"Kein Wunder, dass du so etwas sagst, du siehst ja selbst scheiße aus": So geht Ninia LaGrande mit Hass im Netz um
- Lara Terpelle

- 3. Juni
- 4 Min. Lesezeit
Wenn Worte verletzen und was dagegen hilft
Die verschiedenen Social-Media-Plattformen versprechen Austausch, Sichtbarkeit und Nähe. Doch unter vielen Posts hat sich längst eine zweite Realität etabliert: Kommentarspalten, in denen gezielt Hass verbreitet wird. Autorin und Aktivistin Ninia LaGrande bekommt häufig Hassnachrichten gegen ihr Aussehen und spricht im KULTURA-Interview über ihre Erfahrungen und warum es manchmal gar nicht hilfreich ist, eine Person in den Kommentaren zu verteidigen.
von Lara Terpelle
02.06.2026

Viele kennen es nur zu gut: Man scrollt durch seine Social-Media-Feeds, schaut sich ein Video an und landet früher oder später in der Kommentarspalte. Zwischen harmlosen Reaktionen tauchen immer wieder beleidigende, menschenverachtende oder hasserfüllte Beiträge auf. Für viele Internetnutzer ist das längst kein Einzelfall mehr, sondern Alltag.
Denn auch wer selbst nicht direkt betroffen ist, kommt regelmäßig mit Hass im Netz in Kontakt. Und genau das macht das Problem so groß: Hass im Netz ist sichtbar, schnell verbreitet und für viele Menschen alltäglich geworden. Gut ein Drittel der Menschen in Deutschland, die das Internet regelmäßig nutzen, hat schon einmal Hassrede im Internet wahrgenommen – das entspricht fast 20 Millionen Menschen.
Wenn Worte zur Waffe werden
Hass im Netz passiert nicht zufällig. Häufig sind es gezielte Angriffe mit Worten, die verletzen, einschüchtern oder Menschen aus öffentlichen Diskussionen verdrängen sollen. Das kann viele Formen annehmen: Beleidigungen, öffentliche Bloßstellungen, Cybermobbing, Drohungen oder das, was häufig als "Hate Speech" bezeichnet wird. Dabei geht es selten nur um einzelne Personen. Oft werden Menschen wegen ihrer Identität, ihres Aussehens, ihrer Herkunft oder ihrer Haltung angegriffen, also genau wegen der Merkmale, die sie sichtbar machen oder öffentlich positionieren.
„Kein Wunder, dass du so etwas sagst, du siehst ja selbst scheiße aus.“
Auch die Autorin und Aktivistin Ninia LaGrande kennt diese Realität. Sie begann schon früh, sich online zu äußern. Als kleinwüchsige Frau wuchs sie in einem Umfeld auf, in dem sie oft die Einzige mit sichtbarer Behinderung war und fand über das Internet erstmals eine Community mit ähnlichen Erfahrungen. „Als ich etwa 18 oder 19 war, habe ich angefangen zu bloggen“, erzählt sie. „Plötzlich habe ich gemerkt: Die Themen, die mich beschäftigen, sind auch für andere wichtig.“
Mit der wachsenden Öffentlichkeit kamen jedoch auch kritische Stimmen und später offene Anfeindungen. Besonders häufig richten sich Hassnachrichten gegen ihr Aussehen. Dann kommen Sätze wie: „Kein Wunder, dass du so etwas sagst, du siehst ja selbst scheiße aus“, sagt sie. Wenn sich solche Nachrichten häufen, geht das an Ninia nicht spurlos vorbei: „Solche Nachrichten bleiben schon hängen.“
Bei Beleidigungen und Hass bleibt es allerdings nicht immer: „Es gab auch schon konkrete Drohungen: Vergewaltigungsandrohungen oder Morddrohungen.“ Besonders erschreckend sei dabei, dass diese Nachrichten nicht nur aus anonymen Profilen stammen. Einmal habe sie einen Absender recherchiert. Es war ein junger Sportstudent. „Da merkt man: Es sind nicht nur irgendwelche anonymen Leute im Keller, sondern ganz normale Personen.“
Zwischen Unterstützung und Hass
Trotz solcher Erfahrungen beschreibt Ninia den Großteil ihrer Online-Erlebnisse als positiv. Rund 97 Prozent der Rückmeldungen seien unterstützend, etwa von Menschen, die sich mit ihrer Lebensrealität identifizieren oder ähnliche Erfahrungen teilen. Problematisch wird es vor allem bei politischen Themen wie Inklusion, Feminismus oder Migration. Dann häufen sich negative Reaktionen. Besonders belastend sind Drohungen, auch wenn sie nie umgesetzt wurden.
Früher trat Ninia regelmäßig bei Poetry-Slam-Veranstaltungen auf. „Ich habe mich gefragt: Was ist, wenn jemand im Club auftaucht, der mich gefunden hat?“ Heute geht sie bewusster damit um, auch weil sie Mutter ist. „Dann denkt man natürlich auch daran, dass jemand herausfinden könnte, wo man wohnt oder wo das Kind zur Schule geht.“
Umgang mit Hass: Radikale Höflichkeit statt Diskussion
Mit der Zeit hat Ninia LaGrande eigene Wege entwickelt, mit dem Hass umzugehen. Juristisch relevante Inhalte dokumentiert sie konsequent. „Dann mache ich einen Screenshot und erstatte Anzeige“, sagt sie. Auch wenn viele Verfahren eingestellt werden, sei es wichtig, Fälle zu dokumentieren. Manchmal setzt sie auch auf eine ungewöhnliche Strategie: radikale Höflichkeit. „Ich bedanke mich dann für das Feedback und wünsche einen schönen Tag. Viele sind davon irritiert, manche blockieren mich, andere entschuldigen sich sogar.“ Eine weitere wichtige Strategie ist das Teilen von Erfahrungen mit anderen.
„Wenn ich eine beleidigende Nachricht lese, belastet mich das weniger, wenn ich sie mit Freundinnen teile. Das nimmt dem Ganzen etwas von seiner Wucht.“
Was tun, wenn man Hass liest?
Viele Menschen sehen Hasskommentare, reagieren aber nicht. Stattdessen scrollen sie weiter. Dabei kann schon kleine Unterstützung einen großen Unterschied machen, vor allem für die Menschen, die von den Kommentaren betroffen sind. Wer Hass in Kommentarspalten bemerkt, muss nicht sofort in eine öffentliche Diskussion einsteigen. Oft hilft es mehr, Betroffenen direkt den Rücken zu stärken. Eine kurze private Nachricht kann viel bewirken, erklärt Ninia, etwa mit Worten wie: „Ich habe die Kommentare gesehen, dein Inhalt ist toll, hör nicht auf die anderen.“ Solche Nachrichten zeigen, dass Betroffene nicht allein sind.
Im öffentlichen Kommentarbereich rät sie dagegen zu Vorsicht. „In Kommentarspalten bringt es oft nichts, weil es die Situation eher anheizt“, sagt sie. Diskussionen könnten den Konflikt verstärken und zusätzlich Aufmerksamkeit auf die Hasskommentare lenken. Wenn Betroffene jedoch ausdrücklich um Unterstützung bitten, könne es sinnvoll sein, sich einzumischen, vorausgesetzt, man hat selbst die Kraft dazu.
Neben persönlicher Unterstützung gibt es auch ganz praktische Schritte: beleidigende oder strafbare Inhalte melden, Plattformfunktionen nutzen und Screenshots sichern. Wer selbst betroffen ist oder sich überfordert fühlt, kann außerdem professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Organisationen wie HateAid beraten Betroffene und unterstützen bei rechtlichen Schritten.
Langfristig geht es jedoch um mehr als einzelne Kommentare. Auch Ninia LaGrande betont, dass Aufklärung früh beginnen sollte: „Man sollte schon in Schulen und mit Jugendlichen darüber sprechen, was solche Nachrichten auslösen und was sie mit Menschen machen. So kann man auf lange Sicht vielleicht etwas verhindern.“ Denn wer versteht, welche Folgen Worte im Netz haben können, denkt vielleicht eher darüber nach, bevor er oder sie eine Nachricht verfasst.

Lara Terpelle studiert Kommunikationswissenschaften im Master an der Universität Münster. Zuvor studierte sie Sozialwissenschaften mit Schwerpunkt Politik und Gesellschaft, was ihr Interesse an gesellschaftlichen Themen und Medien prägt. Sie arbeitete im Lokalradio und bei einer Online-Zeitschrift.



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