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Jannis Niewöhner über modernes Dating: „Wir vergessen das Wesentliche“

  • Autorenbild: Tara Yakar
    Tara Yakar
  • 16. Apr.
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 18. Apr.

Der Schauspieler über Beziehungen und Veränderungen in den Dreißigern


Verliebt, verlobt – und dann? Beziehungen wirken heute oft unverbindlicher und zwischen unzähligen Dating-Apps und der Angst, sich festzulegen, scheint das „Für immer“ zunehmend an Bedeutung zu verlieren. Genau diesem Thema widmet sich der Film ALLEGRO PASTELL. Schauspieler Jannis Niewöhner spricht im KULTURA-Interview über Beziehungen, Veränderungen in den Dreißigern und eine Seite von sich, die sein Publikum so nicht erwartet.


von Tara Yakar

17.04.2026


Zuletzt war Jannis Niewöhner als Viktor in der Verfilmung von 22 Bahnen im Kino zu sehen. Foto: Valeria Mitelmann
Zuletzt war Jannis Niewöhner als Viktor in der Verfilmung von 22 Bahnen im Kino zu sehen. Foto: Valeria Mitelmann

Jannis Niewöhner ist 1992 in Krefeld geboren und ein deutscher Schauspieler, der vor allem durch Filmreihen wie Rubinrot, Saphirblau und Smaragdgrün bekannt wurde. Für seine Leistungen wurde er mehrfach ausgezeichnet. Im Film ALLEGRO PASTELL (Kinostart: 16. April) spielt er Jerome - einen jungen Mann, der zwischen emotionaler Distanz, und dem Wunsch nach Nähe schwankt und damit Teil einer Geschichte über moderne Beziehungen und unverbindliches Dating ist. Gemeinsam mit der Schriftstellerin Tanja (Sylvaine Faligant) erzählt der Film von einer modernen Fernbeziehung zwischen Berlin und einem Vorort in Hessen, die stark von digitalen Kommunikationsformen geprägt ist. Anna Rollers Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Leif Randt und begleitet die beiden Protagonist*innen auf ihrem Weg zur Selbstfindung und zeigt, wie sich die Zwanzigern von den Dreißigern unterscheiden können.


Jannis, du hast schon viel schauspielerische Erfahrung – was hat diesen Dreh von anderen unterschieden?

Auf jeden Fall die Bubble und die Figuren. Die sind schon sehr speziell. So speziell, dass man schon fast genervt von ihnen sein kann. Ich hatte beim Lesen so widersprüchliche Gefühle gegenüber den Figuren und gleichzeitig musste ich versuchen, sie nicht zu verurteilen. Der Prozess, mich in sie hineinzuversetzen, war toll.


Gab es Aspekte deiner eigenen Persönlichkeit, die du für die Rolle einbringen konntest?

Ich war schon oft genervt und manchmal leicht abgestoßen von meiner eigenen Figur. Letztendlich hatte die Rolle aber mehr mit mir selbst zu tun, als mir lieb war. Dieses Gefühl, aus den Zwanzigern herauszuwachsen und in den Dreißigern mehr Ausgeglichenheit und Ruhe zu suchen, kenne ich gut. Gleichzeitig weiß ich auch, dass ich nicht so konsequent bin wie Jerome, was den Sicherheitsabstand angeht, den er zu allem einnimmt. Genau das ist es nämlich, was mich an ihm und auch an den anderen Figuren so aufregt.


Ein Blick hinter die Kulissen: Sylvaine Faligant und Jannis Niewöhner bei den Dreharbeiten zu Allegro Pastell. Foto: DCM Film
Ein Blick hinter die Kulissen: Sylvaine Faligant und Jannis Niewöhner bei den Dreharbeiten zu Allegro Pastell. Foto: DCM Film

Welche Aspekte stören dich denn allgemein an deiner Arbeit als Schauspieler?

Am meisten stören mich die Pausen während eines Drehs. An manchen Tagen ist man völlig drin und dann kommt plötzlich eine Unterbrechung. Man steckt gerade all seine Energie hinein und muss sie im nächsten Moment wieder loslassen, nur weil nicht gedreht wird. Dieser ständige Wechsel zwischen totaler Entspannung und komplettem Hochfahren ist auf Dauer ziemlich anstrengend.


Ich habe eine große Wut in mir. Ich glaube, das erwartet man manchmal nicht. Das ist zumindest eine Eigenschaft, die ich lange selbst nicht gesehen habe. "

Ein Auf und Ab: So beschreiben auch viele Menschen ihre Zwanziger. Jerome behauptet im Film, dass gerade die Intensität in den Dreißigern sinken würde. Stimmst du dem zu?

Anfang der Dreißiger verändert sich etwas, aber ich würde nicht sagen, dass es weniger intensiv wird. In den Zwanzigern sucht man nur die Intensität woanders als in den Dreißigern. Der Zugang und der Ort der Intensität verändern sich viel mehr.


ALLEGRO PASTELL handelt auch von dem Gefühl, dass etwas zu Ende geht, noch bevor man es ganz verstanden hat. Kommt dir das bekannt vor?

Ich hatte mal eine Phase mit meinem Körper, in der alles einfach zu viel wurde. Dann hat mir jemand gesagt, dass ich erstmal abwarten soll und diese Phase in meinem Leben noch zu meinem besten Freund werden würde. Das war ein total schwieriger Moment für mich, aber im Endeffekt sehr wichtig.


Auch im Film geht es um Nähe, Beziehung und Dating: Vor allem die Gen X klagt immer mehr über unverbindliches Dating. Woher kommt das deiner Meinung nach und wie verändert sich momentan das Bild von Beziehungen?

Der Zugang zu kurzen Begegnungen und schnelllebigen Beziehungen hat sich stark verändert. Genau wie die Möglichkeiten, in Kontakt zu bleiben und sich nahe zu sein, sich verändert haben – wobei man früher auch Briefe schreiben konnte. Trotzdem ist die Flut an Alternativen insgesamt zu groß, sodass man vergisst, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.





Social Media spielt dabei vermutlich auch eine zentrale Rolle. Inwiefern gehört Social Media mittlerweile zum Schauspiel dazu?

Social Media ist ein Werbetool. Man könnte sich eher fragen, inwiefern Schauspiel zu Social Media gehört, weil Social Media einen dazu fordert, der eigenen Außenwirkung bewusst zu sein und mehr Mühe in Selbstinszenierung zu stecken.

 
Apropos Selbstinszenierung: Welche Seite von dir würde dein Publikum am meisten überraschen?

Ich habe eine große Wut in mir. Ich glaube, das erwartet man manchmal nicht. Das ist zumindest eine Eigenschaft, die ich lange selbst nicht gesehen habe. Erst als ich einmal eine Figur spielen musste, die ganz viel Wut in sich getragen hat, ist mir aufgefallen, wie leicht mir das gefallen ist. Denn die Wut lag schon lange in mir, ich hatte nur nie den Zugang zu ihr.

 
Veränderung entsteht oft aus Wut heraus. Was sind aktuell die größten Herausforderungen in der Schauspielbranche?

Gute, mutige und wirklich persönliche Stoffe sind für Geldgeber oft ein Risiko, besonders in einer Zeit, in der überall Mittel fehlen. Gleichzeitig geht es um Kunstfreiheit: also darum, die Möglichkeit zu haben, die eigene Sicht auf die Welt auszudrücken. Genau dieser Raum wird zunehmend enger, obwohl er eigentlich essenziell und so wichtig für Fortschritt ist.

 


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