Lesbisch mit P: Yourlondon24 im Interview über Algospeak und Queersein unter dem Radar des TikTok-Algorithmus
- Anika Bentley

- 30. März
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 30. März
Algospeak findet sich auf TikTok überall: in den Kommentarspalten sowie in den Videos selbst. Dahinter steckt nicht allein ein neuer Jugendsprachtrend, sondern der Versuch von Creator*innen, über Themen zu sprechen, die vom Algorithmus als nicht jugendfrei eingestuft werden. YourLondon24 ist eine von ihnen. Die queere Creatorin erzählt im Interview, was sie sich von den Plattformen wünscht und welchen Einfluss TikTok auf ihre Identität und die queere Szene hat.
von Anika Bentley
30.03.2026

Disclaimer: In diesem Text werden die Themen Tod, Suizid und Vergewaltigung erwähnt. Wenn du dahingehend Hilfe benötigst, findest du diese bei der Deutschen Depressionshilfe (0800 / 111 0 111) oder beim Hilfe-Telefon “Digitaler Missbrauch” (0800 / 22 55 530).
Shadowbans sind das Problem, Algospeak ist die Lösung
Vergewaltigungen werden zu Trauben-Emojis und Marihuana zu "Brokolli rauchen": Algospeak bezeichnet eine Sprachform, die sich primär auf den Plattformen YouTube und TikTok gebildet hat, mit
dem Ziel, die dortigen Inhaltsfilter zu umgehen. Wenn Creator*innen in ihren Videos bestimmte Themen wie Drogenmissbrauch, Essstörungen oder auch Queerness behandeln, kann das auf den Plattformen Konsequenzen bringen. Als Folge können keine Werbeeinnahmen mehr generiert werden oder Creator*innen können Mahnungen von der Plattform erhalten.
TikTok scheint nicht werbefreundliche oder nicht jugendfreie Inhalte mit einem sogenannten Shadowban in ihrer Reichweite einzuschränken, etwa indem die Creator*innen seltener auf der Startseite auftauchen oder schlechter durch die Suchleiste zu finden sind. Diese Erfahrungen mit dem Algorithmus von TikTok hat auch London gemacht. Sie ist Content Creatorin und spricht auf TikTok, YouTube und in ihrem Podcast über aktuelle Geschehnisse, relevante Persönlichkeiten und deren popkulturellen Hintergründe, aber auch über sich selbst und einen bestimmten Teil ihrer Persönlichkeit: ihrer Identität als lesbische Frau.
London, du schreibst das Wort "lesbisch" seit geraumer Zeit in den Untertiteln sowie der Videobeschreibung mit P statt mit B — "lespisch". Hat das Veränderungen auf deine Reichweite?
Früher war die Resonanz auf solche Videos eher geringer. Seitdem ich das Wort lesbisch in meinen TikToks mit einem P schreibe, hat sich vor allem meine Reichweite deutlich vergrößert. Das kann natürlich auch damit zusammenhängen, dass jetzt häufiger Leute in den Kommentaren nachfragen, warum ich das Wort mit P schreibe. Wenn Menschen über die Schreibweise diskutieren, spielt der TikTok-Algorithmus das Video aufgrund des Interaktionspotentials stärker aus. Da hilft Algospeak sehr.
“Ich hatte zeitweise das Gefühl, ich müsste noch kälter, distanzierter oder cooler auftreten, um diesem Ideal [einer maskulinen Lesbe] zu entsprechen."
Bedauerst du es, Algospeak in deine Videos integrieren zu müssen, oder findest du, dass Algospeak in einem gewissen Maße zu Social Media dazugehört?
Ich bedauere es nur teilweise, Algospeak in meinen Videos nutzen zu müssen. Denn diese Wörter bedeuten auch, etwas mitbekommen zu haben. Nicht selten entwickelt sich ein Begriff aus der dazugehörigen Bubble oder aus einem Meme. Das bringt auch gerne mal einen Witz in das Video.
Welche Verantwortung siehst du bei den Plattformen, die durch Shadowbans oder Entmonetarisierungen bestimmte Themen und Videos in ihrer Reichweite einschränken?
Das kommt für mich stark darauf an, welche Themen durch die Algorithmen tatsächlich eingeschränkt werden. Bei übermäßigem Alkoholkonsum oder Tabakmissbrauch ist es verständlich, dass Plattformen in Hinblick auf Jugendschutz stärker moderieren. Allerdings ist es gerade bei queeren Themen wichtig, dass Menschen aus der Community frei und offen über ihre eigene Sexualität sprechen können, ohne das Gefühl zu haben, bestimmte Begriffe umgehen zu müssen.
"Es kann der Eindruck entstehen, dass bestimmte Rollenbilder, die wir aus heterosexuellen Beziehungen kennen, in lesbischen Beziehungen ebenfalls erwartet werden."
Was würdest du dir als Creatorin von den Plattformen wünschen?
Ich glaube, dass es vielen Creator*innen helfen würde, wenn die Plattformen klare und eindeutige Leitlinien formulieren würden. Als Creator*in hat man manchmal das Gefühl, dass bestimmte Themen sensibler behandelt werden als andere, ohne genau nachvollziehen zu können, wo die Grenze liegt. Dadurch entsteht eine Unsicherheit darüber, wie man Inhalte formulieren sollte oder welche Begriffe problematisch sein könnten. Oft hat man das Gefühl, dass Plattformen zwar Regeln haben, aber nicht immer klar kommunizieren, wie sie genau angewendet werden oder warum bestimmte Inhalte eingeschränkt werden – wie etwa das lesbisch sein.
Du sprichst in deinen Videos darüber, dass dein früherer Stil als Masc-Lesbe (sich maskulin
präsentierende Lesbe) bei potentiellen Partnerinnen zu verfälschten Erwartungen geführt hat: Mascs sollen im Restaurant die Rechnung übernehmen, wenig Gefühle zeigen und bloß nicht zu weich sein. Siehst du einen Zusammenhang zwischen der Darstellung von lesbischen Beziehungen auf TikTok und den tatsächlichen Erwartungen an queeren Frauen?
Teilweise ja. Auf TikTok wird ein vermehrt bestimmtes Bild von Masc-Personen gezeigt: viel Workout-Content, sehr selbstbewusste Edits und oft diese „untouchable“- Ästhetik, bei der man wirkt, als wäre man für niemanden wirklich erreichbar. Wenn man diese Videos häufig sieht und dann auch die sehr positiven Kommentare darunter liest, kann schnell das Gefühl entstehen, dass man diesem Bild als Masc ebenfalls entsprechen muss. Gleichzeitig werden andere Dynamiken viel weniger gezeigt. Zum Beispiel sieht man kaum Repräsentation von Dating-Konstellationen wie Mascs, die Mascs daten. Dadurch kann der Eindruck entstehen, dass bestimmte Rollenbilder, die wir aus heterosexuellen Beziehungen kennen, in lesbischen Beziehungen ebenfalls erwartet werden. Ich persönlich hatte zeitweise das Gefühl, ich müsste noch kälter, distanzierter oder cooler auftreten, um diesem Ideal zu entsprechen. Das hat irgendwann dazu geführt, dass ich mich in diesem supercoolen Stereotypen einer Masc gar nicht mehr wiedergefunden habe. Deshalb habe ich mich mit der Zeit auch ein Stück weit vom Masc-Sein
entfernt und mich wieder stärker feminin ausgedrückt, weil sich das für mich authentischer angefühlt hat, obwohl ich eigentlich beides sehr gerne bin.

Anika Bentley hat Kommunikations- und Medienwissenschaften in Bremen und Berlin studiert und schreibt aktuell bei einem Nachrichtenportal für junge Menschen über gesellschaftsnahe Diskurse, Gesundheits- und Verbraucherthemen sowie Trends aus dem Internet.



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