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“Wie kann Sie nur?” von Sophie Passmann: Sie kann, aber nicht jeder muss klatschen

Autorenbild: Anika Bentley
Anika Bentley
vor 3 Tagen
3 Min. Lesezeit

Pilates, Kapitalismus, Girlhood: Sophie Passmann schafft es, die Medienrezeptionshistorie und den TikTok-Algorithmus der durchschnittlichen weißen Feministin auf 232 Seiten beinahe lückenlos runterzubrechen und bleibt ihrer Zeit dabei dennoch einen Schritt – oder einen Swipe – voraus. Eine Rezension von KULTURA-Autorin Anika.


von Anika Bentley

08.09.2026


"Wie kann sie nur?" erschien am 12. März 2026 im Kiepenheuer & Witsch Verlag. Foto: Anika Bentley
"Wie kann sie nur?" erschien am 12. März 2026 im Kiepenheuer & Witsch Verlag. Foto: Anika Bentley

Wenn du auch überrascht bist, dass die Tochter der Schauspielerin Sofia Coppola bereits erwachsen ist, du dich bereits gefragt hast, ob Influencer*innen eigentlich eine Vorbildfunktion haben müssen, und du schon immer mal wissen wolltest, ob Sophie Passmann die Videos über sie selbst wirklich anschaut, ist “Wie kann sie nur?” ein Buch für dich. Das meinungsgeleitete Sachbuch enthält immer wieder ein paar Fragen, die die Leser*innen im Kopf beantworten, mit Kugelschreiber auf die Seitenrändern kritzeln oder auch einfach unkommentiert lassen können. Erinnern tut dieses Konzept an Max Frischs “Fragebogen” (1987 bei Suhrkamp): eine Anleitung zur Selbstreflexion, aber ohne Sexismus.


Frische Gedanken, alte Beispiele


Sophie Passmann reflektiert in ihrem neuen Buch über die Ups and Downs des Netzfeminismus der vergangenen zehn Jahre. Zwischen Spekulationen über den Lifestyle von Hailey Bieber und America Ferreras Monolog aus “Barbie” (2023) hat sich das Kapitel über “Tradwives” allerdings angefühlt, als wäre nun endlich der letzte Punkt in einer Handynotiz voller Paradebeispielen abgehakt worden. Auch die Kombination, erst Taylor Swift und dann Kylie Jenner vor patriarchalen Strukturen in Schutz zu nehmen, ist bereits wenige Wochen nach Release des Buches schlecht gealtert – während auf Taylor Swifts Hochzeit der CEO des Konzerns zu Gast ist, der das größte ICE-Haftzentrum für Migrant:innen in den USA betreibt, bewirbt Kylie Jenner mit Meta Glasses eine Technologie, die im großen Rahmen zur Belästigung von Frauen in der Öffentlichkeit und dem Missbrauch der unwissentlich entstandenen Filmaufnahmen im Netz beiträgt.


Da die Autorin offenkundig nicht in die Zukunft schauen kann, mindern diese Beispiele nicht die Qualität des Buches und erst recht nicht die Schlussfolgerungen daraus. Die Erkenntnis, dass die Ansprüche Frauen im Internet nie so konstruiert waren, dass sie tatsächlich erfüllt werden können, wirkt überraschend und beruhigend zugleich. Zumal diese Erkenntnis nicht nur bezeichnend für das Verhalten von Taylor Swift und Kylie Jenner ist, sondern auch auf all die Normalos zutrifft, dessen Followerschaft nur aus Freund*innen und Bots besteht.


Wer Sophie Passmann liest, bekommt Sophie Passmann


An dieser Stelle wiederholt sich die altbekannte Frage, ob alle Frauen gleichermaßen unter dem Patriarchat leiden. Auch, wenn es keine Kylie Jenner dieser Welt verdient hat, dauerhaft auf ihr Geschlecht reduziert und deswegen gehasst zu werden, fühle ich mich eher zu einer Frau verbunden, die im Fitnessstudio heimlich mit Smart Glasses gefilmt wird, als mit einer Frau, die hier im Rahmen einer kommerziellen Werbekooperation auftritt. “Wie kann sie nur?” von Sophie Passmann reiht sich in ein Überangebot von Büchern ein: Die Perspektive von und das darauffolgende Mitleid mit reichen weißen Frauen, die sich aufgrund von Schönheitsdruck mit Botox oder Ozempic behandeln lassen, während eine Vielzahl der Leser*innen Probleme hat, eine professionelle Zahnreinigung zu finanzieren.


Aus 6 Sophie Passmann-Büchern und 73 Folgen des Sophie Passmann-Podcasts (Stand: August 2026) kommt hervor: Sophie Passmann beobachtet, schreibt und empfindet aus der Perspektive von Sophie Passmann. Wer sich mit ihr identifizieren kann und zusätzlich unglaublich gerne Zeit im Internet verbringt, wird mit “Wie kann sie nur?” mehr als zufrieden sein. Wer Sophie Passmann dafür kritisiert, dass sie aus der Perspektive einer vergleichsweise wohlhabenden und privilegierten Frau schreibt, der wird ihr neues Buch anhand eben dieses Musters bewerten – eine wenig intersektionale Medienrezeption, die nie den Anspruch zu haben schien, intersektional zu sein.


Medienkritik als Selbstreflexion


Ich habe von dem Buch nichts anderes als Ehrlichkeit erwartet und dennoch überrascht mich vor allem das letzte Kapitel. Selbst als beobachtende Akteurin, Kritikerin oder Meinungsführerin kann sich Sophie Passmann als Frau in der (digitalen) Öffentlichkeit nicht davon lösen, Teil ihres eigenen Untersuchungsgegenstandes zu sein. Diese Unfreiwilligkeit darin, bewertet zu werden – insbesondere anhand des Anspruchs, als Feministin immer alles richtig machen zu müssen, bringt Sophie Passmann in genau diese Position, die sie selbst beschreibt: endlose Bewertungen.


Als Teil einer politischen Strömung, einer Subkultur oder auch nur eines Publikums fällt es oft schwer, gleichzeitig zu konsumieren, zu kontextualisieren und zu reflektieren. Aber irgendjemand muss all unsere Eras und Mikrotrends ja für die Nachwelt festhalten und das macht die Autorin sehr gut. Sophie Passmanns Ansicht auf eben diese Umstände und alle im Buch genannten Hintergründe bieten eine reichhaltige Grundlage zur Selbstreflexion für alle, die sich der Kritik an ihrer Perspektive bewusst sind. Auch, wenn die Autorin und ich nicht immer denselben TikTok-Algorithmus haben, haben besonders die Kapitel bezüglich ihrer eigenen Erfahrungen meine Perspektive erweitert – und das als Person, die nicht öffentlich im Internet vertreten ist und vielleicht erst recht als Person, die noch nie in Los Angeles war.




Anika Bentley hat Kommunikations- und Medienwissenschaften in Bremen und Berlin studiert und schreibt aktuell bei einem Nachrichtenportal für junge Menschen über gesellschaftsnahe Diskurse, Gesundheits- und Verbraucherthemen sowie Trends aus dem Internet.

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