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„I am cringe, but I am Free” von Verena Bogner: Von Scham zur Freiheit

  • Autorenbild: Louisa Schumacher
    Louisa Schumacher
  • vor 7 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Wer bringt uns eigentlich bei, uns zu schämen? Verena Bogner vereint Glitzer-Rebellion, No-Angels-Liebe, und eine ordentliche Portion Cringe in ihrem Debüt zu einer Hommage an Freundschaft und Selbstakzeptanz. Eine Rezension von KULTURA-Autorin Louisa.


von Louisa Schumacher

09.06.2026


Foto: park x ullstein Verlag
Foto: park x ullstein Verlag

Man liegt nachts im Bett, das Gespräch von vor drei Stunden spielt sich im Kopf ab, und irgendetwas daran fühlt sich falsch an. Entweder war es zu laut, zu viel oder schlichtweg uncool. Dieses Gefühl kennen die meisten, und es hat einen Namen: Cringe. Verena Bogner hat ein ganzes Buch darüber geschrieben, was es mit uns macht, wenn wir ihm zu viel Raum geben.


„ I am cringe, but I am free” ist in vier Phasen aufgebaut, die das Leben der Ich-Erzählerin von der Kindheit in einem österreichischen Dorf bis ins heutige Leben in der Großstadt begleiten. Ewiger Begleiter (neben dem Cringe) sind die Vorliebe für Glitzer, Nutella und natürlich die No-Angels. Mit dem persönlichen Feeling eines Memoirs schafft es dieses Buch, mitten ins Herz zu treffen und ist doch reflektiert genug, um über den Einzelfall hinauszuweisen. Verena Bogner schreibt so, dass man lacht und einen Satz später das Buch kurz sinken lassen muss, weil etwas zu nah geht. Von der Flucht aus dem Badezimmerfenster eines Katastrophen-Geburtstags, bis hin zu fehlgeschlagenen Flirt-Versuchen und leeren Tanzflächen beim ersten DJ-Gig nimmt die Geschichte ihren Lauf und spart den Schmerz des Erwachsenwerdens nicht aus.


Woher kommt der Cringe?

Was das Buch so stark macht, ist die Erkenntnis, dass das Empfinden von Peinlichkeit keine persönliche Schwäche ist, die im Vakuum entsteht. Selbstscham wird uns auferlegt und wird so zur internalisierten Kontrolle. Durch einen abwesenden Vater, der vor seinem Verschwinden noch schafft, die Nutella-Vorliebe zu zerstören und Komplexe auszulösen. Durch Mobbing in der Schule, was einem das Gefühl von Zugehörigkeit verwehrt. Oder einen Job in der Medienbranche, in der jeder scheinbar nur sein perfektes Leben zeigt und so zum Verschleiern seines wahren Ichs führt.


Bogner nimmt ihren Werdegang auseinander, ohne sich zu beklagen, und schafft es, dass jedes Kapitel sich nach einer Umarmung anfühlt. Der Cringe, so zeigt sie, ist oft nicht ihrer. Er wurde ihr gegeben.

Das trifft einen psychologischen Nerv, der weit über eine individuelle Erfahrung hinausreicht. Der ständige Impuls, nicht zu viel, aber auch nie zu wenig zu sein, ist eine kollektive Erschöpfung. Authentizität wird immer mehr gefordert, aber was passiert, wenn das Umfeld diese dann nicht aushält?


Chosen Family als Gegenentwurf

Der Gegenpol zu dieser Erschöpfung sind die Freundschaften der Ich-Erzählerin und hier wird das Buch richtig schön. Die sogenannte Chosen Family, die sich durch alle vier Phasen zieht, funktioniert als sehr konkretes Gegenmodell: Menschen, bei denen man nicht nachdenkt, wie man ankommt. Die über den Cringe lachen, weil sie ihn kennen, oder ihn gar nicht erst sehen, weil sie schauen, wer man wirklich ist. Rosalie, Flora und Josef sind das Auffangnetz der Ich-Erzählerin und mit ihrem klaren Feedback, bedingungslosen Support und friedlich-glitzernder Rebellion gegen Ungerechtigkeit im Leben der Ich-Erzählerin wachsen sie einem so richtig ans Herz. Sie sind das Heilmittel zur Peinlichkeit, denn wie echte Freund*innen das so tun, wollen sie nur dein Bestes und dein wahres Ich zum Strahlen bringen.


Hier liegt auch der eigentliche Kern des Buches: Authentizität ist kein Willensakt. Man kann sich nicht einfach entscheiden, man selbst zu sein, wenn das Umfeld das systematisch bestraft. Was wirklich hilft, sind neben Therapie und Erfahrungen, vor allem Menschen, die einen halten, wenn man selbst nicht stehen kann. Und in einer Zeit, in der Self-Care meistens als Einsiedler-Praxis vermarktet wird, ist das eine notwendige Gegenthese.



Louisa Schumacher studiert Creative Business und ist als Gastautorin und Fotografin für verschiedene Magazine tätig. In ihren Texten und Bildern verbindet sie Medien und Kultur mit gesellschaftlichen Perspektiven und legt dabei einen besonderen Fokus auf FLINTA*-Künstler*innen und queere Stimmen.

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