Lerndroge Ritalin – Schneller, stärker, süchtig
- Tara Yakar
- 9. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 4 Stunden
Abgaben, Klausuren, Haushalt und Arbeiten. Um den hohen Work-Load zu bewältigen, greifen immer mehr Studierende zu dem konzentrationsfördernden Medikament Ritalin. Dieses ist eigentlich für ADHS-Patient*innen gedacht, doch wird immer öfter als Lerndroge missbraucht und für die eigene Leistungssteigerung genutzt. Gerade in Studiengängen wie Medizin, Jura und Psychologie erfreut sich Ritalin an besonderer Beliebtheit. Paul* (20) studiert im 4. Semester Psychologie, erzählt von seinen Erfahrungen und den Gefahren der verharmlosten Droge.
26.04.2024
von Tara Yakar

Was ist Ritalin?
Ritalin (Wirkstoff: Methylphenidat) ist ein verschreibungspflichtiges Betäubungsmittel, welches
normalerweise der Linderung von ADHS-Symptomen dient. Das Medikament hemmt den Transport
der Neurotransmitter Dopamin und Noradrenalin, was zur verbesserten Konzentration und
Selbstregulation beiträgt. Nicht nur die Leistungsfähigkeit von Körper und Geist wird gestärkt, sondern
auch Ermüdungserscheinungen treten weitaus später auf.
In den USA gehört die neuartige Lerndroge der Betäubungsmittelklasse II an, genau wie Kokain und Morphium. Seit 2002 steigt die Abgabe von Ritalin in Apotheken stetig an. Während sie anfangs noch bei 628 kg pro Jahr lag, stieg sie zehn Jahre später bereits auf 1.839 kg an. Eine Trennung zwischen der Nutzung durch ADHS-Patient*innen und Gesunden ist dabei schwierig.
Paul, wie bist du auf Ritalin aufmerksam geworden?
Ich bin durch verschiedene Menschen auf Ritalin aufmerksam geworden. Von meinen Eltern, meinem
Freundeskreis und sogar in der Grundschule habe ich bereits mitbekommen, wie gut es anderen
Kindern beim Lernen geholfen hat. Außerdem habe ich von vielen Studierenden gehört, dass sie Ritalin
nutzen. Ich habe noch nie mitbekommen, dass jemand abhängig davon wurde. Dadurch, dass es so
viele Menschen nehmen, dachte ich, da muss etwas Gutes dran sein, das kann man ja mal
ausprobieren.
Haben sich deine Erwartungen bestätigt, als du das erste Mal Ritalin ausprobiert hast?
Anfangs hatte ich Angst und unrealistische Erwartungen. Ich dachte, ich könne zwölf Stunden am
Schreibtisch durchlernen. Dem war natürlich nicht so. Ich habe mit einer niedrigen Dosis von ca. 10 mg
pro Tag angefangen und die Wirkung hat erst nach einer Stunde eingesetzt. Vielleicht lässt sich ein Teil
mit Placebo erklären, aber ich konnte fünf bis sechs Stunden konzentrierter lernen. Der Übergang von
„sich an den Schreibtisch setzen und sich langsam die Materialien anzuschauen“ zu „in einen
Lerntunnel geraten“ war fließend. Es hat sich so angefühlt, als könnte ich gar nicht mit dem aufhören,
was ich gerade tat. Das war nicht nur beim Lernen so, sondern z. B. auch, wenn ich mich gerade mit
jemanden unterhalten habe. Ich musste mich dann einfach weiter mit der Person unterhalten.
Welche Nebenwirkungen hast du verspürt?
Meine Hände haben oft gezittert und angefangen zu schwitzen, wenn ich Ritalin genommen habe.
Irgendwann habe ich auch Einschlafprobleme bekommen und mein Schlaf wurde unruhiger. Die
Kopfschmerzen, die dazu kamen, habe ich dann mit einer Tablette Ibuprofen bekämpft. Mein Körper
hat also deutlich auf Ritalin reagiert.
Gab es auch andere Situationen, in denen du Ritalin genommen hast?
Einmal bin ich mit dem Auto zur Prüfung gefahren. Davor habe ich noch eine Tablette Ritalin
genommen und auch in dem Fall gemerkt, dass ich viel konzentrierter beim Autofahren und während
der Prüfung war. Mir ist dann erst aufgefallen, dass es verboten ist unter Ritalin-Einfluss Auto zu
fahren.
Hattest du das Gefühl, süchtig nach Ritalin zu sein?
Zum Ende hin schon. Das Gefühl war angenehm, weil man von nichts mehr gestört wurde und ich
habe oft daran gedacht, wieder mit Ritalin zu lernen, auch wenn es gerade nicht nötig war. Eigentlich
sollte es mir nur in der Prüfungsphase helfen. Da ich Ritalin zu der Zeit jeden Tag genommen habe,
wurde die Wirkung deutlich weniger, sodass ich irgendwann nur noch ein bis zwei Stunden
konzentriert lernen konnte. Wie bei den meisten Drogen gewöhnt man sich irgendwann an den
Wirkstoff. Momentan nehme ich kein Ritalin mehr, aber für Notfälle habe ich immer noch ein paar
Tabletten im Bad liegen.
Paul betont außerdem, dass man darauf achten müsse, die Einnahme nicht zur Gewohnheit werden zu lassen. Viele Menschen verlieren nämlich die Kontrolle und können bereits nach wenigen Wochen nicht mehr ohne Ritalin lernen. Darüber hinaus kann das Medikament zu zahlreichen Nebenwirkungen führen: Neben Schlafstörungen, erhöhter Reizbarkeit und Erbrechen können insbesondere für Menschen ohne ADHS weitere, schwerwiegendere Effekte auftreten, wie Halluzinationen, Krampfanfälle oder Herzrhythmusstörungen.

Dabei gibt es auch viele natürliche Maßnahmen, die eine höhere Konzentrationsfähigkeit mit sich bringen.
Natürliche Maßnahmen, um Konzentrations- und Leistungsfähigkeit zu steigern
Omega-3-Fettsäuren helfen dabei, die Konzentration langfristig zu erhöhen, im Gegensatz zu Glukose
(Einfachzucker), welcher nur ein schnelles „Hoch“ hervorruft. Die gesunden Fettsäuren befinden sich z.
B. in Lachs, Nüssen und Raps- und Olivenöl und steigern die Durchblutung bestimmter Gehirnregionen.
Genauso wichtig sind Bewegungs- und Wasserpausen, ähnlich wie genug Schlaf. Ergänzend sind auch Meditationsübungen und Aufmerksamkeitsübungen konzentrationsfördernd. Anfangs fällt es vielen Menschen zwar schwer, die eigenen Gedanken nicht abschweifen zu lassen und sich nur auf eine Sache zu konzentrieren. Doch mit ein wenig Übung gehören diese Maßnahmen zu den
effektivsten.
Manchmal hilft auch ein kurzer Perspektivwechsel: Wer beispielsweise während des Studiums nicht arbeiten muss, hat andere Voraussetzungen als jemand, der neben einem Vollzeitstudium noch acht Stunden pro Woche jobbt oder mit mentalen Belastungen zu kämpfen hat und weniger Kapazität für den Lernstoff übrig hat. Ein Vergleich mit anderen reduziert oft nur das Gefühl, selbst genug geleistet zu haben. Viel Stress entsteht nicht unbedingt durch die Aufgaben, sondern durch die fehlende Akzeptanz für die eigene Produktivität und das eigene Arbeitsverhalten. Ansprüche an sich selbst sind wichtig, doch sie sollten nicht so groß werden, dass sie psychisch belasten und uns anfälliger für Krankheiten machen. Und gegen zu hohe Ansprüche an einen selbst kann auch kein Ritalin helfen.
*Der Name wurde von der Redaktion aus Gründen der Anonymisierung geändert.
Dieser Artikel ist ehemals bei MADS.de, Teil der Madssack Mediengruppe, erschienen.



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