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Zwischen Tolstoi und Icebreaker: Warum sich Liebesgeschichten seit 150 Jahren kaum verändern

  • Autorenbild: Annika Behrens
    Annika Behrens
  • 8. Apr.
  • 4 Min. Lesezeit

Es wird zwar insgesamt immer weniger gelesen, doch in der BookTok-Bubble auf TikTok sieht das ganz anders aus. Besonders beliebt sind dort die neuen Genre-Phänomene Young Adult und New Adult, Geschichten über junge Erwachsene. Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass romantische Liebe kulturübergreifend ähnliche Prozesse im Gehirn aktiviert. Gefühle wie Anziehung, Sehnsucht und emotionale Abhängigkeit sind also keine Erfindung moderner Literatur, sondern tief im menschlichen Wesen verankert.


Ob 1878 oder 2023: Herzschmerz und Sehnsucht prägen Liebesgeschichten über Generationen hinweg. Foto: Gülfer ERGIN
Ob 1878 oder 2023: Herzschmerz und Sehnsucht prägen Liebesgeschichten über Generationen hinweg. Foto: Gülfer ERGIN

Wenn Klassiker plötzlich modern wirken

Was früher Twilight und Fifty Shades of Grey Anfang der 2010er waren, findet sich in ähnlicher Form bereits in Klassikern wie Anna Karenina von Tolstoi wieder. Drama, Eifersucht und Herzschmerz treten immer wieder auf. Es kommt einem vor, dass die Liebesgeschichten über Generationen hinweg doch dieselben bleiben, nur in anderem Gewand.

Ein Vergleich zwischen dem modernen New Adult Roman Icebreaker von Hannah Grace und Tolstois Klassiker der Weltliteratur Anna Karenina mag ungewöhnlich erscheinen, zeigt jedoch, wie viel beide gemeinsam haben.


Leidenschaft als literarische Konstante

Im Klassiker von 1878 trifft Anna den Offizier Graf Wronski zum ersten Mal am Bahnhof in Moskau. Es liegt schon fast eine elektrische Spannung in der Luft. Tolstoi beschreibt weniger konkrete Handlungen als die Atmosphäre zwischen den Figuren: Blicke, kurze Gespräche, eine schwer erklärbare Anziehung. Die Szene lebt davon, dass beide Figuren spüren, dass etwas begonnen hat, das größer sein könnte als sie selbst. So auch bei dem modernen Roman Icebreaker von 2023. Die Eiskunstläuferin Anastasia und der Hockeyspieler Nathan geraten aneinander, weil ihre Teams die Trainingsfläche teilen müssen. Was zunächst wie Rivalität wirkt, entwickelt sich schnell zu einer unterschwelligen Spannung, die vor allem körperlich abgeladen wird. Im weiteren Verlauf entfalten sich beide Geschichten zu intensiven Liebesbeziehungen, die zunehmend von Unsicherheit, Abhängigkeit und emotionaler Dynamik geprägt sind.


In Anna Karenina entwickelt sich aus der anfänglichen Anziehung eine leidenschaftliche Affäre, die Anna immer stärker von ihrem bisherigen Leben entfernt. Auch in Icebreaker verschiebt sich die Dynamik zwischen Anastasia und Nathan immer wieder zwischen Nähe und Rückzug. Die Beziehung entwickelt sich in einem modernen, scheinbar freieren Kontext, bleibt jedoch von ähnlichen Spannungen durchzogen: unausgesprochene Erwartungen und die wiederkehrende Frage, wie viel Verbindlichkeit tatsächlich möglich ist.


„Ich hasse es, wenn du weinst, Anastasia.“ – Nathan Hawkins, Icebreaker

„Ich kann nicht bleiben. Ich muss mich wieder an das gewöhnen, was ich war.“ – Wronski, Anna Karenina





Und was hat sich verändert?

Die emotionale Grundlage dieser beiden Liebesgeschichten bleibt erstaunlich gleich. Sie bewegt sich zwischen starker Anziehung, Unsicherheit und der Angst vor Verletzlichkeit.

Doch die Konsequenzen sind andere. Für Anna wird die Beziehung zum Schicksal, dem sie sich kaum entziehen kann. Für Anastasia hingegen erscheint sie wie ein Spiel. Anna Karenina und Icebreaker liegen mehr als 150 Jahre auseinander und unterscheiden sich in fast allem. Beide zeigen eine Frau, die hofft. Die bleibt. Die sich anpasst.


Was in der klassischen Literatur häufig als tragisch oder zerstörerisch dargestellt wird, erscheint in modernen Liebesgeschichten als besonders intensiv oder romantisch. Emotionale Unerreichbarkeit wird nicht nur problematisiert, sondern oft auch ästhetisiert.

Der entscheidende Unterschied liegt nicht in den Gefühlen, sondern in den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Während Anna in einer Welt lebt, in der ihre Entscheidungen unmittelbare soziale Konsequenzen haben, bewegt sich Anastasia in einem Kontext, der ihr mehr Freiheit lässt. Tolstoi greift die tiefgreifenden sozialen und geistigen Umbrüche im Russland des 19. Jahrhunderts auf. Während gesellschaftliche Normen und wirtschaftliche Abhängigkeiten den Handlungsspielraum stark begrenzten, sind Beziehungen heute stärker von persönlicher Wahl und individuellen Lebensentwürfen geprägt.


In der Psychologie wird ein solches Verhalten häufig mit vermeidenden Bindungsmustern in Verbindung gebracht. Der Psychologe John Bowlby beschreibt in seiner Bindungstheorie, dass Menschen Nähe regulieren, um sich vor emotionaler Abhängigkeit zu schützen. Diese Muster zeigen sich auch in literarischen Figuren. Gleichzeitig verschiebt sich der Konflikt nach innen. Was früher gesellschaftlicher Druck war, wird heute zu Unsicherheit. Distanz, Unklarheit und fehlende Verbindlichkeit entstehen durch die Dynamik zwischen den Figuren selbst.


Auffällig ist auch eine Veränderung in der Bewertung dieser Dynamiken. Was in der klassischen Literatur häufig als tragisch oder zerstörerisch dargestellt wird, erscheint in modernen Liebesgeschichten als besonders intensiv oder romantisch. Emotionale Unerreichbarkeit wird nicht nur problematisiert, sondern oft auch ästhetisiert. Diese Verschiebung hängt auch mit der heutigen Medienlogik zusammen. Mediennutzungsstudien zeigen auf, dass Inhalte innerhalb von ein paar Sekunden die Aufmerksamkeit erzeugen müssen, um wahrgenommen zu werden. Geschichten, die von Spannung, Unsicherheit und widersprüchlichen Gefühlen leben, erzeugen Aufmerksamkeit – insbesondere in digitalen Räumen, in denen emotionale Intensität über Sichtbarkeit entscheidet.

So verändert sich nicht die Struktur der Liebe in der Literatur, wohl aber ihre Deutung: Was früher als Warnung gelesen werden konnte, wird heute als Ideal erzählt.


Schlussgedanke

Die Gegenüberstellung dieses neuen New Adult Romans und dem Weltklassiker der Liebesromane zeigt, dass sich die Liebesgeschichte weniger in ihrem Kern als in ihrer Deutung unterscheiden. Sehnsucht, Anziehung und emotionale Unsicherheit prägen diese literarischen Figuren seit Jahrhunderten.

Während Klassiker wie Anna Karenina die Ambivalenz von Liebe sichtbar machen, wird sie in modernen Erzählungen wie Icebreaker häufig auf die Intensivität reduziert. Die Distanz erscheint nicht mehr nur als ein Problem, sondern auch als ein Teil einer besonders erzählenswerten Verbindung.


Damit prägt die Literatur nicht nur, wie über Liebe geschrieben wird, sondern auch, wie sie verstanden wird. Eine Studie, die im International Journal of Literature Studies veröffentlicht wurde, beschäftigte sich damit, dass Literatur einen Einfluss darauf nimmt, wie Personen Beziehungen und Partner wahrnehmen und welche Entwicklung sie an Partnerschaften hegen. Wenn bestimmte Beziehungsmuster immer wieder als romantisch inszeniert werden, können sich Erwartungen in reale Beziehungen einschreiben.

Vielleicht liegt genau darin die Veränderung: Nicht darin, wie wir lieben, sondern darin, was wir glauben, wie Liebe sein sollte.



Annika Behrens ist gelernte Texterin und junge Autorin. In ihrem Studium befasst sie sich mit den Auswirkungen von Liebesbildern in der Literatur.

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