Zwischen Freiheit und Bindungsangst: Warum wir die Bezeichnung „Beziehung” meiden
- Lea Gajić

- 2. Apr.
- 3 Min. Lesezeit
Noch nie war Kennenlernen so leicht. Und gleichzeitig war es selten so kompliziert, einzuordnen, was man eigentlich füreinander ist. Zwischen Dating-Apps, endlosen Profilen und dem Gefühl, jederzeit weiterwischen zu können, entsteht eine Art Nähe, die sich intensiv anfühlt und trotzdem ohne feste Kante bleibt. Ausgerechnet diese fehlende Verbindlichkeit macht viele nicht freier, sondern angespannter als in einer klassischen Beziehung. Dafür gibt es längst ein Wort: Situationship. Gemeint ist so etwas wie ein emotionaler Zwischenraum, eine Verbindung, die sich nach Beziehung anfühlt, sich aber nie ganz dazu bekennt. Von außen sieht das schnell nach Unabhängigkeit aus. Wenn man näher hinschaut, steckt dahinter oft ein Stress, der sich nur gut tarnt.
von Lea Gajić
02.04.2026

Zu viele Optionen
Der Psychologe Barry Schwartz hat in The Paradox of Choice beschrieben, dass zu viele Wahlmöglichkeiten nicht automatisch glücklicher machen, sondern blockieren können. Bei Dating-Apps sieht man das in Reinform. Wer ständig nach der „besten“ Option sucht, verbringt die gemeinsame Zeit nicht mehr im Hier und Jetzt. Stattdessen wird verglichen, abgewogen, nachgebessert und im Kopf läuft eine Art Warteschleife mit. In einer Situationship fällt genau das besonders auf. Da ist Nähe, da sind Gefühle, da ist Investition, aber ein Teil bleibt immer reserviert für das nächste, vielleicht bessere Match. Präsenz wird knapp. Ruhe im Inneren auch.
Warum Unklarheit so anstrengend ist
Weshalb fühlt sich Unverbindlichkeit oft so erschöpfend an? Ein Teil der Antwort liegt im
Gehirn. Nähe, die mal da ist und dann wieder verschwindet, wirkt wie eine emotionale Lotterie.
Der Psychologe B.F. Skinner spricht von „intermittierender Verstärkung“, also davon, dass
Belohnungen stärker wirken, wenn sie unregelmäßig kommen. Genau deshalb bleibt man
dran: Weil man nie weiß, wann die nächste Bestätigung auftaucht, die Nachricht, das Treffen,
das kleine Zeichen. Der Dopaminhaushalt hängt in einem nervösen Warten fest. Für das Gehirn ist diese Unklarheit kein neutraler Zustand, sondern eher ein Alarm. Eine feste Bindung, selbst wenn sie ihre Probleme hat, kann sich wie ein sicherer Hafen anfühlen. Eine Situationship hält das Nervensystem dagegen oft dauerhaft unter Spannung.
"Klarheit ist kein Luxus, sondern Selbstfürsorge."
Ghosting: die stille Flucht
Das Phänomen, das inzwischen zur neuen Normalität gehört: Ghosting. Menschen verschwinden einfach, ohne Erklärung oder Gespräch. Auf den ersten Blick wirkt es unhöflich, auf den zweiten wie eine Strategie, sich selbst emotional zu entlasten.
Ghosting ist nicht bloß Unhöflichkeit, es funktioniert wie ein Abwehrmechanismus, eine
fernhalten. Gleichzeitig hilft es dabei, kognitive Dissonanz zu vermeiden, diesen inneren Spannungszustand, der entsteht, wenn unser Verhalten nicht zu unserem Selbstbild passt.
Jemanden zu verletzen passt schlecht zum eigenen Bild als „guter Mensch“. Wenn man keine
direkte Reaktion sieht, muss man die eigene Schuld weniger spüren. Digitale Kommunikation
macht es noch leichter: Der andere wird zur Chatblase, die man schließen kann. Empathie
schrumpft, Abstand wächst.
Die stille Macht der Unverbindlichkeit
In der Soziologie beschreibt das Prinzip des geringsten Interesses (Willard Waller), dass
derjenige die Macht in einer Beziehung hat, dem weniger an deren Fortbestand liegt. In
Situationships wird dieses Muster gerne ausgereizt. Wer Definitionen verweigert, „Wir schauen
einfach mal“, hält sich die emotionale Oberhand. Unklare Sprache wird zum Schild gegen
Verletzlichkeit. Denn wer sich nicht festlegt, kann auch nicht so leicht zurückgewiesen werden.
Nur ist dieser Schutz nicht umsonst zu haben. Er blockiert echte Nähe, und die entsteht eben
nicht durch Andeutungen, sondern durch gegenseitige Offenheit.
Das Plädoyer für radikale Ehrlichkeit
Vielleicht ist die wichtigste Lektion aus dieser modernen Unverbindlichkeit schlicht: Klarheit ist
kein Luxus, sondern Selbstfürsorge. Wer sagt, was er will und was nicht, zeigt dem anderen
Respekt, und sich selbst gleich mit. Radikale Ehrlichkeit ist selten bequem. Sie heißt, Gefühle
auszusprechen, Grenzen zu ziehen, Entscheidungen zu treffen und im Zweifel auch mal
falsch zu liegen und es später zu bereuen. Trotzdem schafft sie Sicherheit. Und genau diese
Sicherheit macht erst möglich, dass aus Nähe wirklich Verbindung wird. In einer Welt, in der
so viel strategisch verschwiegen wird, kann ein klares Wort heute eine der mutigsten Formen
von Nähe sein.

Lea Gajić hat einen Bachelorabschluss in Journalismus und studiert derzeit Politikwissenschaft. In ihren Texten setzt sie sich mit politischen Narrativen, gesellschaftlichen Spannungen und der Rolle von Sprache im Alltag auseinander und verbindet analytische Perspektiven mit persönlichen Beobachtungen. Neben dem Schreiben ordnet sie unter @leaskontext auf TikTok, Instagram und YouTube komplexe Themen zugänglich und pointiert ein.



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