Der Buchmesse-Hype: Warum wir für Bücher durch ganz Deutschland reisen

Annikas Kolumne: Die Buchmesse als soziales Event.
Signierstunden, lange Schlangen und die Hoffnung, Lieblingsautor*innen endlich persönlich zu treffen: Die Frankfurter Buchmesse zieht längst nicht mehr nur Fachpublikum an. Zwischen Signierstunden, BookTok und langen Warteschlangen ist sie zu einem Treffpunkt für eine ganze Buchcommunity geworden. Aber warum fühlt es sich plötzlich so wichtig an, dabei zu sein? Eine persönliche Kolumne über FOMO, die Magie von Büchern und den Wunsch, online entstandene Gemeinschaften auch im echten Leben zu erleben.
von Annika Behrens
30.09.2026

In genau einer Woche ist es so weit: Am 7. Oktober öffnet die 78. Frankfurter Buchmesse ihre Tore. In diesem Jahr lasse ich mir einen Tag Frankfurter Messe nicht nehmen, das hat einerseits mit meinem Beruf zu tun und andererseits damit, dass ich jetzt schon seit Wochen so eine starke Fear of Missing Out (FOMO, die Angst, etwas zu verpassen) habe, dass es nicht anders geht.
Die letzten Jahre wurde die Social-Media-Präsenz auf der Messe unübersehbar. Schon vorab werden Programmpunkte wie Signierstunden von Autor*innen gehypt. Für manche Signierstunden vergeben die Verlage eigene Tickets. Im vergangenen Jahr sicherten sich Fans schon früh mit Klappstühlen ihre Plätze. Man möchte dabei sein, sich austauschen und mitbekommen, was die Branche gerade beschäftigt. Dass daraus auch etwas für die eigene Arbeit entstehen könnte, hat man natürlich im Hinterkopf.
Aber auch Menschen, die beruflich nichts mit Büchern zu tun haben, nehmen lange Fahrten und Hotelkosten auf sich. Sie planen ihren Besuch, versuchen, Tickets für Signierstunden zu bekommen, und reisen mit Büchern an, die sie längst gelesen haben.
Warum fahren wir für eine Buchmesse durch ganz Deutschland?
An Möglichkeiten, die Tage zu füllen, fehlt es jedenfalls nicht. Mehr als 3.000 Veranstaltungen stehen dieses Jahr im Kalender. Dazu kommen Verlagsstände, Signierstunden und Begegnungen, für die man vorher keinen Termin vereinbaren kann. Für Romance, Fantasy und New Adult gibt es unter anderem eine Community Stage in der Festhalle. Die Messe plant sogar eigene Wartebereiche für besonders gefragte Angebote. Klappstühle und lange Signierschlangen kennt man sonst eher von Konzerten. Wer ein Buch geliebt hat, möchte vielleicht auch der Person begegnen, die es geschrieben hat, ihr sagen, was die Geschichte mit einem gemacht hat. Oder einfach kurz vor ihr stehen und sich anschließend darüber freuen, dass der eigene Name jetzt vorne im Buch steht.
Die Buchmesse hat diese Begeisterung schon lange erkannt. Frank Pauli, damals für die Weiterentwicklung der Angebote für Privatbesucher zuständig, erklärte 2019 auf der Messewebsite: „Wir wollen den Eventcharakter der Buchmesse stärken.“ Er begründete das mit dem Wunsch des Publikums, Autorinnen und Autoren persönlich zu erleben. Blogger waren da längst angekommen. 2016 organisierte die Messe ein zentrales Bloggertreffen, 2019 trafen sich Blogger und Bookstagrammer unter „Frankfurt Influencer“. Heute gehört BookTok zum Programm. Über die Jahre sind immer mehr Möglichkeiten entstanden, die Menschen hinter den Accounts zu treffen.
Das macht meines Erachtens einen großen Teil der Anziehung aus. Man kann ein Buch allein lesen, aber danach möchte man vielleicht darüber reden. Nicht jeder im eigenen Umfeld hat Lust, sich ausführlich mit einer erfundenen Beziehung oder einem enttäuschenden Ende zu beschäftigen. Online findet man Menschen, denen es genauso geht. Auch Rieke Falkenstein beschäftigt sich in ihrer Untersuchung der
deutschsprachigen BookTok-Community mit diesem Austausch. Sie beschreibt, wie dort eigene Praktiken und Gruppendynamiken entstehen und Bücher auf eine unkomplizierte Weise besprochen werden. Dass man die Menschen, mit denen man online darüber redet, irgendwann auch persönlich treffen möchte, kann ich gut nachvollziehen.
Und dann bekommt man auf Instagram und TikTok natürlich mit, was die anderen vorhaben. Wer fährt wann? Welche Autorin kommt? Wo gibt es noch Tickets? Ich freue mich darüber und merke gleichzeitig, wie leicht ich anfange zu überlegen, ob ein Tag überhaupt reicht. Obwohl ich weiß, dass ich auch an fünf Tagen nicht alles schaffen würde. Schon 2019 verzeichnete die Frankfurter Buchmesse rund 302.000
Besucherinnen und Besucher. Im vergangenen Jahr waren es 238.000. Die Messe war also schon vor dem großen BookTok-Trend ein Publikumsmagnet. Aus diesen Zahlen lässt sich kein stetiger Besucheranstieg durch Social Media ableiten, zumal die Pandemie die Entwicklung unterbrochen hat. Ich frage mich eher, wie groß der Einfluss darauf ist, was wir von einem Besuch erwarten.
Für die Messe steht nach der diesjährigen Ausgabe auch ein Führungswechsel an: Juergen Boos geht nach mehr als zwanzig Jahren in den Ruhestand. Sein Nachfolger wird der langjährige Carlsen-Geschäftsführer Joachim Kaufmann. Wie sich die Messe weiterentwickeln wird, wird sich zeigen, ich werde in diesem Jahr
jedenfalls einen Tag durch die Hallen laufen und freue mich darauf, ganz viele Eindrücke mitzunehmen.

Annika Behrens ist gelernte Texterin und junge Autorin. In ihrem Studium befasst sie sich mit den Auswirkungen von Liebesbildern in der Literatur. Seit Mai 2026 schreibt sie für das KULTURA MAGAZIN ihre Kolumne: "Was sagen unsere Lesegewohnheiten über unsere Zeit aus?"


