top of page

"ADHS ist keine Superkraft. Es ist ein Dauerlauf": Malte Zierden im Interview

  • Autorenbild: Tara Yakar
    Tara Yakar
  • 18. März
  • 4 Min. Lesezeit

Moderator und Tierschützer Malte Zierden spricht offen über ADHS, Selbstzweifel und den Druck, ständig funktionieren zu müssen. Im Interview erzählt er, warum Erfolg den Kopf nicht ruhiger macht und warum er an manchen Tagen gern jemand anderes wäre.


von Tara Yakar

18.03.2026


Der Moderator und Tierschützer Malte Zierden ist selbst von der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) betroffen und nun der Host der aktuellen Folge der neuen ZDF-Reihe „RE:TURN“. Foto: ZDF und Jan Seebeck.
Der Moderator und Tierschützer Malte Zierden ist selbst von der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) betroffen und nun der Host der aktuellen Folge der neuen ZDF-Reihe „RE:TURN“. Foto: ZDF und Jan Seebeck.

Malte Zierden wurde vor allem durch Videos in sozialen Netzwerken bekannt, in denen er humorvoll und selbstironisch von seinem Alltag erzählt und zugleich offen über Themen wie ADHS, mentale Gesundheit und persönliche Krisen spricht. Große Aufmerksamkeit erhielt er außerdem durch sein Engagement im Tierschutz, das er regelmäßig in seinen Beiträgen dokumentiert. Inzwischen folgen dem in Hamburg lebenden Aktivisten auf Instagram und TikTok jeweils über eine Million Menschen. In der ZDF-Reihe „RE:TURN“ ist er als Host zu sehen und porträtiert Menschen, die zeigen, wie sie aus ihrem ADHS Stärke ziehen können.


Malte, ADHS stellt dein Leben manchmal komplett auf den Kopf. Was sind das für Situationen?

ADHS bedeutet, doppelt so viel Energie aufzubringen, um halbwegs „normal“ zu wirken. Eine

Supermarktschlange kann sich anfühlen wie ein mentaler Marathon. Nicht, weil sie zu lang ist, sondern weil dein Kopf niemals stillsteht. Du unterdrückst Impulse, damit du nicht auffällst. Nur um nicht wieder „zu viel“ zu sein.


Hast du schon negative Erfahrungen damit gemacht?

Immer. Von „Komm auf den Punkt“ bis „Du bist so nervig“ habe ich schon alles gehört. Viele ADHS-Menschen sind extrem gute Beobachter. Nicht aus Talent, sondern aus der Not. Wir scannen jede Situation und jeden Menschen: Wie muss ich sein, damit ich akzeptiert werden?


Inzwischen gibt es immer stärkere mediale Aufmerksamkeit für ADHS. Bemerkst du dadurch auch
Veränderungen im Alltag?

Ich habe schon das Gefühl, dass mehr Menschen offener darüber sprechen. Aber gleichzeitig ist ADHS eine Modediagnose. Aber um das klarzustellen: Wenn ADHS Mode wäre, würdest du dieses Kleidungsstück nicht freiwillig kaufen. Es passt dir nicht und zwickt überall am Körper.


Was sind deiner Meinung nach die größten Missverständnisse über ADHS in der
Öffentlichkeit?

Dieses klassische Bild vom Zappel-Philipp. Ich sehe uns ADHS-Menschen so: Wir sind wie Tauben –

zutiefst missverstanden, aber total faszinierende Wesen. Sie sind mehr als nur graue Flecken der Stadt, sie

sind anpassungsfähig, intelligent und sensibel. Nur hat die Gesellschaft irgendwann entschieden, sie nicht

mehr zu mögen. Exakt so verhält es sich auch mit ADHS.


“Wir brauchen weniger TikTok-Clips, die so tun, als wäre ADHS einfach nur eine schräge Persönlichkeit. Nicht jeder Mensch, der ab und zu etwas vergisst oder zu spät kommt, hat automatisch ADHS."

Erinnerst du dich an eine konkrete Situation aus deinem Alltag, in der du mit diesen Vorurteilen konfrontiert wurdest?

Eigentlich jeden Tag. Man traut dir die einfachsten Dinge kaum zu. Zum Beispiel einen Tisch reservieren

oder ein Treffen unter Freunden zu organisieren. Als wärst du ohne Hilfe nicht überlebensfähig. Dabei

kämpfen viele von uns einfach nur im Stillen, um überhaupt Schritt zu halten.


Dabei kannst du allein beruflich viele Erfolge aufweisen: Tierschützer, Moderator und erfolgreiche Social-
Media-Kanäle.

Erfolg beruhigt die anderen. Aber selten den eigenen Kopf. Ich kann meine Arbeit irgendwann ausschalten – mich selbst nicht. Ich erreiche die schönsten Dinge für Tiere und fühle mich trotzdem manchmal falsch. Es gibt Tage, da wäre ich gern jemand anderes. Nicht weil ich falsch bin, sondern weil ich mich durch unsere Gesellschaft falsch fühle. Es ist dabei egal, wie viele Dokus ich aufnehme oder Sendungen ich moderiere. Mein Kopf fühlt sich an wie ein Browser mit 1307 offenen Tabs - und jeder wirkt gleich wichtig. Und während ich einen schließe, öffnen sich drei neue. Normaler Alltag eben.


Du hast erzählt, dass du aus einem Umfeld kommst, in dem wenig Verständnis für psychische Erkrankungen herrschte. Wie hast du es geschafft, trotzdem offen darüber zu sprechen?

In meiner Familie musste ich einfach funktionieren. Stark sein, am besten nicht auffallen. Dadurch habe ich früh gelernt, Gefühle mit mir selbst auszumachen. Dadurch habe ich mich angepasst und nach außen eine Maske aufgesetzt. Irgendwann war ich so gut darin, „normal“ zu wirken, dass ich fast vergessen habe, ob mir mein echtes Gesicht überhaupt noch steht. Ich hatte es auch jahrelang kaum getragen.

Vor ein paar Jahren habe ich angefangen, öffentlich über meine Gefühle zu sprechen. Das ist ein ziemlich

eigenartiger Moment, wenn Menschen dich plötzlich ohne Fassade kennenlernen. Und dann waren da auf

einmal tausende Menschen, die sich genauso fühlen. Ein bisschen neben der Spur, aber irgendwie genau

richtig. Da habe ich es verstanden: Vielleicht bin ich nicht falsch. Vielleicht war ich nur zu lange allein damit.



Mit der Serie wollt ihr die Kreativität und weitere positive Aspekte von ADHS beleuchten. ADHS ist trotzdem eine neurologische Entwicklungsstörung und verursacht oft viel Leid bei Betroffenen. Könnten diese dadurch das Gefühl bekommen, dass der Leidensdruck klein geredet wird und sie zugleich unter Druck stehen, auch noch das Positive sehen zu müssen?

Ich sehe das anders. ADHS ist keine Superkraft. Es ist ein Dauerlauf. Aber viele von uns entdecken auf

dieser Strecke Dinge, für die sie wirklich brennen. Wir können uns so tief mit etwas verbinden, dass es unser ganzes Leben prägt. Bei mir ist es Mitgefühl für die Tiere. Das war eigentlich schon immer da, ich musste nur verstehen, dass das keine Schwäche ist. Ich hatte lange das Gefühl, ich sei falsch. Wie eine Brieftaube, die zwar fliegt, aber nicht weiß, wohin. Heute weiß ich: Ich finde meinen Weg, nur manchmal später als andere.


Welche Veränderungen würdest du dir im Umgang mit ADHS in den Medien und der
Gesellschaft wünschen?

Wir brauchen weniger schnelle Selbstdiagnosen. Und ehrlich gesagt auch weniger TikTok-Clips, die so tun, als wäre ADHS einfach nur eine schräge Persönlichkeit. Nicht jeder Mensch, der ab und zu etwas vergisst oder zu spät kommt, hat automatisch ADHS. Ich wünsche mir, dass wir darüber ehrlicher sprechen. ADHS ist kein Trend. Es ist ein Alltag, der dich zwingt, stärker zu sein, als du dich oft fühlst.


Was kannst du persönlich Menschen raten, die selbst von ADHS betroffen sind?

Versuch, diese Maske Stück für Stück abzusetzen. Nicht von heute auf morgen. Aber jeden Tag ein

bisschen. Am Anfang bei den Menschen, die dich lieben. Und irgendwann auch bei denen, die dich noch

nicht verstehen. Vielleicht hast du Macken und ein paar Narben, aber du bist gut so wie du bist. Und hol dir eine ADHS-Diagnose. Zugegeben, der Weg dahin ist echt weit und manchmal fühlt es sich so an, als würde sie nichts verändern. Aber sie verändert alles. Versprochen.


"RE:TURN - ADHS als Gamechanger" ist seit dem 2. März im ZDF-Stream verfügbar und läuft am Sonntag, den 29. März, im Zweiten.

Kommentare


bottom of page