arbeitsverhalten. Ansprüche an sich selbst sind wichtig, doch sie sollten nicht so groß werden, dass sie psychisch belasten und uns anfälliger für Krankheiten machen. Und gegen zu hohe Ansprüche an einen selbst kann auch kein Ritalin helfen.


*Der Name wurde von der Redaktion aus Gründen der Anonymisierung geändert.


Dieser Artikel ist ehemals bei MADS.de, Teil der Madssack Mediengruppe, erschienen.

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