top of page

"Das Schönheitsideal, schlank zu sein, wird noch lange anhalten": Antonia Valentina Herbort über Y2K und Körperbilder

  • Autorenbild: Julia Schöpfer
    Julia Schöpfer
  • 22. Juni
  • 4 Min. Lesezeit

Ein Blick in die Shoppingmeilen am Samstagnachmittag und man wird zurückversetzt in die trashige Zeit der 2000er: Fingernägel glänzen silbern in der Sonne, Low-Rise-Jeans mit Crop-Tops zeigen so viel Haut wie möglich. Alles wirkt akribisch körperbetont. Der „Y2K ist keine Mode, in der man seinen Körper verstecken kann“. Warum der Trend gleichzeitig Selbstbewusstsein fördern und gesellschaftliche Schönheitsideale verstärken kann, erklärt Modejournalistin Antonia Valentina Herbort im KULTURA-Interview.


von Julia Schöpfer

22.06.2026


Antonia Valentina Herbort ist im Jahr 2000 geboren und stolzes Mitglied der umstrittenen Generation Z. Modejournalistin zu sein heißt für die Hamburgerin, die Wechselwirkung zwischen Mode, Mensch und Zeitgeist zu entschlüsseln. Bei ihrer Arbeit faszinieren Valentina vor allem die Dinge, die sich erst auf den zweiten Blick erschließen. Ob psychologische, kulturelle oder historische Hintergründe – dass Mode viel mehr als reine Äußerlichkeit ist, vermittelt sie seitdem erfolgreich auf ihren Social-Media-Kanälen (Instagram,: über 75.000 Follower, TikTok: über 36.000 Follower). Foto: Antonia Vanlentina
Antonia Valentina Herbort ist im Jahr 2000 geboren und stolzes Mitglied der umstrittenen Generation Z. Modejournalistin zu sein heißt für die Hamburgerin, die Wechselwirkung zwischen Mode, Mensch und Zeitgeist zu entschlüsseln. Bei ihrer Arbeit faszinieren Valentina vor allem die Dinge, die sich erst auf den zweiten Blick erschließen. Ob psychologische, kulturelle oder historische Hintergründe – dass Mode viel mehr als reine Äußerlichkeit ist, vermittelt sie seitdem erfolgreich auf ihren Social-Media-Kanälen (Instagram,: über 75.000 Follower, TikTok: über 36.000 Follower). Foto: Antonia Vanlentina

Seit sechs Jahren feiert die Y2K-Mode sein Comeback. Mit ihm modelliert die Gen Z ihren Kleiderschrank nach Eskapismus: „Viele junge Menschen sehnen sich nach Zeiten, die sie häufig aus einer kindlichen Brille heraussehen“, meint Herbort, „Die Y2K-Ästhetik ist wahnsinnig expressionistisch - raumeinnehmend, queer und selbstbewusst“.


Zaghafte Umdeutungen im rosaroten Original

Online sieht man die Y2K-Mode fast ausschließlich an dünnen Körpern. Das glänzende Original

der 2000er präsentierte sich an schlanken Frauen und machte damit andere Körpertypen unsichtbar. In ihrer 2.0-Version wird gegen diese Unsichtbarkeit angekämpft, meint Herbort: „Ich denke nicht, dass alle jungen Mädchen das Gefühl haben, sie müssten extrem schlank sein. Viele sind bauchfrei und nicht alle super skinny. Dieses Gefühl hat etwas sehr politisches und rebellisches.“ Dabei hebt sie hervor: „Auch damals waren nicht alle Menschen dünn, die Y2K getragen haben. Es sind aber nicht die Leute, die wir vielleicht sehen.“


Dennoch scheint diese Sichtbarkeit fragil zwischen gesellschaftlichen Schönheitsidealen und der Ästhetik des originalen Y2K-Trends. Ihre Vorsichtigkeit hebt dabei ein größeres Problem hervor: Gewicht fungiert als das Statussymbol schlechthin in einer wirtschaftlich unsicheren Zeit. Statussymbole werden dann häufig Dinge, die ‚einfach’ zu kontrollieren oder umzusetzen seien, so Herbort.


Schnell wirkt der Körper dann wie ein mit Disziplin verknüpftes, verformbares Accessoire. Eines, das der Eigenverantwortung zu schulden ist. Eine Trendform, wie der Y2K, in dem Kleidung zur Gussform für den Körper modelliert wird, verstärkt diesen Gedanken. Der dicke Körper, so schreibt es Stephanie Frfr. von Liebenstein, gilt in einer solchen Umgebung als Marker von Abweichung. In der im Artikel vorkommenden Studie der Autorin Eva Barlösius, schildern dicke Jugendliche ihre Wahrnehmung: Ihren sozialen Status scheinen sie hauptsächlich mit ihrem Körper verknüpft zu sehen und weniger an anderen

sozioökonomischen Faktoren.


Selbstfürsorge, Spaß und Status im perfekt inszenierten Essen

Dass sich Jugendliche mehr mit ihrem Körper beschäftigen und diesen oft unbewusst als Status sehen, zeigt auch eine Studie von Warren Teichner: Junge Menschen interessieren sich für Wellness, die sich auf das Aussehen und die Gesundheit konzentriert. Damit wird, nach einer Lifesum-Umfrage, auch gesundes Essen wichtiger: „In Zeiten steigender Kosten werden Luxusgüter entbehrlich, eine nahrhafte, ausgewogene Ernährung jedoch nicht. [...]


Y2K-Mode, Wellness und gesundes Essen prägen die digitale Lebenswelt vieler junger Menschen und beeinflussen den Blick auf den eigenen Körper. Foto: Ivan Aviles
Y2K-Mode, Wellness und gesundes Essen prägen die digitale Lebenswelt vieler junger Menschen und beeinflussen den Blick auf den eigenen Körper. Foto: Ivan Aviles

Die gesunde Ernährung hat sich für die Gen Z als erschwingliche und zugängliche Quelle des Vergnügens entwickelt“. Essen ist nun viel mehr als nur Nahrung. Es ist ein ästhetisches Erlebnis und nimmt als Selbstfürsorge zunehmend Raum in der digitalen Welt ein. Für Herbort stecken unzählige Statussymbole einer gesunden Ernährung: Eine Familie zu haben, die sich gesunde Lebensmittel leisten kann und die Zeit besitzt, zu kochen. Der Körper und alles, was mit ihm einhergeht - Klamotten, Erscheinungsbild, Gesundheit - wirken wie Möglichkeiten, Status zu erreichen und inmitten wirtschaftlicher Krisen nicht komplett abgehängt zu werden. Schlanksein wird damit zunehmend zum verheißenden Kontrollmedium.


Dabei tauchen immer wieder Worte wie Wellness und Selfcare auf: Was nun aber in kleinen, gesunden, proteinreichen Portionen glamourisiert wird, wurde früher, weitaus weniger verschleiert und ästhetisch unter Hungern beworben. Auch die 2000er waren voller zweischneidiger Selbstfürsorge: Saftkuren und Diäten, die sich immer wieder neu an den Zeitgeist anpassten, um weiterhin akzeptiert zu werden. Marken etablieren neue Begriffe, wie das „Clean Eating“, nachdem harte Begriffe tabuisiert werden.


Zeit für viel Selbstbewusstsein und viel Dialog

Herbort drängt dabei zur Entmystifizierung: „Wir leben in Zeiten, in denen uns viele verschiedene Faktoren in das Dünnsein hineintreiben.“ Hilfe könnte für sie unterstützende Generationengespräche leisten, in denen Frauen Erfahrungen schildern: „Wir können von uns gegenseitig viel abschauen. Man kann so das Statussymbol brechen, aber das Schönheitsideal, schlank zu sein, wird noch lange anhalten.“


Die junge Generation, die mit der Ästhetisierung von körperbetonten Klamotten und gesundem Essen aufgewachsen ist, hält inne, wo Medien weiter gehen: Sie überträgt den expressionistischen Gedanken des Y2Ks auf den eigenen Körper. Wenn andere es als mutig empfinden, im Sommer bauchfrei zu tragen und den Bauch nicht einzuziehen, setzt die Gen Z es selbstbewusst um. Die Kleidung ist keine Gussform für die Figur, sondern wird angeeignet und umgedeutet. Genau darin liegt eine stille Rebellion gegen die Ideale des Y2K: Die Kleidung passt sich der Figur an und wird am selbstbewussten Körper zum Accessoire.



Julia Schöpfer ist 23 Jahre alt, schrieb für die TAZ und war bei Unizeitungen und Jugendredaktionen tätig. An der Uni Halle studierte sie Soziologie und Medien- und Kommunikationswissenschaften. Neben dem Journalismus schreibt und veröffentlicht sie Gedichte. 


Kommentare


bottom of page