„Man redet seit zehn Jahren über die gleichen Probleme“: MINE über die Musikbranche

MINE macht ihr eigenes Ding unabhängig davon, was andere davon halten. Im KULTURA-Interview spricht die Sängerin über ihren persönlichen Erfolgsbegriff, Sexismus und fehlende Vielfalt in der Musikbranche sowie den wachsenden Druck, auf Social Media präsent zu sein.
von Tara Yakar
31.08.2026

"Ich habe einmal eine [Social-Media-]Pause gemacht und es lief direkt schlecht. Dann habe ich eine Woche später wieder mit Social Media angefangen und doppelt so viele Tickets verkauft."
MINE, geboren 1986 in Stuttgart, ist eine deutsche Musikerin, Songwriterin und Produzentin. Ihr Sound bewegt sich zwischen Pop, Hip-Hop und elektronischer Musik. Dabei setzt sie auf musikalische Experimente und einen selbstbestimmten Umgang mit ihrer Kunst. Ihr neues Album "Killer" erscheint am 4. September.
Im September erscheint dein neues Album. Wenn du es jemandem beschreiben müsstest, der deine Musik
noch gar nicht kennt: Was macht dieses Album besonders?
Gute Frage. Das Album wurde fast ausschließlich mit analogen Synthesizern produziert. Das ist auf jeden
Fall etwas Besonderes, weil ich vorher noch nie so gearbeitet habe.
Du hast dich für das Album bewusst auf etwas Neues eingelassen: Was war die größte Herausforderung bei der Arbeit?
Zum einen, mich in diese analoge Welt einzuarbeiten, also vor allem die technische Seite. Meine persönliche Herausforderung war aber auch, einen neuen Ansatz beim Schreiben zu finden, weil ich mich im Vergleich zu meinem letzten Album nicht wiederholen wollte. Ich finde, ab einem gewissen Punkt, wenn der Prozess immer gleich bleibt, kann sich ein neuer Track schnell wie eine B-Version von etwas anhören, das man schon einmal gemacht hat. Ich brauche einfach diese Anfangseuphorie, um in einen Flow zu kommen. Wenn ich neue Sachen ausprobiere, komme ich sehr gut in den Hyperfokus.
Dieses Bedürfnis, dich nicht zu wiederholen und immer wieder etwas Neues auszuprobieren, klingt ziemlich zentral für deine Arbeit. Was möchtest du, dass Menschen nach dem Hören des Albums mitnehmen?
Ich habe da gar keinen Anspruch. Ehrlich gesagt, ist es mir ein bisschen egal. Das soll nicht respektlos
klingen, aber wenn ich fertig bin, ist das für mich der magische Punkt. Danach können die Menschen damit machen, was sie wollen. Ich finde es natürlich toll, wenn Leute etwas damit anfangen können oder die Musik emotional etwas in ihnen bewegt. Aber am Ende muss es mir gefallen, und das tut es. Meistens bin ich sowieso schon mit dem Kopf beim nächsten Projekt, wenn eines abgeschlossen ist.
Kannst du den Erfolg dann überhaupt genießen, wenn du mit dem Kopf gar nicht mehr beim aktuellen
Projekt bist?
Für mich ist der Erfolg, das Album fertigzumachen. Und das kann ich sehr, sehr gut genießen. Ich feiere das total und bin stolz darauf. Aber das ist unabhängig davon, wie das Album bei anderen ankommt.
Das ist etwas, was sich viele Menschen wünschen: auf den eigenen Prozess und das Endprodukt stolz zu
sein, egal wie es bei anderen ankommt. Hast du Tipps, wie man das erreicht?
Ich finde es immer schwierig, Tipps zu geben. Jede Person hat andere Prioritäten. Mir hat der Prozess selbst einfach schon immer sehr viel Spaß gemacht. Für mich ist das natürlich mega gut, weil ich dadurch weniger Druck habe. Momentan bin ich auch in einer sehr privilegierten Phase, in der Menschen meine Musik gut finden und ich damit Geld verdienen kann. Aber wenn das irgendwann nicht mehr so ist, suche ich mir halt etwas anderes, mit dem ich Geld verdienen kann, also so, wie ich es vor der Musik auch gemacht habe. Wenn man mit Musik anfängt, weil man denkt, dadurch viel Aufmerksamkeit oder Rückmeldung zu bekommen, dann kann man sich nicht einfach vornehmen, dass einem das irgendwann egal wird. Bei mir war das schon immer so. Deswegen kann ich da gar nicht wirklich Tipps geben.
Du hast einmal in einem Interview gesagt: „Ich bin ein sehr neugieriger Mensch und auch sehr schnell
gelangweilt und hungrig.“ In welchen Situationen merkst du das besonders?
In jeder Situation. Ich bin sehr ungeduldig und brauche schnell neuen Input. Ich erlebe gerne neue Dinge in meinem Leben. Das kostet manchmal auch Kraft, weil man sich immer wieder etwas Neues suchen muss. Ich kaufe mir schnell neue Brillen, habe alle drei Monate eine neue Frisur. Ich bin allgemein sehr schnell von mir selbst gelangweilt. Das war auch schon immer so.
Verschiebt sich dadurch auch immer wieder deine Vorstellung davon, was Erfolg für dich bedeutet?
Ich fühle mich erfolgreich, seitdem ich von der Musik leben kann. Viele Leute vergleichen sich mit
Menschen, die mehr Geld verdienen oder in größeren Venues spielen. Aber nach oben ist es immer offen. Gleichzeitig spiegelt das gar nicht die Kulturlandschaft wider. Meistens sind es gerade die Leute, die nicht davon leben können, die die Kulturszene lebendig halten.
Gibt es etwas, worüber du deine Meinung in den letzten Jahren komplett geändert hast?
Ich habe mich auf jeden Fall mehr mit den Strukturen der Heteronormativität beschäftigt. Inzwischen habe ich mich daraus emanzipiert und mich viel mit meiner eigenen Sexualität auseinandergesetzt, aber das alleinige Verstehen ändert die Situation leider nicht. Man kann nur schauen, wie man damit umgeht. In unserer Generation wird sich das leider auch nicht mehr grundsätzlich ändern. Vieles von dem, was die Regierung gerade tut, wirkt dem auch entgegen: die Einschränkung von Psychotherapieplätzen, die Schließung von Frauenhäusern. Das wird alles noch schwere Folgen mit sich bringen.
Wenn du auf deine eigene Branche schaust: Inwiefern hat sich die Musikbranche aus deiner Sicht in den letzten Jahren für FLINTA-Personen verändert?
Nicht so viel, auch wenn das natürlich extrem abhängig von der jeweiligen Bubble ist. Aber man redet seit zehn Jahren über die gleichen Probleme und viel hat sich nicht geändert: Es sind immer noch überwiegend Männer in den Chefetagen, es gibt kaum FLINTA-Personen auf Festivalbühnen und große Unterschiede bei den Gagen. Zumindest gibt es inzwischen mehr Safe Spaces und mehr Räume. Auch unter Frauen hat sich etwas verändert, weil sie sich gegenseitig stärker empowern. Aber systematisch hat sich nicht so viel verändert.
Was kann man deiner Meinung nach dagegen tun?
In Alltagssituationen solchen Dingen nicht aus dem Weg gehen. Manchmal rutschen Aussagen einfach
durch und man hat keine Lust zu diskutieren und reagiert deshalb nicht. Ich will damit gar nicht sagen, dass Betroffene die Verantwortung dafür tragen – egal, ob es um Queerfeindlichkeit, Sexismus oder Rassismus geht. Es wäre natürlich toll, wenn alle etwas dagegen tun würden, aber das ist leider oft nicht so. Insgesamt muss man deswegen viel darüber reden. Und Menschen in Entscheidungspositionen sollten sich nicht immer als passive Teilnehmer oder Opfer sehen. Wer sich nur als passiven Teil davon versteht, hat es nicht verstanden. Wir sind schließlich alle Teil der Gesellschaft.
Welche Strukturen würdest du dir in der deutschen Musiklandschaft wünschen, die es heute noch nicht gibt?
Mehr FLINTA-Personen in Chefetagen und mehr Sichtbarkeit für Personen mit Migrationshintergrund. Man bräuchte keine Quote, wenn die Leute von selbst mehr darauf achten würden. Das ist wie in einer WG: Wenn jeder darauf achtet, braucht man keinen Putzplan. Wenn nicht, dann halt schon.
Du hast einmal gesagt, dass du in deiner Musik nur das machst, was dir selbst gefällt. Wie schafft man es, sich dabei nicht zu sehr von außen beeinflussen zu lassen?
Das ist spannend, weil ich früher immer als stur und uneinsichtig dargestellt wurde. Früher wollten Leute
zum Beispiel immer, dass ich mit Menschen zusammenarbeite, die schon Hits geschrieben haben. Aber dann hat es sich für mich nicht mehr nach etwas Eigenem angefühlt und ich konnte mich damit nicht
identifizieren. Das habe ich schon immer eingefordert und daran hat sich nie etwas geändert. Am Ende habe ich dadurch mehr Gegen- als Rückenwind bekommen. Viele in der Industrie würden davon dringend abraten, weil es dadurch viel schwieriger zu promoten ist.
Social Media ist inzwischen ein großer Teil der Promotion. Muss man das als Musikerin heutzutage
machen?
Ja, auf jeden Fall. Mein Management ist da sehr hinterher. Ich habe einmal eine Pause gemacht und es lief
direkt schlecht. Dann habe ich eine Woche später wieder mit Social Media angefangen und doppelt so viele Tickets verkauft. Gerade als Newcomer musst du heutzutage eigentlich Social Media machen. Auch Labels signen mittlerweile lieber Leute, die virale Sounds auf TikTok haben. Ich habe auch schon überlegt, ob ich das so weitermachen will, weil ich inzwischen fast mehr Zeit in Social Media als in meine Musik stecke. Aber wer weiß, wie sich das mit KI entwickelt. Das wird ja auch immer größer. Vielleicht stirbt Social Media dann irgendwann aus – das wären doch mal positive Entwicklungen.

Tara Yakar arbeitet als freie Journalistin, studiert Psychologie und leitet als Chefredakteurin das KULTURA MAGAZIN. Für ihr Magazinprojekt „Gemeinsam Einsam“, das sich mit gesellschaftlicher Einsamkeit auseinandersetzt und ihr entgegenwirken möchte, wurde sie 2024 mit dem Spotlight Jugendpreis der Jugendpresse Deutschland e. V. und des Bundesministeriums für Bildung, Familien, Senioren, Frauen und Jugend ausgezeichnet.



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