top of page

Der Trend der narrativen Sachbücher: Warum wir in der Literatur verstanden werden wollen

  • Autorenbild: Annika Behrens
    Annika Behrens
  • 1. Aug.
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 1. Aug.

Annikas Kolumne: Eine Rezension von Vanessa Sielmanns 'Been there, felt that'


Fast die Hälfte aller jungen Erwachsenen fühlt sich regelmäßig einsam. Auf der Suche nach Halt greifen immer mehr Menschen zu narrativen Sachbüchern. Weniger für stumpfe Fakten, sondern eher für das Gefühl von Zugehörigkeit. Anlässlich des Debüts von Vanessa Sielmann geht die aktuelle Kolumne der Frage nach: Suchen wir in der Literatur wirklich nach Lösungen oder wollen wir einfach nur verstanden werden?


von Annika Behrens

31.07.2026



© Goldmann Verlag (Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH)
© Goldmann Verlag (Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH)

Habt ihr den aktuellen Bestseller von Vanessa Sielmann gelesen, der zeitgleich ihr Debüt ist? Nein? Großer Fehler. Been there, felt that ist ein Ratgeber darüber, sich als Außenseiterin zu fühlen und dabei eigentlich genau die Erfahrungen zu machen, die viele andere auch machen. Es geht darum, in den Anfängen des Erwachsenseins gar nicht so einsam zu sein, wie man vielleicht denkt. Als ich es gelesen habe, musste ich viel schmunzeln und habe mich regelmäßig wiedererkannt. Vor allem dieser Ton, den sie findet, ist sanft und hart zugleich. Das Schöne ist: Vanessa ist in ihrem Ratgeber selbst die erzählende Person. Das verbindet automatisch, weil man sie als Person erkennt und sie nicht als weit entfernte Autorin wahrnimmt, die einem das Leben erklärt. Die Momente, die sie beschreibt, sind, auch wenn wir komplett unterschiedliche Persönlichkeiten und Lebenserfahrungen haben, trotzdem sehr ähnlich. Die ganze Zeit hakt man im Kopf ab, dass einem das genauso passieren könnte. Oder schon passiert ist.

Das Buch wurde direkt ein Bestseller - interessant ist es aber auch, weil es nicht wie ein

klassischer Ratgeber wirkt, sondern eher wie eine erzählte Erfahrung.


Schaut man sich die Rezensionen zum Buch an, wird schnell klar, dass viele darauf bauen, in diesem Ratgeber Learnings zu bekommen, die man anwenden kann. Dem möchte ich widersprechen. Zwar ist es ein Ratgeber, aber eben doch eher eine Geschichte. Und genau das bringt mich zu dem Thema meiner diesmonatigen Kolumne:

Warum wollen wir von Literatur verstanden werden? Und führt genau dieses Bedürfnis zu dem Trend der narrativen Sachbücher?


Narrative Sachbücher oder Ratgeber sind für mich Bücher, die weggehen von stumpfen Zahlen, Fakten und Anwendungstipps. Sie sprechen darüber, wie es sich anfühlt, etwas zu durchleben und ermöglichen dadurch einen direkten Vergleich, anhand

dessen man lernen kann. Schaut man psychologisch auf den Menschen, lebt er davon, dass wir uns als Gesellschaft verständigen. Sei es mit Sprache, Gesten oder anderen kulturellen Schwerpunkten. Doch was der Mensch auch wirklich braucht, ist Verständnis für sein Sein. Eine bekannte Studie der Psychologen Roy Baumeister und Mark Leary macht deutlich, dass Zugehörigkeit ein grundlegendes menschliches Bedürfnis ist. Wir brauchen das Gefühl, dass sich unsere direkte Umgebung mit uns verbunden fühlt. Man sehnt sich nach gleichen Momenten zum Teilen und möchte nicht als außenstehende Person wahrgenommen werden.


Wir alle kennen das: War man bei einer Party nicht dabei, auf der es Momente gab, die die Gruppe zusammengeschweißt haben, merkt man das oft noch eine ganze Weile. Alle erzählen davon. Es gibt einen Insider, über den gelacht wird, und man selbst weiß: Ich war nicht Teil davon. Daraus kann schnell ein Gefühl von Außenstehen entstehen. Und aus diesem Außenstehen kann Einsamkeit werden.

Laut einer repräsentativen Umfrage der Bertelsmann Stiftung fühlten sich 2024 knapp die Hälfte, genauer 46 Prozent, der 16- bis 30-Jährigen in Deutschland einsam. Befragt wurden dafür 2.532 junge Menschen. Auffällig ist dabei auch, dass junge Frauen häufiger von Einsamkeit betroffen sind als junge Männer. Vanessa schreibt in ihrem Ratgeber viel über genau solche Gefühle. Und ich finde, das ist der Punkt: Dieses Gefühl von Verständnis entsteht nicht nur über Fakten oder Ratschläge. Es entsteht vor allem über Emotionen. Davon finden wir in Been there, felt that einige. Es sind vor allem diese unangenehmen Gefühle wie Scham oder Eifersucht, bei denen man sich schneller als bei anderen Gefühlen einsam fühlt. Auch das hat Hintergründe über Jahrhunderte hinweg. Es war lange nicht „schicklich“, über diese Dinge zu sprechen. Eifersucht, Neid oder Scham waren Gefühle, die man lieber für sich behalten hat. Da wir erst seit Kurzem probieren, das wirklich zu äußern, haben wir als Gesellschaft noch einige Momente zu üben.


Ähnliches untermauert die Studie von Mar, Oatley und Peterson zum Leseverhalten, Empathie und sozialer Unterstützung. Darin wurde ein Zusammenhang zwischen Sachbuchlesen, Einsamkeit und weniger sozialer Unterstützung festgestellt. Das bedeutet natürlich nicht, dass Sachbücher einsam machen. Aber es zeigt, dass Menschen möglicherweise auch deshalb zu Sachbüchern greifen, weil sie dort Einordnung, Verständnis oder Halt suchen. Vielleicht wollen wir von Literatur also gar nicht immer direkt eine Lösung. Manchmal reicht es schon, wenn ein Buch neben uns sitzt und sagt: Das kenne ich auch.



Annika Behrens ist gelernte Texterin und junge Autorin. In ihrem Studium befasst sie sich mit den Auswirkungen von Liebesbildern in der Literatur. Seit Mai 2026 schreibt sie für das KULTURA MAGAZIN ihre Kolumne: "Was sagen unsere Lesegewohnheiten über unsere Zeit aus?"

 
 
 

Kommentare


bottom of page