"Bestie" von Joana June: Wenn Sprache stärker ist als die Figuren
- Tara Yakar

- 24. Feb.
- 2 Min. Lesezeit
Zwei Frauen, die eine ganz besondere Beziehung miteinander führen - aufgebaut auf einer einzigen Lüge. Joana June schreibt einen spannenden Roman über die Suche nach der eigenen Identität, dem falschen Glanz der Welt der Influencer*innen und über Unsicherheit. Eine tiefgründige, poetische Geschichte, wenn ihr nicht ein entscheidendes Fundament fehlen würde.
21.02.2026
von Tara Yakar

Die unsichere Delia ist auf der Suche nach einem neuen WG-Zimmer und mehr noch nach sich selbst. Als die bekannte Influencerin Anouk eine Mitbewohnerin castet, sieht Delia darin ihre Chance auf einen Neuanfang. Sie erfindet sich neu und gibt sich als Lilly aus, eine selbstbewusste Bühnenautorin mit klarer Haltung und großer Ausstrahlung. Doch das fragile Konstrukt dieser erfundenen Identität beginnt schnell zu wanken. Während Delia immer tiefer in ihre Rolle schlüpft, verlieren sich beide zunehmend in einer Welt aus Inszenierung, Schein und Lügen. Zwischen ihnen entsteht eine besondere Nähe, bis ein unerwartetes Ereignis alles zu bedrohen scheint.
Junes sprachliche Stärke trägt den Roman auch durch seine Schwächen.
Ein Fest der Poesie
June überzeugt mit einem poetischen Schreibstil, der trotzdem flüssig bleibt und zu einem schnellen Verschlingen der Seiten verleitet. Die Handlung bleibt durchweg spannend und zieht sich nur in wenigen Momenten. Lillys fast schon theatralische Erzählperspektive verleiht dem Roman eine nahezu düstere Note und animiert zum Grübeln über die weitere Handlung. Patriarchats- und Kapitalismuskritik sind sinnvoll eingebettet, wenn auch in manchen Teilen ein wenig oberflächlich. Die Geschichte bietet gute Rahmenbedingungen, um eine vollends positive Leseerfahrung zu ermöglichen, wenn da nicht die Protagonistinnen wären.
Schwache Protagonistinnen
Weder Influencerin Anouk noch Studienabbrecherin und angehende Drehbuchautorin Lilly, waren greifbare Charaktere. Viele ihrer Beweggründe und Motive für ihr Verhalten blieben bis zum Ende ungeklärt, wie beispielsweise der Grund für Lillys Obsession mit Anouk. Dass beide ziemlich unsympathisch wirkten, hätte mit einer stimmigen Hintergrundgeschichte, mehr allgemeinen Infos über deren Persönlichkeitsstruktur oder mehr Informationen aus der Vergangenheit ausgeglichen werden können. Wurde es aber leider nicht ausreichend. Auch das Love Interest beeindruckte nicht mit Tiefe, sondern eher mit fragwürdigen Aussagen.
Nichtsdestotrotz erzählt Bestie eine fesselnde Geschichte über zwei Frauen, die auf unterschiedliche Weise nach Identität und Selbstverortung suchen. Junes sprachliche Stärke trägt den Roman auch durch seine Schwächen. Doch so eindrucksvoll die Sprache ist, sie allein kann die fehlende psychologische Ausarbeitung der Figuren nicht vollständig ersetzen.
Joana June, 1996 in München geboren, studierte professionelles Schreiben in Köln. Auf Social Media gibt sie Einblicke in ihren Schreibprozess und teilt Buchempfehlungen mit einer großen Community. Bestie ist ihr Debütroman.
Erschienen 2025 bei Bastei Lübbe, pola 336 Seiten, Rezensionsexemplar




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