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Demütigungsritual Initiativbewerbung: Die Jobkrise als Problem der jungen Akademiker*innen

  • Autorenbild: Anika Bentley
    Anika Bentley
  • vor 2 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

“Handwerk hat goldenen Boden” – mit Kommentaren wie diesen scheint unsere Elterngeneration das Problem Jobsuche ganz einfach aus ihrem Kopf in unsere Schuhe zu schieben. Ganz nach dem Motto: “Hätten wir das Problem vorausgesehen, würden wir jetzt nicht darunter leiden”. Doch in meiner Glaskugel war zu meinem Studienstart 2018 leider nichts von der Wirtschaftskrise zu lesen, die 2026 junge Absolvent*innen nach ihrem Masterabschluss direkt zum Arbeitsamt oder zurück in die Gastro treibt. Ein Kommentar von KULTURA-Autorin Anika.


von Anika Bentley

24.06.2026


Hunderte Bewerbungen und keine einzige Zusage zu einem Vorstellungsgespräch - für junge Berufseinsteiger*innen oft die Realität. Foto: Anika Bentley
Hunderte Bewerbungen und keine einzige Zusage zu einem Vorstellungsgespräch - für junge Berufseinsteiger*innen oft die Realität. Foto: Anika Bentley

Augen auf bei der Berufswahl? Die vergangenen Jahre haben unsere Gesellschaft mit einer Vielzahl an Krisen erschüttert, die den Arbeitsmarkt nachhaltig beeinflusst haben. Die Wirtschaftskrise bringt viele Unternehmen branchenweit dazu, Stellen abzubauen, und die wenigen verbleibenden Neueinstellungen fokussieren sich immer öfter darauf, lediglich den firmeneigenen KI-Agenten zu trainieren. Am härtesten treffen diese Veränderungen Berufseinsteiger*innen. Während langjährige Mitarbeitende in Managementpositionen eher über den Rückgang der Home Office-Tage klagen, bleibt dem Nachwuchs der Zugang zum Arbeitsmarkt beinahe gänzlich verwehrt. Besonders stark trifft das die

Hochschulabsolvent*innen.


Jobeinstieg nicht ohne langjährige Berufserfahrung

Die Stellenausschreibungen speziell für Berufseinsteiger*innen sind rar. Das bestätigt auch eine Umfrage des Jobportals Stepstone: Im Frühjahr 2025 lag die Anzahl an ausgeschriebenen Einstiegsjobs 45 Prozent unter dem Fünfjahresdurchschnitt. Dementsprechend sind die Anforderungen für die begehrten Stellen hoch. Ablehnung erfolgt nicht wegen mangelnder Qualifikation, sondern schlichtweg aufgrund von zu großer Konkurrenz und zu vielen Interessent*innen auf zu wenige freie Positionen. Die Analyse von Stepstone zeigt einen deutlichen Rückgang an offenen Stellen besonders im Personalwesen oder in der Verwaltung.


Hochschulabsolvent*innen haben es besonders schwer

Viele Akademiker*innen melden sich arbeitssuchend, bevor ihr Bachelor- oder Masterzeugnis

überhaupt im Briefkasten liegt. Die Bundesagentur für Arbeit berichtet von einem Hoch der Akademikerarbeitslosigkeit in 2025, mit einem Höchststand von 335.000 Arbeitslosen mit (oder trotz) Hochschulabschluss. Die Analyse von Stepstone erklärt den Frust: Hochschulabsolvent*innen werden tendenziell öfter geghostet – obwohl sie mehr Zeit in die Bewerbungsverfahren investieren, als Absolvent*innen einer Berufsausbildung es tun. Die berufsspezifischen Arbeitslosenquoten steigen laut der Arbeitsagentur besonders in den Naturwissenschaften, im Marketing und in der Mediengestaltung.


Liegt die Hoffnung im Handwerk?

Hätte, hätte, Fahrradkette: Eine Ausbildung zur Mechatroniker*in oder Zweiradmonteur*in hätte

zumindest verhindert, dass die immer rausspringt. Ja, es stimmt: Absolvent*innen einer Berufsausbildung haben es auf dem Arbeitsmarkt aktuell leichter. Stepstone verzeichnet einen klaren Zuwachs an offenen Stellen im Handwerk und das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung berichtet, dass die Übernahmequoten für Absolvent*innen in Ausbildungsberufen steigen.


Ein fester Job gleich nach der Abschlussprüfung? Davon können Akademiker*innen nur träumen.

Also ja: Wenn die wirtschaftlichen Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt voraussehbar gewesen wären, hätten sich bestimmt viele Hochschulabsolvent*innen gegen ein Studium und für eine Ausbildung entschieden. Aber auch nicht jeder Ausbildungsberuf ist automatisch vor der Wirtschaftskrise sicher. In der IT gehen ebenfalls die offenen Stellen zurück. Das betrifft sowohl Expert*innen mit Hochschulabschluss, als auch Fachkräfte, die zuvor eine Ausbildung gemacht haben. Wirkliche Sicherheit bietet das Handwerk wohl nur, wenn es darum geht, Wände zu streichen oder Kinder zu betreuen.


Auch, wenn eine Festanstellung nett wäre, würde etwas Mitgefühl erstmal reichen

Die aktuelle wirtschaftliche Situation ist nicht mit der Zeit vergleichbar, in der die Boomer- und Millenial-Generation ihren ersten Arbeitsvertrag unterschrieben hat. Die Legende von der ausgedruckten Bewerbung unterm Arm, die mit einem feuchten Händedruck gleich an den Chef übergeben und durch den erlösenden Satz “Fang’ Montag an!” belohnt wurde, dröhnt vielen arbeitslosen Studienabsolvent*innen in den Ohren, während sie bei Indeed den Radius um ihre Heimatstadt erhöhen, um dann verzweifelt auf “aktualisieren” zu klicken.


Selten gibt es eine individuelle Lösung für ein strukturelles Problem. So wie es einer Verzweiflungstat gleicht, Firmen ohne offene Inserate eine KI-optimierte Initiativbewerbung zukommen zu lassen, wäre es unsinnig, Jahre voller Praktika und Credit Points hinter sich zu lassen, um am ersten August eine Ausbildung zur Elektriker*in anzufangen. Durch die Anerkennung der Elterngeneration wird das Problem nicht verschwinden. Aber zumindest würden sich die Kinder dann wieder trauen, es am Essenstisch anzusprechen.


Anika Bentley hat Kommunikations- und Medienwissenschaften in Bremen und Berlin studiert und schreibt aktuell bei einem Nachrichtenportal für junge Menschen über gesellschaftsnahe Diskurse, Gesundheits- und Verbraucherthemen sowie Trends aus dem Internet.

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