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"Obsession": Das Problem mit den vermeintlich netten Männern

  • Autorenbild: Anika Bentley
    Anika Bentley
  • vor 2 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Eine Poetin und aufstrebende Schriftstellerin verliebt sich in einen Mann, der eine KI fragt, welchen Film er schauen soll: Die Inkompatibilität von Nikki und Bear als Paar bildet das Fundament der vielschichtigen Handlung von „Obsession“. Allein in Deutschland hat der Film mehrere Hunderttausend Menschen ins Kino gelockt.


von Anika Bentley

11.08.2026


Zwischen Liebe und Kontrolle: „Obsession“ verhandelt, wann Zuneigung in Besitzanspruch und erzwungene Nähe umschlägt. Foto: Ahmed M. Elpahwee
Zwischen Liebe und Kontrolle: „Obsession“ verhandelt, wann Zuneigung in Besitzanspruch und erzwungene Nähe umschlägt. Foto: Ahmed M. Elpahwee

Dieser Artikel enthält Spoiler über den Film.


„Obsession“ ist nicht nur der Überraschungshit des Horrorjahres, sondern eine der größten Kinoüberraschungen des Jahres überhaupt: Bei einem schmalen Budget von etwa 750.000 US-Dollar spielte der Film weltweit mehr als 400 Millionen US-Dollar ein. Geschrieben und inszeniert wurde er von Curry Barker, einem durch YouTube bekannt gewordenen Filmemacher, der zuvor vor allem Comedysketches produzierte. Besonders spannend ist jedoch die Debatte, die „Obsession“ über Zustimmung, Manipulation und männliches Anspruchsdenken auslöst.


Wer ist in “Obsession” eigentlich der Bösewicht?


Seit dem internationalen Kinostart im Mai diskutieren Nutzende in den sozialen Medien darüber, welche Figur in “Obsession” der Bösewicht ist. Die einen meinen, Bear sei ganz klar der Böse, weil er Nikki durch seinen Wunsch dazu zwingt, mit ihm in einer Beziehung sein zu wollen – auch körperlich. Auch, wenn Bear nicht wusste, dass sein Wunsch nach Nikkis unermesslicher Liebe für ihn mit dem Knacken des “One Wish Willow” tatsächlich wahr wird, trifft er im Laufe des Films eindeutige und bewusste Entscheidungen gegen ihre körperliche Autonomie. Doch das sehen nicht alle so. Einige männliche Nutzer argumentieren, dass Bear zwar schüchtern und vielleicht auch feige

sei, aber nicht böse. Und dass Nikki, als sie immer besessener wird, eher ihm wehtut als andersrum. In der Figur Bear erkennen sich viele Nutzer selbst wieder. Für sie ist Bear einfach nur ein etwas unbeholfener, aber netter Kerl.



Bear ist ein “Nice Guy”


Was erstmal nett klingt, ist kein Kompliment. “Nice Guy” ist keine externe oder gar akkurate Beschreibung für diesen bestimmten Typ Mann. Vielmehr ist es eine Selbstbezeichnung, die diese Männer sich geben, während sie der festen Überzeugung sind, tatsächlich nett zu sein. “Nice Guys” sehen sich selbst als liebenswerten, netten Mann und sind der Meinung, deswegen die Liebe zurück verdient zu haben, die sie anderen geben. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass Frauen ihnen Unrecht tun, wenn sie ihnen diese Liebe vorenthalten. Sie erwecken Mitleid, indem sie Frauen schlecht reden, die ihre Liebe ebenfalls nicht erwidern und versuchen so, die Erfüllung ihrer Bedürfnisse zu erzwingen. Solange ihre Manipulation und ihr Guilttripping zum Ziel führen (und das ist neben Liebe in erster Linie meistens Sex), ist dabei jedes Mittel recht. Auch Bear reiht sich in dieses Muster ein, indem er mehrfach sicherstellt, dass seine erzwungene Beziehung zu Nikki bestehen bleibt, vorzugsweise nur mit weniger Blut und Scherben.


Wo endet freiwillige Zustimmung und wann wird aus Überredung Druck?


Doch woher kommt die Annahme, dass ein “Nein” kein “Nein” ist, sondern nur ein Motivationsvorschuss? Das Narrativ, dass Männer das Recht haben, sich über die Autonomie von Frauen hinwegzusetzen, wenn sie es nur klug genug anstellen, wird immer wieder durch Flirt-Coaches bestärkt. Teil der Dating-Coaches fokussieren sich auf eben diese Männer, die so unbeholfen und schüchtern sind,wie die Filmfigur Bear. Die Strategie dahinter ist der Versuch, vorerst abgeneigten Frauen vermeintliche Zustimmung zu entlocken. Dadurch entsteht mitunter eine Zustimmung unter Druck, die nicht mit freiwilligem Konsens gleichzusetzen ist. Mit Sprüchen wie “Wenn du mir nicht deine Nummer gibst, dann wenigstens dein Instagram” oder “Du schuldest mir jetzt ein Date” erschleichen sich Männer bewusst eine Zustimmung, die eigentlich nicht so gemeint war.


“Obsession” stellt genau die Frage, die viele “Nice Guys” und Flirt-Coaches nicht hören wollen: Wo fängt Konsens an und zählt ein “Ja”, obwohl es erzwungen wurde? Nikki möchte Bear nicht lieben. Das zeigt der Film deutlich. Bei jedem “ich liebe dich” schüttelt sie den Kopf und eines Nachts verrät sie Bear, dass sie lieber sterben würde, als weiterhin mit ihm zusammen zu sein. Gleichzeitig gibt ihm ihre verzauberte Persönlichkeit alles, wovon er immer geträumt hat.


“Obsession” lässt die Zuschauer*innen die Definition von Konsens hinterfragen

Die Kombination aus Bears bemitleidenswerter Erzählperspektive und Nikkis besessener

Persönlichkeit stellt eine Situation dar, die eindeutig scheint – sowohl aus Bears als auch aus Nikkis Perspektive. Für Bear ist es ein Horrorfilm, weil die Frau, die er verzaubern lassen musste, nicht nach seinen Wünschen verzaubert wurde. Nikki erlebt ihren absoluten Albtraum, weil sie zur Beifahrerin in ihrem eigenen Körper wird, gesteuert von einem Mann, für den sie keine romantischen Gefühle hat. Wenn sich die Zuschauer*innen beim Verlassen des Kinosaals fragen, welche der Figuren ihre Sympathie verdient, entsteht eine Diskussion über Grenzen und Grenzüberschreitungen. Eine Geschichte aus der Perspektive eines vermeintlich netten Bösewichts hat schon bei “You – Du wirst mich lieben” (2018–2025) Meinungen gespalten. "Obsession" schließt sich an. Trotzdem bildet der Film eine Metapher dafür, dass es kein Recht auf Liebe gibt, und zeigt dabei auf diejenigen, die daran festhalten.




Anika Bentley hat Kommunikations- und Medienwissenschaften in Bremen und Berlin studiert und schreibt aktuell bei einem Nachrichtenportal für junge Menschen über gesellschaftsnahe Diskurse, Gesundheits- und Verbraucherthemen sowie Trends aus dem Internet.

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